das Kirchenjahr

11. Sonntag nach Trinitatis

Pharisäer und Zöllner

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe II - Lk 18, 9-14

Liebe Gemeinde!
Das Gleichnis, das wir gerade gehört haben, stellt zwei Menschen einander gegenüber, die beide eines gemeinsam haben: sie wenden sich Gott zu.
Gott ist Bestandteil ihres Lebens. Sie verstehen ihr Leben von Gott her. Und doch sind sie so unterschiedlich, wie kaum zwei Menschen sein können.
Der eine, der Pharisäer, pflegt ein Gottesbild, das er sich selbst zurechtgesetzt hat, während der andere, der Zöllner, sich so sieht, wie er ist: als Geschöpf des Allmächtigen, dessen Gnade man erbitten kann, ohne allerdings einen Anspruch darauf zu haben.
Der Pharisäer hat Gott gewissermaßen an seine Bedürfnisse angepasst. Er nutzt Gott als Bestätigung seiner eigenen Leistungen.
Er bemerkt noch nicht einmal, dass das nicht mehr der Gott ist, von dem in den heiligen Schriften geschrieben ist. Er hat sich das daraus Passende herausgesucht, so dass es seiner Vorstellung von Gott entspricht.
Solange es ihm gut geht, fühlt er sich auch in seinem Gottesbild bestätigt – und das kann ein ganzes Leben lang so sein. Dabei ist in Wahrheit sein Leben einzig dadurch definiert, wie andere Menschen ihn sehen. Er achtet darauf, vor den anderen so dazustehen, dass ihm Ansehen und Respekt sicher sind.
Dazu gehört auch sein Eintreten für Gott, denn das macht ihn zur Respektsperson. Aber auch in dieser Funktion dient er nicht Gott, sondern nur sich selbst.
$bdquo;Gott sei Dank bin ich nicht so ein schlechter Mensch wie so viele andere, und vor allem nicht so ein Sünder wie der da!$rdquo;, denkt er bei sich und dankt Gott dann auch tatsächlich dafür. So als hätte der Zöllner Schweinegrippe, hält der Pharisäer genügend Abstand, um sich ja nicht an der Sünde des anderen zu infizieren.
Denn das ist ja klar und allseits bekannt: Zöllner sind Sünder. Allein der Umstand, dass sie mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiten, macht sie dazu.
Schlimmer noch, dass die Zöllner ihre Glaubensgenossen und Landsleute ausbeuten, indem sie überhöhte Zölle nehmen und einen guten Teil für sich einstreichen, macht sie zu verächtlichen Wesen, die sich selbstverständlich auch vor Gott nicht mehr rechtfertigen können – so dachte man zumindest.
Ob es wirklich stimmte, was da so allgemein über die Zöllner gesagt wurde, wagte keiner zu prüfen, denn man hatte Angst vor dem Unmut der Römer, unter deren Schutz und in deren Auftrag die Zöllner ja schließlich arbeiteten.
Im Grunde ähnelt das sehr der Art und Weise, wie manche Menschen auf die Flüchtlinge unter uns blicken: weil man sie fast überall mit Smartphones hantieren sieht, denkt man sich: denen kann's ja nicht schlecht gehen, oder: das sind ja doch nur Schmarotzer. Und mit solchen will man nichts zu tun haben.
Aber mit der Distanzierung vom Sünder ist es nicht genug. Der Pharisäer zählt dazu noch geflissentlich auf, was für fromme Taten er tut. Er fastet zweimal in der Woche und gibt auch den Zehnten, wie es sich gehört, für den Dienst am Tempel und an den Armen in der Gemeinde.
Was für ein toller Kerl er doch ist! Es ist alles abgedeckt: die Verpflichtungen Gott und den Menschen gegenüber nimmt er ohne zu Murren wahr und hält sich an alle Regeln, die dem Gemeinwohl dienen.
Der Zöllner zählt solche Taten nicht auf. Er bittet nur um Vergebung.
Soll man daraus schließen, dass er weder fastet noch den Zehnten gibt? Oder soll es vielmehr bedeuten, dass er diese Dinge für so selbstverständlich erachtet, dass er sie keiner Erwähnung würdigt? Ihm liegt nur etwas Schweres auf der Seele, und das spricht er aus: Gott, sei mir Sünder gnädig. Dabei wagt er noch nicht einmal, seine Augen zum Himmel, zu Gott hin, zu erheben, denn er weiß, dass er dessen nicht würdig ist.
Ob er nun so ein Sünder ist, wie man sich das damals vorstellte? Ob er wirklich die Menschen übervorteilte, mehr Zoll nahm als vorgeschrieben und sich daran bereicherte? Oder ist es vielleicht auch nur, dass ihm die Sündhaftigkeit seiner Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht bewusst ist?
Oder denkt er an ganz andere Dinge: etwa, dass er eine andere als seine eigene Frau begehrlich angesehen hat? Oder dass er böse Gedanken gegen einen anderen hegte? Oder dass er auf die Schmähungen, die ihm tagtäglich bei seiner Arbeit an den Kopf geworfen werden, in ähnlicher Weise, mit provozierenden oder gar beleidigenden Worten, reagiert hat?
Gott weiß es – auch das wird in diesem Gleichnis deutlich. Alles andere ist Spekulation, zu der wir kein Recht haben. Denn sie führt immer zur voreiligen Verurteilung.
Gott weiß es – und damit soll es auch gut sein. Wir haben kein Recht, andere zu verurteilen und über sie den Stab zu brechen. Wir dürfen nicht andere aufgrund von Gerüchten und Vorurteilen ins Abseits drängen.
Das gilt auch für die Flüchtlinge unter uns. Zuallererst müssen wir sie kennenlernen, die Fragen und Zweifel, die wir haben, mit ihnen erörtern. Und wenn das geschehen ist, merken wir, dass die Dinge viel komplexer sind, als wir sie uns anfangs vorgestellt haben. Und wir begreifen, dass wir kein Recht haben, sie zu verurteilen.
Wer von den beiden, von denen uns Jesus im Gleichnis erzählt, ist nun der Bessere?
Diese Frage wird nicht gestellt. Sie ist zwar impliziert, denn Jesus gibt ja die Antwort auf diese Frage, aber das ist nun auch wichtig an der ganzen Geschichte: Jesus bittet nicht die Zuhörer um ihr Urteil, sondern er fällt es selber, denn nur er kann den Richterspruch fällen:
derjenige, der seine Frömmigkeit wie einen Bauchladen vor sich her trägt und sich von all den Sündern distanziert, ist derjenige, der nicht gerechtfertigt wird. Er ist also schlechter dran. Nicht, dass er ein böser Mensch wäre – ein solches Urteil wird nicht ausgesprochen.
Es ist nur so: all seine Frömmigkeit, all seine Treue zu Gott nützt ihm nicht ein bisschen, weil er sich selbst für perfekt hält, weil er dies alles tut. Er erwartet nichts von Gott, weil er selbst schon alles getan hat; also bekommt er auch nichts von Gott.
Der Zöllner hingegen erwartet alles von Gott, und also bekommt er es auch. Seine Sünden sind ihm vergeben.
Noch einmal mit anderen Worten: Der Pharisäer hat Gott verloren, denn er erwartet nichts mehr von ihm, obwohl er sich tagtäglich im Gebet ihm zuwendet.
Aber dieses Gebet ist nichts anderes als eine Selbstbestätigung. Ich bin gut – die anderen sind es nicht (zumindest die meisten anderen), so sagt er sich, wenn er vor Gott steht. Was soll Gott mit solch einem Menschen tun?
Der Zöllner hingegen hat Gott gefunden. Er sieht sich als Sünder, als einer, der Gott gegenüber nicht aus eigenen Stücken gerecht werden kann – und wird zum Gerechten.

Gerne nehmen wir uns den Zöllner zum Vorbild und schauen verächtlich auf den Pharisäer. Wir sind ja allesamt Sünder, wie Paulus es im Römerbrief (Röm 3, 23a) formulierte.
Und so transportieren wir diese Erkenntnis auch gerne wie einen Bauchladen vor uns her und meinen, dass damit schon alles gut sei.
Wie schnell geraten wir so aber in genau die Position, die der Pharisäer einnimmt. Wie schnell zimmern wir uns da unser eigenes Gottesbild, suchen nur Selbstbestätigung und nicht Gott. Und wie schnell grenzen wir uns auf diese Weise ab von jenen, die diese Erkenntnis nach unserer Meinung nicht haben.
Es ist allerdings schwierig, gewissermaßen auf Befehl Sünder zu sein, und nahezu unmöglich, wenn man es sein will, um dafür Lohn zu empfangen, um so gerechtfertigt zu werden. Natürlich ist man dann Sünder, aber die Rechtfertigung erlangt man auf diese Weise nicht. Wir wären nicht anders als der Pharisäer, der Gott seinem Gottesbild anpasst und so alles selbst erledigt.

Das Gleichnis war damals an Menschen gerichtet, die sich anmaßten, fromm zu sein, und die sich selbst für besser als andere hielten.
Das ist das Wesentliche an diesem Gleichnis: die Abwertung anderer, und die Aufwertung von sich selbst. Mit dieser Aussage endet unser Gleichnis ja auch:
Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Das Vertrackte ist nur: auch die Selbsterniedrigung kann einer Selbsterhöhung gleich kommen, dann nämlich, wenn wir von ihr erwarten, dass sie die Erhöhung zur Folge hat.
Es ist wirklich leicht, in die Rolle des Pharisäers zu fallen, und unendlich schwer, ein aufrichtiger Zöllner zu sein.
Denn die Worte Jesu sind ja längst auch im nicht-religiösen Bereich sprichwörtlich geworden. Man mache sich kleiner, als man in Wirklichkeit ist, und sorge zugleich dafür, dass die Vorgesetzten auf die eigenen Leistungen aufmerksam werden, damit man dann am Ende auch die Beförderung bekommt.
Natürlich wird man auch versuchen, den Konkurrenten aus dem Spiel zu werfen – aber das muss alles sehr vorsichtig geschehen, denn das Sprichwort vermittelt, wie es auch in unserer Gesellschaft zugeht: Der Selbsterhöhung folgt die Erniedrigung, evtl. eben auch nur dadurch, dass der Konkurrent den ersehnten Posten bekommt und man selbst ihm untergeordnet wird.
Der Zöllner leidet unter seiner Schuld. Er leidet so sehr, dass er noch nicht einmal seine Augen zu Gott erheben kann. Seine Schuld drückt ihn nieder. Er nimmt wahr, dass er ein Sünder ist, und verhält sich auch so.
Und, was vielleicht das Wichtigste ist: er rechnet nicht damit, von seiner Schuld freigesprochen zu werden. Er bittet nur darum. Denn seine einzige Zuflucht in der Sünde ist Gott. Von ihm, dem Allmächtigen, kann er noch Hilfe erbitten – Menschen könnten ihm nicht helfen.
Wir sind da durch Jesus Christus in einer etwas anderen Position, denn wir dürfen auch damit rechnen, dass Gott uns von unserer Schuld frei spricht. Das ist uns zugesagt durch die Taufe, und diese Zusage nimmt Gott nicht zurück.
Es kommt aber darauf an, dass wir in unserer Schulderkenntnis nicht gleich wieder zu Sündern werden, indem wir scheel auf andere blicken, uns mit ihnen vergleichen und insgeheim oder auch öffentlich uns über sie erheben und vielleicht doch denken, was für tolle Kerle wir doch sind.
Nein, wir sind Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten.
Sicher hilft es uns, wenn wir aufhören, uns mit anderen Menschen zu vergleichen, und anstelle dessen in unseren Gegenübern, seien es nun leichtsinnige Autofahrer, schrullige Nachbarn, Egoisten oder Freunde, Flüchtlinge usw. einfach nur Geschöpfe Gottes zu sehen, die genauso wie wir ein Recht darauf haben, Gottes Liebe und sein Erbarmen zu erfahren.
Wenn wir versuchen, barmherzig zu sein, so wie Gott barmherzig ist, dann geschieht es vielleicht auch, dass wir gerechtfertigt nach Hause gehen.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Nimm von uns, Herr, du treuer Gott (EG 146)
Allein zu dir, Herr Jesu Christ (EG 232)
Ach Gott und Herr, wie groß und schwer (EG 233)
O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten (EG 235)
Ohren gabst du mir (EG 236)
Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren (EG 279)
Aus tiefer Not schrei ich zu dir (EG 299)
Alles ist an Gottes Segen (EG 352)
Jesus nimmt die Sünder an (EG 353)
Ich habe nun den Grund gefunden (EG 354)
Mir ist Erbarmung widerfahren (EG 355)
Gott wohnt in einem Lichte (EG 379)
Ich steh vor dir mit leeren Händen (EG 382)

Predigtvorschläge zu Reihe III - Eph 2, 4-10

Liebe Gemeinde!
Wenn ich Eltern, die ihr Kind taufen lassen wollen, von der Bedeutung der Taufe erzähle, dann gehört dazu selbstverständlich auch dies:
durch das Wasser der Taufe wird alle unsere Sünde von uns gewaschen, wir werden rein, nicht im physischen Sinn, sondern seelisch, also: unsere Seele wird rein gewaschen.
Natürlich wird dann auch festgestellt, dass es eigentlich ja gar nicht sein kann, dass ein Baby schon von Sünde rein gewaschen werden muss. Denn es weiß ja noch gar nicht, was falsch und was richtig ist, es kann also in dem Sinne auch nichts falsch machen.
Die Wirkung der Taufe endet allerdings nicht mit ihrem Vollzug, so wie man isst und danach wieder hungrig wird, sondern sie wirkt für das ganze Leben, und es gibt keinen Menschen, der nicht auch der Vergebung bedürfte. Und da setzt dann die Taufe ein.
Aber auch für Säuglinge hat die Taufe durchaus eine Bedeutung.
Der Kirchenvater Augustinus, der im 4. Jahrhundert lebte und dessen Gedenktag in genau drei Wochen begangen wird, hat mal versucht, das zu begründen, indem er von einer Beobachtung erzählte, die er selbst gemacht hatte. Ein Kind, das noch nicht sprechen konnte, war blass vor Zorn und Neid, weil sein Zwillingsbruder an der anderen Brust der Mutter gestillt wurde. Körperlich, so schreibt er, war das Kind noch nicht fähig zur Sünde, wohl aber seelisch. Es kannte schon Neid und Eifersucht. Man müsse den Kindern diese Eigenschaft erst langsam und mühsam abgewöhnen.
Mit dieser Beobachtung scheint Augustin nicht ganz unrecht zu haben. Erst mit der Zeit wächst sich dieses Neidgefühl aus, wir können das an unseren Kindern recht deutlich beobachten, wie sie langsam lernen, dass man nicht immer das haben muss, was der Bruder oder die Schwester nun gerade hat. Dieses Verlangen aber, dieser Neid, liegt im Wesen des Menschen, es wird ihm angeboren.
Nun könnte man daraus folgern, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens die Chance hat, eben diesen Neid zu überwinden und so zu einem guten, sündfreien Menschen zu werden. Denn offenbar lernt man ja doch, mit dem Neid umzugehen.
Man zeigt ihn nicht mehr, im Gegenteil, man gibt deutlich zu erkennen, dass man dem anderen sein Glück gönnt. Das können wir jetzt zur Zeit bei der Olympiade immer wieder sehen, wenn Verlierer zwar enttäuscht sind, aber doch dem Gewinner gratulieren.
Aber ist das wirklich so neidlos, wie es scheint? Ich kann mir das kaum vorstellen. Man lernt nur mit der Zeit, dieses Gefühl zu unterdrücken, es nicht nach außen zu tragen. In Wirklichkeit sitzt es ja doch ganz tief drin, das Verlangen, so gut zu sein wie der oder die andere, es so gut zu haben wie der oder die andere, oder anders herum: einfach nicht zufrieden zu sein mit dem, was man hat und was man ist.
Natürlich beschränkt sich die Sünde nicht auf dieses Gefühl, aber sie gehört zu dem, was man als $bdquo;Erbsünde$rdquo; bezeichnet hat: sie gehört zum Menschsein dazu, ist angeboren und darum nicht wegzukriegen.
Und so ist dieses Verlangen genau das, was uns gefangen hält, was es uns im Grunde unmöglich macht, frei zu sein. Denn wir werden Gefangene unseres eigenen Verlangens.
Dabei verlieren wir Gott. Denn wir wollen unser Leben selbst gestalten, wir wollen selbst bestimmen, wo es lang geht und was wir erreichen. Wir wollen mehr und sind darum nicht zufrieden mit dem, was wir sind.
Wir verachten dabei die Tatsache, dass es Gott ist, dem wir alles zu verdanken haben, und setzen uns selbst an seine Stelle.
Das ist es, was die ersten Menschen, Adam und Eva, im Paradies wollten. Sie wollten selbst entscheiden, sie wollten ihr Leben selbst bestimmen, sie wollten sich nicht von Gott in irgendeiner Weise einschränken lassen.
Natürlich wurde die Schlange für das Fehlverhalten der Menschen verantwortlich gemacht, denn auch das gehört zum Menschsein dazu: nicht die Verantwortung übernehmen zu wollen für das eigene Handeln.
Aber dass das nicht funktioniert, wurde schnell deutlich.
Die Konsequenz des Verlangens nach Selbstbestimmung war der Tod. Der Tod ist gewissermaßen das Symbol dafür, dass wir Gott nicht das Wasser reichen können. Der Tod ist eine Erinnerung daran, dass es eine Grenze gibt, die wir niemals werden überwinden können.
Säuglinge genauso wie Erwachsene kommen davon nicht los. Wir alle sehen dem Tod entgegen, die einen früher, die anderen später, aber es ist der Lauf der Dinge – am Ende steht der Tod.
Denn in uns allen steckt mehr oder weniger deutlich spürbar das Verlangen, wie Gott sein zu wollen: wir wollen Dinge beeinflussen, die schlicht und einfach nicht von uns beeinflusst werden können – oder wenn doch, dann sind die Folgen unabsehbar.
Viele zunächst bahnbrechend erscheinende Entwicklungen sind später zum Fluch geworden, man denke nur zum Beispiel an die Atomenergie.
Mit jedem Wollen stellen wir den Willen unseres Schöpfers in Frage, und damit ihn selbst. Darum steht der Tod am Ende unseres Lebens, um uns dies ganz klar vor Augen zu führen: Wir sind nicht Gott, und wir können es niemals sein.
Viele scheuen sich davor, diese Tatsache anzunehmen, sie sehen den Tod als eine Bedrohung an, der man am besten aus dem Weg geht, indem man sie ignoriert.
Dann haben sie auch für einige Zeit das Gefühl, frei zu sein, sind es aber letztlich doch nicht. Denn der Tod bleibt, er ist nur für eine Zeit aus dem Gesichtsfeld herausgenommen. Einige Zeit mag das gut gehen – aber eben nur eine Zeit lang, bis wir vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden müssen. (2. Kor 5, 10) Und so wird der Tod dann auch denen zur Bedrohung, die sich ganz auf sich selbst verlassen haben und nur das Ihre gesucht haben.
Für uns aber, die wir durch die Taufe die Liebe Gottes erfahren haben, hat der Tod nichts Bedrohliches an sich. Er ist zwar der Lohn der Sünde – wir haben ihn verdient und wir können ihm nicht entrinnen, so sehr wir uns auch bemühen – aber es gibt einen, der diesen Tod überwunden hat, der seine Bedrohlichkeit fort genommen hat.
Dieser eine ist Jesus Christus. Er hat durch seine Auferstehung dem Tod alle Macht genommen – durch ihn wissen wir, dass der Tod eben doch nicht unser Ende bedeutet. So können wir uns furchtlos mit dieser Tatsache befassen, wir können unsere Begrenztheit annehmen, weil wir wissen, dass diese Grenze durch Gott selbst überwunden wurde. Gottes Gnade ist es, die uns diese Grenzenlosigkeit schenkt.
Eine Grenzenlosigkeit, die sich jetzt nicht unbedingt sp bemerkbar zu machen scheint, wie wir es uns vielleicht wünschen. Denn wir spüren, dass unser Körper mit den Jahren schwächer wird, dass vieles schwerer fällt und manches nicht mehr möglich ist, was früher selbstverständlich war und leicht von der Hand ging.
Aber die Grenzenlosigkeit ist dennoch da. Gott schenkt sie uns, ganz gleich, wie unsere körperliche Verfassung ist: Grenzenlosigkeit, die allerdings nur durch Jesus Christus erfahrbar werden kann, denn er hat ja dieses Grenze überwunden.
Grenzenlosigkeit, die nicht dazu führt, dass wir anderen ihre Grenzen setzen, sondern die uns dazu verhilft, dass wir andere ebenfalls herausholen aus ihrer Begrenztheit.
Grenzenlosigkeit, die sich nicht darin ausdrückt, dass wir tun und lassen, was wir wollen, sondern darin, dass wir all das, was uns daran hindert, in Liebe einander zu begegnen, ablegen und Schritte der Liebe und des Vertrauens wagen.
Grenzenlosigkeit, die nicht die eigene soziale und wirtschaftliche Sicherheit und Unabhängigkeit meint, sondern die sich um all die Menschen sorgt, die in der Nähe und weit von uns entfernt in Armut und Elend leben.
Gott hat uns geschaffen, er hat uns unsere Grenze gesetzt, aber er hat diese Grenze auch wieder genommen – nicht damit wir überheblich werden, sondern damit wir seine grenzenlose Liebe erfahren, durch die alle Schuld von uns genommen wird und die uns ein Leben in Freiheit ermöglicht.
Dadurch, dass wir wissen, dass der Tod keine Macht mehr über uns hat, brauchen wir nicht mehr in Konkurrenz zu unseren Mitmenschen zu treten. Denn vor Gott sind wir immer wert geachtet. Nichts kann uns das nehmen, außer wir selbst, indem wir in die alten Muster verfallen und meinen, Gottes Stelle einnehmen zu müssen.
Gottes Liebe stiftet uns zur Liebe an. Durch die Liebe Gottes werden Grenzen überwunden. Also $bdquo;lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt$rdquo;. (1. Joh 4, 19)
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Ehre sei dir, Christe, der du littest Not (EG 75)
Aus tiefer Not lasst uns zu Gott (EG 144)
Jesus, stärke deine Kinder (EG 164)
Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all (EG 293)
Sollt ich meinem Gott nicht singen (EG 325)
Es ist das Heil uns kommen her (EG 342)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
Ich freu mich in dem Herren (EG 349)
Ich habe nun den Grund gefunden (EG 354)
Mir ist Erbarmung widerfahren (EG 355)
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr (EG 382)
O Durchbrecher aller Bande (EG 388)
Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450)
Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt (NB-EG 585)
Freude, die überfließt (KHW-EG 626)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - 2. Sam 12, 1-10.13-15a

Liebe Gemeinde!
$bdquo;Du bist der Mann!$rdquo;
Was hat David wohl gefühlt in dem Moment, als Nathan ihm diese Worte entgegen schleuderte? Gerade hatte er in einem hypothetischen Fall ein hartes, aber gerechtes Urteil zugunsten des Schutzbedürftigen gefällt. Es war fast wie ein Spiel, in dem Nathan den großen König auf die Probe stellte, um festzustellen, ob er trotz seiner Größe und Macht auch die Armen seines Volkes noch im Blick behalten würde. David reagierte entsprechend – er wusste ja, was richtig ist.
Und dennoch hatte er es nicht getan. Das Urteil fällen fiel ihm leicht, aber das Unrecht, das er selbst getan hatte, erkennen, schien unmöglich – bis Nathan ihm diese Worte entgegen rief: $bdquo;Du bist der Mann!$rdquo; Du bist dieser reiche Snob, der Schafe die Masse hat und es doch nicht über's Herz bringt, eins davon zu schlachten, sondern dafür lieber das des armen Untertanen nimmt.
Die Schuld, die hier offenbar wird, wiegt so schwer, dass man alles, was damit zu tun hatte, aus den Büchern der Chronik austilgte. So etwas gehört nicht in die Biographie eines von Gott berufenen und gesegneten Königs. Ehebruch und Mord – das hat hier nichts zu suchen.
Und so versuchte man, den Mantel des Schweigens über diese peinliche Angelegenheit zu decken. Doch gab es noch die anderen Aufzeichnungen aus den Büchern der Könige, die die Geschichte des großen Königs etwas genauer erzählten, und das Volk Gottes war weise genug, auch diese Schriften zu bewahren, damit die Wahrheit nicht verloren geht.
David, der große König, ist ein Ehebrecher und Mörder. Ja, und eigentlich müsste man auch sagen, dass er ein Sexualverbrecher war, denn es ist wohl sehr unwahrscheinlich, dass Batseba, die Frau Uriahs, freiwillig mit ihm ins Bett ging. David nahm sich, was er wollte, denn er hatte die Macht dazu. Lust trieb ihn, das Verlangen nach Vergnügen. Er hatte völlig vergessen, dass mit der Macht auch Verantwortung einhergeht.
Doch Nathan frischte seine Erinnerung auf geschickte Weise wieder auf, und da muss den König das Entsetzen gepackt haben. Er konnte unmöglich das Todesurteil gegen sich selbst fällen, aber wäre es nicht richtig und gerecht gewesen, wenn er es getan hätte? Hätte er sich nicht den Richtern stellen müssen mit dem, was er getan hatte?
Aber nun war er selbst der oberste Richter – Gott sei Dank, könnte man aus seiner Sicht wohl sagen – aber dann eben doch nicht der ganz oberste. Sein Amt war immer noch irdisch, und über ihm, das wusste David wohl, gibt es noch einen höheren, den höchsten Richter: Gott selbst.
Und so bekennt David seine Sünde vor ihm. Wohlgemerkt, es ist kein $bdquo;Ups, da hätte ich fast was falsch gemacht!$rdquo;, sondern es ist ein: $bdquo;Ich bin ein Vergewaltiger und Ehebrecher und Mörder, ich bin ein abgrundtief schlechter Mensch.$rdquo;
Dieses Bekenntnis folgt auf das Urteil, das Nathan bereits im Auftrag Gottes gesprochen hatte. David hatte Gott verachtet, indem er diese Dinge getan hatte, und so wurde ihm die öffentliche Demütigung angedroht zusammen mit ewigem Krieg.
Merkwürdig, dass aus Nathans Mund kein Todesurteil kommt. Das wäre ja eigentlich die logische Folge gewesen. Warum ist Gottes Urteil so milde?
Im Grunde zeichnet Nathan vor Davids Augen als Strafe eine Karriere, die der des Königs Saul bis ins Detail zu gleichen scheint. Nach der Berufung und Anerkennung durch die Stämme folgte der Hochmut und bald darauf der Fall – die öffentliche Demütigung, der Verlust der Macht, das Einsamwerden, und schließlich ein erbärmlicher Tod auf dem Schlachtfeld.
Es ist ein langsamer und im Grunde doch schrecklicher Tod, denn Saul konnte sich schon lange nicht mehr seines Lebens freuen, und so würde es auchDavid ergehen als Strafe für das, was er getan hatte.
Doch Davids Eingeständnis der Schuld zeigt Wirkung. Es ist so einfach, dass es einen so richtig ärgert. Kaum hat David gesagt: $bdquo;Ich habe gesündigt gegen den HERRN$rdquo;, schon sagt ihm Nathan: $bdquo;So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen.$rdquo;
Da würde ich gerne wissen, wie wohl Batseba darauf reagiert hätte. Ob sie verärgert gewesen wäre? Immerhin hatte David sie nicht nur vergewaltigt, sondern auch ihren Mann umgebracht, um sie heiraten zu können. Damit hatte er zwar ihre Ehre gerettet, indem er sich zu dem Kind bekannte, das sie gebären würde – aber dass Gott sich als so gnädig erweist, hätte ihr sicher nicht gefallen.
Dabei ist die Gnade beschränkt, und das auf grausame Weise: Das Kind, das er im Unrecht mit Batseba gezeugt hatte und das für die Verbrechen des Königs nun wirklich nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, soll sterben. Damit wird David ja eigentlich noch am wenigsten gestraft. Das größte Leid wird die Mutter tragen, und dazu natürlich das Kind, das das Leben nie kennenlernen wird.
Was ist das für eine Geschichte, was sind das für Abgründe – und dabei ist nichts davon unrealistisch, im Gegenteil; Schlimmeres spielt sich ja auch in unseren Tagen ab, z.B.
wenn Eltern ihre Kinder misshandeln, oder
wenn Politiker Entscheidungen fällen, die ganze Bevölkerungsschichten ins Elend stürzen, oder
wenn Kriege angezettelt werden und man sich vielleicht nicht öffentlich, aber doch insgeheim darüber freut, dass dadurch der Rüstungsindustrie ein ordentlicher Umsatz beschert wird,
um nur einige Beispiele zu nennen.
Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wenn wir einmal innehalten und über das nachdenken, was wir tun oder auch nur in Gedanken vollziehen, dann erkennen wir vielleicht, dass es auch in uns Abgründe gibt, die wir nicht wahrnehmen, weil es für uns so selbstverständlich geworden ist wie für den König David der Gebrauch der Macht.

[Gestern haben wir in der Wochenschlussandacht über eine andere Geschichte aus dem Leben Davids nachgedacht. Es handelte sich um einen der Marginaltexte, die als Alternative für die Predigttexte vorgeschlagen werden, da sie auch zum Thema des Sonntags passen, aber nicht in die Reihe der 6 Predigttexte aufgenommen wurden.
Es war die Erzählung vom Zweikampf zwischen David und Goliath, in der sichtbar wird, wie sich mit unglaublicher Selbstverständlichkeit der im Kampf völlig ungeübte Schäfer einem Krieger gegenüberstellt, der an Kampferfahrung und Kraft kaum zu übertreffen ist.]
Davids Motivation ist Gottvertrauen. Er stürzt sich nicht leichtsinnig in den Kampf, nur weil er endlich mal ausprobieren will, wie das wohl ist, sondern er vertraut darauf, dass Gott für ihn streitet.
Ob er dabei sein Leben verliert, spielt keine Rolle, denn da ist immer noch Gott, der sich den Mächtigen in den Weg stellt. Er weiß nur: so kann es nicht bleiben, dieser Heide darf Gott und das von ihm erwählte Volk nicht verhöhnen, ohne dass sich ihm jemand in den Weg stellt.
Mit dem gleichen Gottvertrauen wirft er sich jetzt vor Gott in den Staub. $bdquo;Ich habe gesündigt gegen den Herrn$rdquo; - das sind nur sechs Worte, die man auch achtlos dahin reden kann. Aber was zählt, ist das Herz, das Innere, und ich kann mir vorstellen, dass David schlagartig klar geworden war, welch großes Unrecht er getan hatte, geblendet von der Macht, die ihm gegeben war.
Und so versucht er auch nicht, sich zu rechtfertigen, indem er etwa auf die Art und Weise, wie sich Batseba da auf dem Dach ihres Hauses präsentierte, hinwies. Ebensowenig versuchte er, all die Guttaten, die er begangen hatte, gegen dieses Unrecht ins Spiel zu bringen. Das Unrecht, das er getan hatte, war da und konnte durch nichts aufgewogen werden. Und so ist er über sich selbst erschrocken, über die Abgründe, die er da geschaffen hatte und die sich nun vor ihm auftaten.

Was wir in unserem Predigttext nicht erfahren, ist die Fortsetzung der Geschichte, die ich vorhin schon angedeutet hatte: das Kind wird sterben. David trauert schon vor dem Tod des Kindes, er fastet und betet. Als das Kind gestorben ist, nimmt er die Tagesgeschäfte wieder auf und führt sein Leben, so als wäre nichts geschehen. Aber es war etwas geschehen, und so bleibt der Schatten über dem großen König David, der ihn immer wieder mahnte, seine Macht kein zweites Mal zu missbrauchen.
Ich habe das nie verstehen können und werde es wohl auch nie verstehen, warum das völlig unschuldige Kind den Tod erleiden musste. Aber es erinnert mich an den Tod eines anderen Kindes, das überhaupt keine Schuld getroffen hat und dennoch, allerdings als erwachsener Mann, sterben musste. Ich meine Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als einziger die Sünde nicht kannte und doch für uns zur Sünde gemacht wurde, damit wir gerecht werden können vor Gott, damit unsere Sünde verworfen werden kann (2. Kor 5, 21).
Das ist die Gerechtigkeit Gottes, die sich im Grunde ja doch als Ungerechtigkeit erweist, denn wollte er nach unseren Maßstäben Recht sprechen, wären wir wohl doch alle verdammt. Aber so ist es nicht. Gott findet Wege, um die Schuld von uns zu nehmen, und er hat den für uns besten Weg gefunden.
Unsere Bitte um Vergebung muss nur aufrichtig sein. Um zu veranschaulichen, was das bedeutet, will ich eine Geschichte aus der rabbinischen Tradition erzählen.
Der König Manasse, der einige Jahrhunderte nach David lebte und regierte, gilt als der schlechteste König, auf dessen Taten hin Gott auch die Vernichtung Jerusalems angekündigt hatte. Er errichtete überall Altäre für die Götterwelt der Heiden und mordete, so dass Jerusalem ganz voll von unschuldigem Blut war, wie es im 2. Buch der Könige beschrieben wird. (2. Kön 21, 16)
Dieser Manasse wurde, so berichtet es das 2. Buch der Chronik, nach Babel ins Exil gebracht. Dort demütigte er sich vor dem Gott seiner Väter (2. Chron 33, 12) und bat um Vergebung.
Und hier erzählt die rabbinische Tradition, dass die Engel versucht hätten, dieses Gebet aufzuhalten, und sich ihm in den Weg stellten, damit es nicht zu Gott gelangen könnte. Doch Gott selbst grub ein Loch unter seinem Thron, so dass das Gebet hindurchschlüpfen und doch zu ihm gelangen konnte.
Gott erkannte die Aufrichtigkeit des Gebetes und $bdquo;brachte Manasse wieder nach Jerusalem in sein Königreich$rdquo; (2. Kön 33, 13), wie es weiter in der Chronik beschrieben wird.
Gottes Gnade ist überwältigend und, so muss man wohl sagen, ungerecht – aber so ist Gnade. Es wäre keine Gnade, wenn es eine Gegenleistung dafür gäbe, wenn sie nach Recht und Gesetz wirken würde. Das Einzige, was Not tut, ist das aufrichtige Herz, das die Sünde erkennt und bekennt und bereit ist, hinfort nicht mehr zu sündigen.
So ist unser Gott. Und darum dürfen wir auch darauf vertrauen, dass der Zuspruch der Vergebung, den wir nachher empfangen, nicht in Zweifel gezogen werden kann. Gott vergibt, um seines Sohnes willen und weil unser Schuldbekenntnis aufrichtig ist.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Wir danken dir, Herr Jesu Christ (EG 107)
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herze (EG 230)
Allein zu dir, Herr Jesu Christ (EG 232)
So wahr ich lebe, spricht dein Gott (EG 234)
Aus tiefer Not schrei ich zu dir (EG 299)
Ein reines Herz, Herr, schaff in mir (EG 389)
Meine engen Grenzen (KHW/HN-EG 584)
Kehret um, und ihr werdet leben (KHW/HN-EG 615)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Gal 2, 16-21

Liebe Gemeinde!
Gesetze sind wichtig, keine Frage. Das sehen selbst die meisten der Konfirmandinnen und Konfirmanden ein. Der Straßenverkehr ohne Verkehrsregeln ist kaum vorstellbar – ja, eigentlich gar nicht möglich. Und wenn man genau hinschaut: selbst da, wo die Verkehrsregeln nicht so ernst genommen werden, wie z.B. in Indien, gibt es Regeln, sogenannte ungeschriebene Gesetze, an die sich alle Verkehrsteilnehmer halten.
Die 10 Gebote hätten eigentlich genügt, um gemeinschaftliches Leben zu ermöglichen, aber schon in frühen Zeiten hat man gemerkt, dass es Situationen gibt, in denen man zusätzlich Regelungen braucht. Die Bücher Exodus und Levitikus, das 2. und 3. Buch Mose, enthalten zahlreiche detaillierte Regelungen, z.B. über das Verhalten des Priesters bei bestimmten Opfern, oder die Kleidung der Priester, den Umgang mit Vergehen gegen Leib und Leben, das Sabbatjahr und das Erlassjahr, die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren, die Bestimmungen für Wöchnerinnen, den Umgang mit Aussatz usw. Dazu finden wir auch Anordnungen zur Ausführung für die verschiedenen jüdischen Feste.
All diese Gesetze und Ordnungen entstanden natürlich lange nach den zehn Geboten. Ihre Ursache lag darin, dass man nicht wusste, wie man mit bestimmten Situationen umzugehen hatte, da sie in den zehn Geboten nicht erfasst waren. Und nach einem Ereignis, das nach Meinung der Menschen eine Regelung erforderte, da es wieder geschehen könnte, entstand dann also ein entsprechendes Gesetz.
In der Bibel sind es rund 100 Seiten, auf denen Gesetze geschrieben sind, wobei eine ganze Menge dieser Seiten auch noch Erzählungen über andere Dinge enthalten. Das Bürgerliche Gesetzbuch umfasst mehrere hundert Seiten und ist nur ein kleiner Teil unseres Rechtswerkes. Allein das Gesetzeswerk unserer Landeskirche ist deutlich dicker als die Bibel, aber auf ebenso dünnem Papier und mit ebenso kleinen Buchstaben gedruckt.
Gesetze sind nötig – aber vielleicht ist es dann doch irgendwann des Guten zu viel. Müsste man nicht doch einfach mal Mut zur Lücke haben und darauf vertrauten, dass man in bestimmten Situationen dann auch ohne gesetzliche Regelung zu einer Lösung kommt?

Was bewirken diese Gesetze? Abgesehen davon, dass wohl niemand alle Gesetze kennt – wussten Sie, dass es z.B. ein Gesetz gibt, das unnützes Fahren mit dem Auto verbietet? – und darum Gesetzesübertretungen unwissentlich regelmäßig stattfinden, gibt es auch eine Reihe von Gesetzen, die wohl niemand beachtet, selbst wenn sie bekannt sind. Entweder sieht man deren Sinn nicht ein, oder man nimmt bewusst das Risiko auf sich, erwischt zu werden, was meist nicht passiert.
Denn die Übertretung der Gesetze wird in der Regel nicht bemerkt oder nicht geahndet. Viele Menschen verzichten darauf, Gesetzesübertretungen anzuzeigen, die sie beobachtet haben, weil sie glauben, dass ihre Aussage gegen die Aussage des anderen kaum eine Chance haben wird.
Viele Gesetzesübertreter gehen also straffrei aus, wobei man sagen muss, dass es sich oft wohl nur um Kleinigkeiten handelt. Und weil man das weiß, werden natürlich Gesetze, deren Sinn man ohnehin nicht ganz nachvollziehen kann, schnell mal missachtet.

Gesetze sollen für Ordnung und Sicherheit sorgen. Wer sie nicht einhält, muss damit rechnen, bestraft zu werden. Bei einem großen Teil der Gesetze und Verordnungen besteht die Strafe in einer Geldforderung, bei den übrigen gibt es auch Freiheitsstrafen.
Ob dies wirklich dazu hilft, dass die betreffenden Personen in Zukunft die Gesetze einhalten, sei dahingestellt. Z.B. bei sogenannten Triebtätern ist der Sinn solcher Strafen schon oft hinterfragt worden.
Aber die Notwendigkeit von Gesetzen, sagen wir mal wenigstens der Grundgesetze, wird wohl niemand bestreiten.

Paulus sagt nun: durch Werke des Gesetzes – und damit meint er: durch die Einhaltung der Gesetze – wird niemand gerecht.
Dürfen wir als Christen darum jetzt fröhlich alle Gesetze ignorieren und tun, was wir wollen? Jesus ist da anderer Ansicht. Er sagt (Matthäus 5, 17 – 20):

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.
19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Und etwas später sagt er z.B. zum 5. Gebot, „Du sollst nicht töten”:
Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.
Und zum 6. Gebot, „du sollst nicht ehebrechen”, klingt es ganz ähnlich:
Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.
Um der Fairness willen sollte ich hier wohl sagen, dass dies natürlich auch für Frauen entsprechend gilt, und nicht nur für Männer.
Wenn das wirklich so ist, dann Gnade uns Gott! Könnten wir jemals auch nur diese zwei Gebote in solcher Konsequenz einhalten? Und was ist mit den anderen Geboten? „Du sollst den Feiertag heiligen” zum Beispiel?
Worin besteht denn die Heiligung des Feiertages, wenn nicht darin, in den Gottesdienst zu gehen und Gott zu loben und zu danken? Und wer nicht in den Gottesdienst geht, sollte doch wenigstens zu Hause nicht auf den Dank und das Lob Gottes verzichten.
Aber geschieht das wirklich bei den rund 6000 Menschen, die zum Quartier gehören? Diese Kirche müsste 6 mal größer sein, um sie alle fassen zu können. Aber wir brauchen uns wohl kaum Sorgen zu machen, dass dies jemals gebraucht würde.
Ja, Gnade uns Gott!

Paulus hat diese Gnade dann ja auch bereit. Nicht durch Werke des Gesetzes, sagt er, sondern durch den Glauben an Jesus Christus werden wir gerecht.
Gott sei Dank! Dann ist ja alles wieder in Ordnung!
Oder etwa nicht? Ich bin da etwas skeptisch, erstens, weil Jesu Stellung zu den Gesetzen ganz anders zu sein scheint, wie wir eben gesehen haben, und zweitens, weil Paulus dann doch noch etwas mehr schreibt als nur dieses „allein durch den Glauben”.
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.”, sind seine Worte.
Der christliche Glaube gründet in dieser Erfahrung.
Nicht ich, sondern Christus.
Nicht „ich habe keine Lust auf Kirche”, sondern Christus.
Nicht „was geht mich mein Nachbar an”, sondern Christus.
Nicht „was kümmern mich die Hungernden in der Welt”, sondern Christus.
Nicht „hoffentlich mache ich ordentlich Gewinn”, sondern Christus.
Nicht „Hauptsache gesund”, sondern Christus.
Nicht „ich mache, was ich will”, sondern Christus.
Es steckt sehr viel in diesem einen, kleinen Satz: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.
Paulus war Missionar, er verkündigte das Evangelium, er gründete Gemeinden, und er war bereit, für seinen Glauben zu sterben.
Das alles aus einem einzigen Grund: er hatte die Gnade Gottes erfahren. Die blöden Gesetze hatten ihn lange genug gequält. Er hatte sich ja immer bemüht, sie einzuhalten, und war auch gut darin gewesen, aber doch nicht gut genug. Trotz allem Bemühen blieb er ein Sünder. Das spürte er, das wusste er.
Erst durch die Gnade Gottes, die ihm in Jesus Christus offenbart wurde, ist er frei geworden – nicht frei, um zu tun und zu lassen, was er wollte, sondern frei, um zu tun und zu lassen, was Christus wollte. Und dazu gehört auch die Einhaltung der Gesetze – allerdings nicht, um dadurch gerecht zu werden, sondern weil es der Wille Gottes ist.
Dabei sollte uns eines klar sein: alle Gesetze müssen sich an dem einen, dem höchsten Gebot, messen lassen:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.
Das ist der Maßstab aller Gesetze für einen Christenmenschen.
Vom Erdenbürger ist Paulus zum Himmelsbürger geworden, und das nicht erst nach seinem Tod – er war es schon in seinem irdischen Leben, denn Christus lebte in ihm.
Genau das ist auch unsere Bestimmung, dass wir Himmelsbürger werden, wie Paulus im Brief an die Epheser sagt: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist. (Eph 2, 19f)
Nicht ich, sondern Christus. Damit Christus nicht vergeblich gestorben ist.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Wir wolln uns nicht auf Werke gründen (EG 250, 4-5)
Nun freut euch, lieben Christen g'mein (EG 341)
Es ist das Heil uns kommen her (EG 342)
Auf meinen lieben Gott (EG 345)
Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
Bei dir, Jesu, will ich bleiben (EG 406)
Dass du mich einstimmen lässt (KHW/HN-EG 580)