das Kirchenjahr

11. Sonntag nach Trinitatis

Pharisäer und Zöllner

Predigtanregung

Der 11. Sonntag nach Trinitatis widmet sich unserer Einstellung zu Gott und zu seinem Gnadenhandeln. Dafür werden im Evangelium die zwei völlig unterschiedlichen Charaktere des Pharisäers und des Zöllners einander gegenüber gestellt. Die übrigen Texte weisen mehr in die Richtung des "Seligwerdens aus Gnade" und nicht aus Werken. Unsere Einstellung zu der Gnade Gottes ist entscheidend dafür, ob wir sie auch empfangen werden.

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IV - 2. Sam 12, 1-10.13-15a

Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. 2 Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; 3 aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt's wie eine Tochter. 4 Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er's nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. 5 Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! 6 Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.
7 Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls 8 und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazu tun. 9 Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm mißfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. 10 Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei. 11 So spricht der HERR: Siehe, ich will Unheil über dich kommen lassen aus deinem eigenen Hause und will deine Frauen nehmen vor deinen Augen und will sie deinem Nächsten geben, dass er bei ihnen liegen soll an der lichten Sonne. 12 Denn du hast's heimlich getan, ich aber will dies tun vor ganz Israel und im Licht der Sonne.
13 Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. 14 Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. 15 Und Nathan ging heim.

Diese Geschichte ist wohl vom geschichtlichen Zusammenhang her einzigartig in ihrer Art. Keine andere Gesellschaft hätte es gewagt, den König, der als "Gesalbter Gottes" und Begründer eines großen Reiches und einer Dynastie angesehen wurde, in irgendeiner Form zu kritisieren. Schließlich gilt der König als Souverän, er kann mit seinen Untergebenen machen, was er will - er ist Gott gleich. Nicht so im Volk Israel: Der König dient Gott und damit dem Volk, das das Volk Gottes ist. Dieser Aspekt kommt vielleicht in keiner anderen Geschichte so deutlich zum Tragen wie in dieser.
Dennoch hat man es später falsch gefunden, den König so zu kritisieren, und darum bei dem zweiten Versuch, die Geschichte Davids niederzuschreiben, diesen Fehler einfach unterschlagen (Chronik). Dass die Geschichte nicht auch aus den früheren Schriften getilgt wurde, zeugt von der Erkenntnis, dass auch Könige nur Menschen sind.
Da wir in keinem Feudalsystem mehr leben, ist dieser Aspekt allerdings wenig relevant. Wichtiger ist, wie hier mit dem Unrecht, das geschehen ist, umgegangen wird. David hat sich über die Frau eines seiner treuesten Soldaten hergemacht, vielleicht hat er sie sogar vergewaltigt. Das bleibt im Dunkeln. Er hat dem sexuellen Trieb nachgegeben, über den er als König eigentlich erhaben sein sollte. Noch schlimmer ist, dass er sein Vergehen zu verdecken sucht. Er hat also erkannt, dass es falsch war, was er tat. Die Methode, wie er mit diesem eigenen Unrecht umgeht, ist eines Königs unwürdig. Sie zeugt von großer Feigheit. Er sorgt dafür, dass sein Untergebener Uria in einer Schlacht getötet wird, indem er dem Befehlshaber Joab den Auftrag gibt, Uria im Stich zu lassen.
Nachdem Uria so getötet wurde, kommt Natan und hält die Rede, die den Predigttext einleitet. Natan geht geschickt vor, er lässt den Mächtigen zunächst die Art des Unrechts selbst benennen, bevor er ihn darauf hinweist, dass es der König selbst ist, der das Unrecht beging. David bekennt seine Schuld und erlangt so Vergebung - und doch keine Vergebung. Das Kind, das aus dem Verhältnis mit Bathseba entstand, stirbt als Strafe für dieses Vergehen.
Diese Strafe kann man auf verschiedene Weise sehen. Oft wird sie gar unterschlagen, und das Erbarmen Gottes bzw. die Vergebung, die David erlangt, steht im Vordergrund. Dabei entgeht David nur dem selbst gefällten Urteil, das er eigentlich doch hätte vollstrecken müssen. Von Gott war gar kein Urteil gefallen. Dass der Sohn Bathsebas und Uria die eigentlichen Opfer sind des Vergehens eines Königs, ist erschütternd und bedrückend. Dass Gott das eine zulässt und das andere sogar fordert, macht ratlos. Wenn das Hin und Her zwischen Schuld und Strafe in der Geschichte Israels nicht so weiter ginge, könnte man allerdings hier einen Anklang des Evangeliums finden: erst der Tod des Sohnes versühnt Gott derart, dass er bereit ist, selbst die größte Sünde zu vergeben. Aber das ist sicher nicht so gemeint, denn es ist eindeutig eine Strafe, die hier vollzogen wird, und zwar an einem unschuldigen Kind, damit die vorher strafbare Handlung legitimiert werden kann.
Ganz wichtig ist die Rolle des Nathan. Er hat keine Angst, dem König gegenüber zu treten und ihn auf sein Vergehen aufmerksam zu machen. Er riskiert damit sein Leben, denn der König ist souverän und kann machen, was er will. Nur Gott steht über ihm. Aber den vertritt Nathan, und darum wagt er es. In dieser Gestalt gewinnt die Geschichte auch für uns Relevanz. Die Bereitschaft, Gottes Willen klar und deutlich kundzutun, auf eine Art und Weise, die die Angesprochenen betroffen macht. Nathans Vorgehen zeugt von großer Geschicklichkeit auf diesem Gebiet.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang legt aber nahe, das Augenmerk auf David zu legen, der zunächst "pharisäerhaft" das Urteil über den fiktiven Sünder fällt, um dann zu erkennen, dass er selbst der Schuldige ist - eine Erkenntnis übrigens, die er schon längst gewonnen hatte, sonst hätte er ja nicht den gewaltsamen Tod Urias herbeigeführt. Von daher passt die Geschichte nicht so recht in den Zusammenhang hinein. David wusste, dass er Unrecht getan hatte, und hatte gehofft, damit davon zu kommen - als König missbrauchte er seine Macht. Darüber hinaus wird die Sünde ja nur deswegen vergeben, weil das Kind geopfert wird - es ist also keine Schuldvergebung aufgrund des Schuldbekenntnisses.
Die Predigt kann versuchen, den Aspekt der Schulderkenntnis dennoch hervorzuheben. Aber David hat sich wie ein schuldbewusstes Kind verhalten, das gehofft hat, seine Schuld würde nicht aufgedeckt. Und erst nachdem ihm klar wird, dass das nicht möglich ist, gibt er zu, dass er schuldig ist. Von daher empfehle ich, einmal den kirchenjahrszeitlichen Zusammenhang außer Acht zu lassen. Es würde dem Predigttext nicht gerecht. Anstelle dessen empfehle ich, die Person Nathans in den Vordergrund zu stellen und dabei unsere Verantwortung für die Schwachen zu berücksichtigen, die die Opfer der Mächtigen sind. Denn auch wenn wir in keinem Feudalsystem mehr leben, so gibt es doch Arme und Reiche, Schwache und Mächtige.

Liedvorschläge zur Predigt:


Wir danken dir, Herr Jesu Christ (EG 107)
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herze (EG 230)
Allein zu dir, Herr Jesu Christ (EG 232)
So wahr ich lebe, spricht dein Gott (EG 234)
Aus tiefer Not schrei ich zu dir (EG 299)
Ein reines Herz, Herr, schaff in mir (EG 389)
Meine engen Grenzen (KHW/HN-EG 584)
Kehret um, und ihr werdet leben (KHW/HN-EG 615)



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