das Kirchenjahr

19. Sonntag nach Trinitatis

Heilung an Leib und Seele

Predigtanregung

Der 19. Sonntag nach Trinitatis hat die ganzheitliche Heilung zum Thema. "Ganzheitlich" ist ein Schlagwort unserer Zeit, und es wäre hilfreich, wenn eine Verbindung zum heutigen Verständnis von den Predigttexten her abgeleitet werden könnte.

Klicken Sie hier für die Anregungen für alle Predigtreihen (soweit vorhanden)

IV - Mk 2, 1-12

Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

Diese Geschichte nimmt eine merkwürdige Wendung da, wo Jesus "ihren Glauben erkennt" und daraufhin dem Gelähmten seine Sünden vergibt. Diese Wendung ist sehr problematisch, zumal sie durch nichts begründet ist. Sicher, dass die Menschen den Gelähmten durch das Dach herablassen, ist schon bemerkenswert, aber es gab sicher viele andere Kranke in der Menge, die ebenso geheilt werden wollten. Auch sollte doch der Glaube derer, die den Gelähmten gebracht haben, nicht ausschlaggebend sein für das Handeln Jesu an dem Gelähmten. Ist da nicht die Haltung des Kranken selbst von Bedeutung? Aber das Motiv der Fürbitte haben wir auch anderswo, und Jesus heilt Menschen, die selbst vielleicht gar keinen Glauben haben, deren Verwandte, Vorgesetzte oder Freunde aber Glauben bewiesen haben und gewissermaßen für die Kranken glauben.
Es fehlt natürlich auch der Anlass dafür, dem Gelähmten seine Sünden zu vergeben. Wieso braucht er diese Vergebung? Weil er gelähmt ist? Dies würde eine sehr problematische Kausalität vorstellen, vor der wir uns hüten müssen. Es wäre zu einfach, den Stab über Kranke zu brechen: sie haben es ja nicht anders verdient. Und wenn der Gelähmte von Geburt an gelähmt war, was kann er dann Böses getan haben? Natürlich gibt es immer Grund, Vergebung zu empfangen und auch zu erbitten, aber gerade in diesem Zusammenhang erscheint alles recht konstruiert. Und das ist es wohl auch, denn alles läuft ja auf die Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten hinaus.
Der Anspruch der Schriftgelehrten leitet sich klar aus dem kultischen Denken ab: Wenn einer Schuld auf sich geladen hat, muss er Gott durch einen entsprechenden (Opfer-)ritus dazu bewegen, diese Schuld wieder wegzunehmen (= vergeben). Wie groß das Opfer sein muss, ist hinreichend deutlich in den Schriften geklärt und wird von den Priestern überwacht. Jesus setzt sich also über den Kult hinweg, womit er natürlich provoziert. Allerdings nur, wenn man nicht weiß, dass er der Sohn Gottes ist und somit tatsächlich die Vollmacht hat. Da aber diese Gottessohnschaft von den Schriftgelehrten ohnehin nicht anerkannt wird, bleibt er in ihren Augen Mensch und lädt mit dem, was er tut, selbst Sünde auf sich.
Jesus hingegen macht denen, die ihn in seiner wahren Gestalt erkennen, deutlich, dass es keine Notwendigkeit für irgendeinen Opferkult gibt, sondern dass der Weg direkt zu ihm führt und dass er ohne Vorleistung (mit Ausnahme des Glaubens) Schuld vergibt. Den Schriftgelehrten, die nicht glauben, gibt er den physischen Beweis seiner Macht, indem er den Gelähmten heilt.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang legt den Schwerpunkt auf den doppelten Heilungsprozess, wobei in dieser Perikope aber doch die Kritik am Opferkult nicht zu übersehen ist. Aber auch dies kann aus dem Predigttext heraus erkannt werden, dass Gottes Heilung vollkommen ist und sich nicht nur auf Äußerlichkeiten beschränkt. Gott sieht den ganzen Menschen (wobei man nach wie vor überlegen kann, warum der Gelähmte die Vergebung seiner Sünden braucht).
Für die Predigt ist wichtig, eine Linie zu verfolgen. Man muss viel dazu erfinden, wenn man sich auf den Gelähmten stürzt, von dem ja kaum etwas berichtet wird, außer dass er sein Bett nimmt und hinausgeht (er dankt noch nicht einmal für die Heilung!). Interessanter wären da schon die, die ihn bringen: die Gemeinde vielleicht, die "schuldig gewordene" zu Gott bringt - in der Fürbitte oder auch physisch? Oder eben die Schriftgelehrten, die Jesus auf der geistlichen Ebene angreifen und anzweifeln. Mit welcher Gruppe können sich die Zuhörer am ehesten identifizieren? Ich würde wohl die wählen, die den Gelähmten bringen, und ihren Glauben im Gegenüber zu den Zweifeln der Schriftgelehrten verdeutlichen. Diesen Glauben finden wir auch in unseren Gemeinden, wenn sich Menschen um ihre Mitmenschen kümmern, für sie sorgen, sich ihnen zuwenden und sie letztlich damit vor Gott bringen.

Liedvorschläge zur Predigt:


Allein zu dir, Herr Jesu Christ (EG 232)
Nun lasst uns Gott, dem Herren (EG 320)
Such, wer da will (EG 346)
Jesus nimmt die Sünder an (EG 353)
Mir ist Erbarmung widerfahren (EG 355)
Wenn wir in höchsten Nöten sein (EG 366)
Du Gott stützt mich (

EKHN-EG Gesangbuch der Ev. Kirche in Hessen und Nassau
592)



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