das Kirchenjahr

1. Sonntag nach Trinitatis

Apostel und Propheten

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Jer 23, 16-29

Ballade von Martin Senftleben

So richtig gut geht es nie allen,
drum lässt man es sich schon gefallen,
wenn einen keine Sorgen plagen
an diesen und an andern Tagen.
Man fragt nicht lang, wie's andern geht,
wenn es nur gut mit mir hier steht,
und wenn ich kann, dann will ich sorgen
dass nichts mir fehlt auch übermorgen.
Und was den andern widerfährt,
hat mich noch lange nicht gestört.
Man hört es wohl, die Nachbarin
flog gestern erst der Läng' nach hin,
ob ich ihr vielleicht helfen kann?
Ach nein, das macht ein andrer Mann.
Was soll ich mich denn immer plagen
mit Sorgen, die die andern haben?
Es geht mir gut, das zählt alleine,
und freundlich bin ich nur zum Scheine.

So lässt sich's leben, denkt man sich,
ich lass die andern zwar im Stich,
doch sorg ich ja - zu meinem Wohle -
für gutes Essen und die Kohle.
Nur: immer wird das nicht so gehn,
das kann man nicht nur heute sehn,
es steht sogar schon in der Bibel:
des Menschen Selbstsucht ist sein Übel.
Drum sandte Gott uns die Propheten,
sie sollten ihn bei uns vertreten,
damit wir lernten seinen Willen
und seinen Wunsch auch zu erfüllen.

»Ich weiß, was morgen vor sich geht,«
sagt einer, der sich nennt Prophet,
und weissagt, was das Zeug so hält,
von Gott und von der schönen Welt.
Und viele horchen auf sein Wort:
»Es wird geschehn an jenem Ort,
wo grüne Hügel rings umher,
den Menschen wird das Leben schwer.«

Schon rätselt man und fraget sich:
'Was ist der Ort, von dem er spricht?
Könnt es gar unser Städtchen sein,
und alle Menschen groß und klein?
Will er, dass wir uns heut verändern
und fortan gehn in Bußgewändern?
Doch da kommt einer angelaufen
so schnell, er muss sich erst verschnaufen
und kündigt, als er das getan,
für unser Städtchen Gutes an:
»Das Böse wird sich nicht erheben,
Gott will uns nur das Beste geben,
er ist uns nah, das sagt er immer,
verlassen wird er uns doch nimmer.
Drum macht nur weiter wie bisher,
macht euer Herz von Sorgen leer
und träumt von Reichtum, Auto, Haus,
das alles sag ich euch voraus.«

Prophet nennt sich auch dieser Mann,
er sagt uns nur das Gute an,
da kann man schon erleichtert sein
denn Gott lässt uns ja nicht allein.

Doch halt! Was haben wir gelesen?
Gott sagt: ich bin euch nah gewesen,
doch gibt es auch mal andre Zeiten,
wenn ihr euch gerne selbst wollt leiten,
dann will ich euch nicht nahe sein,
und mache mich verschwindend klein.
So straft uns Gott auf seine Art,
er bleibt uns fern, das ist schon hart,
und lässt uns ganz auf uns gestellt;
da muss wohl untergehn die Welt,
weil ich nur an mich selber denke
und mir nur meine Liebe schenke.
Doch bleibt er Gott, und neiget sich
in seiner Liebe über mich,
denn ganz aus eigner Kraft allein
kann niemand für sich Helfer sein.

Eins steht nun fest: Gott gibt nicht auf
und lässt den Dingen seinen Lauf,
er wendet sich mir zu und spricht:
'komm her zu mir - fürchte dich nicht!'
Gott rufet mich durch die Propheten,
die ihn bei uns auch heut' vertreten.
Wer sind die? Das ist schwer zu sagen,
weil sie kein Sonderzeichen tragen,
allein, was sie zu sagen meiden,
hilft uns, sie recht zu unterscheiden.
Denn was ein richtiger Prophet,
sagt nicht, wonach der Sinn ihm steht;
er kündet, was Gott von uns will,
und das wird manchem schnell zu viel.
Denn ganz so leicht und so bequem
wie früher wird es nicht mehr gehn.
Doch wenn wir nun auf Gott's Wort hören,
und uns nicht länger mehr dran stören,
dann machen wir den ersten Schritt
in Gottes Reiche gleichsam mit.
Die Selbstsucht weicht, wir schließen Frieden,
mit Gott und denen, die hienieden.
Und so beginnt auch unser Leben
von dem der andern sich zu heben,
wir spüren auch im Leide Segen,
auf Gott wir uns're Hoffnung legen.
Die andern können dies erkennen
warum wir uns hier Christen nennen
denn Christus lädt uns alle ein
in seiner Jüngerschar zu sein.
Er zeigt uns, wie sehr Gott uns liebt
so sehr, dass er den Sohn hingibt.
Drum sprechen wir in Jesu Namen
auch heute ein getrostes: Amen!

oder:

Liebe Gemeinde!
Der Prophet Jeremia ist Sohn eines Priesters. Er wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts vor Christus geboren. Als Gott ihn in den Dienst eines Propheten rief, muss er noch sehr jung gewesen sein, denn er bezeichnet sich selbst als zu jung, um ein Prophet zu sein.
Vermutlich ist diese Antwort aus der Erfahrung heraus gewachsen, die er in der Priesterfamilie gemacht hatte. Es dauerte seine Zeit, bis ein Priester sein Amt in rechter Weise und in der Vollmacht des Herrn ausüben konnte. Und vermutlich fürchtete er, dass niemand auf ihn hören würde aufgrund seines Alters. Es fehlte ihm an sichtbarer Autorität.
So würden wir es wohl auch empfinden, wenn ein 16-Jähriger vor uns stünde und sagen würde: „So spricht der Herr!” Wie kann das sein? Da würden die meisten nur müde lächeln, und andere würden ihn verspotten und beschimpfen.
Aber Gott rührt ihn an, diesen Jeremia, und so beginnt er seinen Dienst als Prophet, als Prediger. Er muss dafür leiden, denn die Worte Gottes, die er an die Menschen weitergibt, sind alles andere als bequem. Aber er kann nicht davon abweichen, und so nimmt er eher das Leid und die Strafe auf sich dafür, dass er Gottes Wort predigt, als sich eines angenehmen Lebens zu freuen, indem er den Menschen nach dem Mund redet.
Dabei kann ich mir vorstellen, dass, je mehr er angefeindet wurde, desto eher war er bereit, die Worte Gottes, die das Volk wegen seiner Gottlosigkeit anklagten, auszusprechen. Er sah Gott an seiner Seite und fürchtete sich darum nicht. Er war ein Streiter Gottes!
In dieser Zeit des Propheten Jeremia zogen die Babylonier gegen Jerusalem, um es zu erobern – die gerechte Strafe Gottes war also zu erwarten.
Der König befragte Gott durch Propheten, die aus seiner Hand ihren Unterhalt bekamen – wie konnten sie da gegen seine Vorhaben oder Entschlüsse etwas sagen?
Es scheint, dass es ihnen ohnehin am Wort des Herrn mangelte – sie predigten nur das, was sie für angemessen und nützlich hielten – nicht zuletzt nützlich für sie selbst. So wie ein Sprichwort sagt: Der Hund beißt nicht die Hand, die ihn füttert.
Jeremia aber war nicht in den Diensten des Königs, so dass es für ihn auch keine Skrupel diesbezüglich geben konnte. Er genoss offenbar genug Aufmerksamkeit im Volk, dass es den König nervös und unruhig machte. Denn das Volk wurde unruhig angesichts der Worte des Propheten, und diese Unruhe bekam der König natürlich mit. Aber anstatt auf die Worte des Propheten zu hören, setzte er ihn gefangen, um seinen Einfluss auf das Volk zunichte zu machen.

Die Worte des Propheten, die wir eben als Predigttext gehört haben, können auch uns nervös machen. Ich möchte mich ihnen in drei Schritten näheren. Der erste Schritt ist eine Frage:

1. Schritt: Was wollen wir hören?
Diese Frage mag etwas merkwürdig erscheinen, aber darum geht es ja zunächst einmal in unserem Predigttext. Die Propheten reden dummes Zeug, so kann man wohl sagen, aber es ist das, was die Menschen hören wollen. Und so ist es durchaus sinnvoll, uns selbst einmal zu fragen, was wir eigentlich hören wollen – und was nicht. Gefällt uns solch ein Gott, der damit droht, dass er sein Volk im Stich lässt?
Wir möchten doch vielmehr, dass er uns nahe ist, und sind dankbar für genau solche Worte, die uns das auch zusagen.
Hat es da nicht einen Bruch gegeben zwischen dem Alten und dem Neuen Testament in dem Sinn, dass Gott nicht mehr fern sein kann, seit er in Jesus Christus Mensch wurde? Ist die Drohung der Gottesferne für uns nicht bedeutungslos geworden?
Schön wäre es. Und vielleicht ist es auch so.
Aber ich glaube eher: das ist es, was wir von Gott wissen wollen. Das andere scheint in unseren Augen barbarisch, unmenschlich. Das wollen wir nicht.
Und darum hören wir es auch nicht, auch wenn es uns gesagt wird. Wir wollen nicht hören, dass Gott sich von den Menschen abwendet.
Genauso wenig mögen wir die Texte, in denen von Heulen und Zähneklappen die Rede ist. Das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen scheint uns doch ziemlich gemein zu sein: warum müssen fünf Jungfrauen, die gerade in dem Moment, als der Bräutigam kommt, nicht da sind, sich sagen lassen, dass er sie nicht kennt? Warum muss der Knecht, der seinem Herrn den Zentner zurück gibt, den er von ihm bekommen hat, in die Finsternis hinausgeworfen werden?
Warum gibt es in solchen Texten keine Barmherzigkeit?
Wir neigen dazu, uns die Rosinen rauszupicken. Wir hören nur das, was uns wohltut, und nicht auch das, was uns ein Unbehagen bereitet.
Doch die Bibel ist voll von solchen Worten, und so kommen wir zum zweiten Schritt:

2. Schritt: Kann Gottes Nähe furchtbar sein?
Eigentlich können wir uns das nicht vorstellen. „Gott ist die Liebe” (1. Joh 4, 16), hat Johannes in seinem 1. Brief gesagt. Und da möchten wir uns gerne hineinkuscheln in dieses Wort. Wir möchten von Liebe umgeben sein.
Aber der Prophet Jeremia hat da andere Worte für uns:
Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? 24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der Herr. (Jer 23, 23f)
Zunächst stellt Gott dar, dass er nicht nur nah, sondern auch fern sein kann. Das ist die Drohung, die über dem Volk Israel schwebt.
Solche Gottesferne hat Jesus am Kreuz erlebt, als er ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?” Und es ist nicht das letzte Mal, dass solche Gottesferne erfahren wurde.
Wohl jeder Mensch erlebt sie irgend wann einmal, z.B. wenn ein lieber Mensch stirbt, oder wenn man die Arbeitsstelle verloren hat, oder wenn eine Ehe zerbricht, oder wenn ein Kind den Eltern den Rücken kehrt und sagt, es wolle nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Gott, wo bist Du?
Die Worte des Propheten, von denen ausdrücklich gleich dreimal in unserem kurzen Abschnitt gesagt wird, dass es Worte Gottes sind, gehen aber noch weiter. Plötzlich ist Gott doch nahe, aber es ist eine Nähe, die einem Angst macht.
„Meinst du, dass sich jemand heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der Herr.”
Ja, Gott ist nahe. Aber wehe dem, der diese Nähe gar nicht will. Dem wird die Nähe Gottes zu einer unheilvollen, vielleicht sogar grausamen Erfahrung.
Aber wer sind diese, die Gottes Nähe gar nicht wollen? Sehnen wir uns nicht alle danach, seine Nähe zu spüren?
Nun, solange wir uns Gott als den lieben Gott vorstellen, der nur das Beste für alle Menschen will, ist das wohl so. Aber wenn wir ihn als den erleben, der etwas von uns erwartet, ja, der Rechenschaft von uns fordert über das, was wir getan haben, dann möchten wir ihm wohl eher ausweichen. Denn wir ahnen, und vielleicht wissen wir es, dass wir oft genug versagt haben, dass wir nicht getan haben, was von uns erwartet wird.
Wir merken schon, dass wir eigentlich etwas tun müssten. Und dann lassen wir es doch bleiben. Wird uns das alles nicht angerechnet werden am Jüngsten Tag? Können wir uns wirklich jetzt schon damit rausreden, dass Gott uns um Christi willen alles vergeben wird? Wäre das nicht allzu billige Gnade?
Durch die Taufe wird uns die Vergebung unserer Sünden zugesprochen. Für die meisten von uns ist das lange her. Aber die Taufe, und damit auch die Zusage der Sündenvergebung, bleibt gültig. Und dennoch: wenn wir die Hände in den Schoß legen, weil wir uns darauf verlassen, dass Gott uns vergibt, machen wir es uns zu einfach.
Und darum kommt der dritte Schritt dazu:

3. Schritt: Gottes Wort hören – und tun
Jesu Worte sind sehr eindeutig gewesen: „Wenn einer deinen Rock nehmen will, dann gib ihm auch den Mantel. Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mit zu gehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.” (Mt 5, 40-42)
Das Gleichnis vom Weltgericht führt uns deutlich vor Augen, wie es denen ergeht, die nicht bereit waren, ihre Mitmenschen im Gefängnis zu besuchen, sie zu kleiden, ihnen zu essen zu geben, ihnen Herberge zu gewähren. (Mt 25, 31ff).
Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 15) führt uns vor Augen, wann das Gebot der Nächstenliebe eingehalten, und wann es gebrochen wird.
Da geht es um Ansprüche, die Gott an uns stellt. Diese Ansprüche können nicht einfach weggeredet werden, indem wir sagen: es ist alles gut, Gott vergibt uns, Werke sind unnütz und tot, allein der Glaube macht uns gerecht.
Dies ist zwar ein Kernsatz reformatorischen Glaubens, aber Martin Luther hatte mit der sogenannten Werkgerechtigkeit zu kämpfen und stellte darum das „Allein aus Glauben”, das „sola fide”, in den Mittelpunkt und sogar über alles. Zu viel wurde mit den Werken gerechnet, zu viel damit gedroht, dass das ewige Feuer auf den wartet, der nicht in seinem Leben für einen Ausgleich des Sündenkontos sorgt.
Da blieb die Vergebung auf der Strecke, das Handeln Gottes, seine Barmherzigkeit, wurde zur Verfügungsmasse der Menschen.
In solch einer Situation ist das Sola Fide durchaus sinnvoll und richtig. Aber wir leben nicht mehr in solch einer Situation. Heute hören wir an allen Ecken, dass jeder in den Himmel kommt, Gott liebt sie doch alle, wie könnte es also anders sein als dass alle Menschen erlöst werden.
Der furchtbare Gott, der sein Volk im Stich lassen kann, ist uns völlig fremd geworden.
In der Trinitatiskirche stehen über dem Durchgang zur Kapelle die Worte: „Dienet dem Herrn mit Furcht und freuet euch mit Zittern.”
Diese Worte sind eigentlich den Predigern gewidmet, die sich auf die Kanzel begeben, dass sie sich immer bewusst sind, dass sie für ihre Worte Rechenschaft ablegen müssen.
Schon öfters wurde ich gefragt, ob man diese Worte nicht entfernen bzw. durch andere ersetzen könne. Offensichtlich fällt es schwer, ein solches Gottesbild, das von uns Demut und Gehorsam erfordert, zu ertragen.
Muss Gott nicht rasend werden, wenn es allen Menschen so einfach gemacht wird, wenn es sich alle Menschen so einfach machen und Gott nur noch zum Kuscheln gebrauchen wollen?
Glaube hat Werke (Jak 2, 17). Sie gehören zum christlichen Glauben dazu. „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein, sonst betrügt ihr euch selbst” (Jak 1, 22), schreibt Jakobus. Und das bedeutet: Nächstenliebe, Friedfertigkeit, Versöhnungsbereitschaft. Es bedeutet Selbsthingabe in der Nachfolge Jesu.
Wer Jesus nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge ihm.
Und nicht: Der lehne sich zurück und entspanne sich.
Ein Leben in der Nachfolge Christi ist kein einfaches Leben. Wer sich bemüht, mit seinen Mitteln und Möglichkeiten das Seine zu tun, der darf sich natürlich darauf verlassen, dass die Zusage der Taufe gültig ist, falls er in seinem Handeln versagt, oder falls dieses Handeln einfach nicht ausreicht.
Aber wir dürfen uns selbst nicht genug sein. Gott stellt uns in eine Welt, die uns braucht. Verschließen wir davor nicht die Augen, damit wir nicht am Ende die Nähe Gottes fürchten müssen.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort (EG 193)
Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ (EG 246)
*Sonne der Gerechtigkeit (EG 262)
Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EG 273)
Ich freu mich in dem Herren (EG 349)
Ist Gott für mich, so trete (EG 351)
Er weckt mich alle Morgen (EG 452)
Fürchte dich nicht (EG 612)

Predigtvorschläge zu Reihe M - Sir 41, 1-4
2. Tim 3, 14-17

Zu Prediger 12, 1-8: (früherer Marginaltext)

Liebe Gemeinde,

Das Buch des Predigers Salomo ist bekannt dafür, dass es eine recht düstere Lebensphilosophie entwickelt, wobei es vor allem Lebenserfahrungen auswertet und darum zu dem Schluss kommt: Es ist alles ganz eitel.
Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, und das ist auch der Grund, warum das Buch immerhin 12 Kapitel umfasst, denn es gibt mehr zu sagen als nur dies, dass des Menschen Tun ja doch vergeblich ist und man sich abmühen kann wie man will und sich trotzdem nichts ändert.
Der bekannteste Abschnitt aus diesem Buch ist wohl die Liste gegensätzlicher Dinge unter der Überschrift: „Alles hat seine Zeit.”
Aber heute befassen wir uns mit der anderen Aussage, dass alles ganz eitel ist. Diese Aussage stellt gewissermaßen den Rahmen des Buches dar, denn zu Beginn, im 2. Vers des 1. Kapitels, heißt es schon: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.”
Unser Predigttext steht am Ende des Buches, obwohl noch einige Verse nachgeschoben werden, die sich aber selbst als „Nachworte” zu erkennen geben.
Was bedeutet dieses Wort „eitel” eigentlich? Wir gebrauchen es heute überwiegend für eine Person, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legt und alles tut, anders zu scheinen, als sie tatsächlich ist. Es bezeichnet die Selbstverliebtheit einer Person.
Zu Luthers Zeiten stand das Wort „eitel” allerdings für „bedeutungslos”, „nichtig” oder „leer”.
Und das ist also die Aussage, die das ganze Buch des Predigers umklammert: „Alles ist nichtig”, oder: „Alles ist bedeutungslos”.
Der Autor mahnt uns zunächst, an unseren Schöpfer zu denken, solange wir jung sind und es uns gut geht: keine Gebrechen, die das Alter so mit sich bringt, keine Gelenkschmerzen, keine Vergesslichkeit, keine Probleme mit den Augen oder Ohren usw., sondern Energie, den Willen, die Welt zu erobern und was einem noch so alles in den Sinn kommt, solange man jung ist.
Es kommen Tage, so sagt der Prediger, über die man sagen wird: „Sie gefallen mir nicht”. Das sind die Tage des Alters, wenn Krankheit und Gebrechen den Alltag bestimmen, und der Prediger beschreibt diese Tage in Bildern, die uns nicht so leicht zugänglich sind.
Sonne und Mond und Sterne werden finster, weil die Kraft der Augen nachlässt; wiederkehrende Wolken nach dem Regen sollen ebenfalls auf das nachlassende Augenlicht hindeuten.
Sich schließende Türen, das Verstummen der Mühle und des Gesangs, all das sind Zeichen für den Lebensabend, wo das Alltägliche immer schwieriger wird.
Ich will die Worte des Predigers noch etwas erläutern:
„die Hüter des Hauses” - damit sind die Arme und Hände gemeint. Im Alter beginnen sie, zu zittern, man kann die Hand nicht mehr ruhig halten, was es einem schwer macht, manche Tätigkeiten zu verrichten.
Das Haus selbst ist der menschliche Leib, und wenn es heißt, dass die Müllerinnen müßig stehen, dann sind damit die Zähne gemeint, die weniger werden und nicht mehr in der Lage sind, richtig zu kauen.
Die „Starken” sind die Beine, die sich krümmen, weil die Gelenke steifer werden und das Laufen dadurch schwerer machen.
Wenn es heißt, dass die Stimme der Mühle leiser wird, ist das Gehör gemeint, das nachlässt.
Der alt und gebrechlich gewordene Mensch hat Angst, hinauszugehen, denn er fürchtet die Dinge, die er nicht bewältigen kann. Wie oft höre ich es bei Besuchen, dass ein Mensch nicht mehr zum Gottesdienst gehen kann, weil er zum Beispiel fürchtet, auf die Toilette gehen zu müssen, oder weil das längere Sitzen auf harten Bänken Schmerzen bereitet.
Solche Furcht wird hier angesprochen, wenn es heißt: „wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege”.
Merkwürdig ist dann der 6. Vers, wo es heißt: „ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.
Da, wo Luther „Brunnen” übersetzt, könnte auch „Grube” übersetzt werden, und dann wird schon deutlich, dass es hier um den Tod geht. Das wird dann auch im 7. Vers weiter ausgeführt: „Der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist.” Aber dabei bleibt es nicht, sondern da ist noch mehr: „und der Geist” muss „wieder zu Gott” kommen, „der ihn gegeben hat”.
Da wird dann ja doch erkennbar, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, dass das Leben ein Ziel hat, nämlich die Geborgenheit in Gott. Dennoch folgen dann die letzten Worte: Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger, ganz eitel.
Die Resignation, die aus diesen letzten Worten spricht, wird trotz allem durchdrungen von der Gewissheit, dass Gott ist. Der Prediger rechnet fest mit der Gegenwart Gottes, und darum mahnt er auch immer wieder, dass wir uns dessen bewusst sein sollen. Ja, er kann es auch mit Gewissheit sagen, dass wir uns dessen bewusst sind, wenn er im 3. Kapitel ausruft: Gott hat die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt, nur dass er nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Das ist wohl auch der Grund für die Resignation, dass wir nicht wissen, worauf es hinaus will mit uns. Wir können den Plan Gottes nicht durchschauen, und so sind wir manchmal ratlos, z.B. wenn Menschen heimatlos werden, Kinder verhungern oder Alte jahrelang leiden, bevor sie endlich durch den Tod erlöst werden.
Nur eins wissen wir, und das soll uns doch auch Hoffnung machen: Gott hält diese Welt und uns in seiner Hand. Wenn wir darauf vertrauen, wenn wir das fest glauben, dann werden wir am Ende doch Gott danken können für alles, was uns in unserem Leben bisher widerfahren ist, und froh und voller Hoffnung in die Zukunft blicken.
Amen