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10. Sonntag nach Trinitatis
*Die Kirche und das Volk Israel - Predigtanregungen

Proprium | Predigtanregung | Predigttext | Liedvorschläge

Der 10. Sonntag nach Trinitatis bildet den ungefähren Mittelpunkt der Trinitatiszeit und hat daher eine besondere Stellung. Dies wird dadurch unterstrichen, dass er sich dem Verhältnis der Kirche zum Volk Israel widmet, ein Thema, das von großer Bedeutung für die christliche Kirche ist. Die Überlegungen dazu werden selbstverständlich auch den Holocaust und die neonazistischen Strömungen in unserer Gesellschaft beinhalten müssen. Auf der anderen Seite dürfen die Unterschiede nicht übersehen werden.
Allerdings ist es wichtig, dass wir erkennen, dass unsere Wurzeln im Volk Israel, dem Volk Gottes, verankert sind, und nicht ins Leere greifen. Die Erkenntnis des Paulus, dass das Volk Israel nicht verworfen ist (Röm 11, 25-31), muss maßgeblich sein für unser Reden über und vor allem mit diesem Volk.

Zu den Perikopen

  1. Lk 19, 41-48 od. Mk 12, 28-34
    Rev. 2014: Röm 11, 17-24

    Lk 19, 41-48: Es ist schon bedrückend, dass es die Perikopenkommission nicht geschafft hat, darauf zu verzichten, den Israelsonntag dazu benutzen, dem Volk Israel einen Seitenhieb zu versetzen. Sonst wäre wohl allein das Mk-Evangelium geblieben. So aber steht der Prediger vor der Qual der Wahl und kann, ganz nach der politischen Lage, das Passende aussuchen. Aber genau das birgt die Gefahr, dass nicht der Predigttext ausgelegt wird, sondern die persönlichen Gedanken und Gefühle des Predigers. Nirgendwo mehr als hier muss man in dem Handeln Jesu auf den Kontext achten, der dieses Handeln herausfordert, und den Text entsprechend auslegen.
    Es ist schon ein merkwürdiges Bild, dass Jesus über die Stadt Jerusalem weint und sie dazu noch wie eine Person anspricht. Dadurch wird die Stadt personifiziert, und in dieser Form soll sie sicher eine bestimmte Gruppe von Menschen vertreten. Doch welche? Die Leitung, die Oberen, die Geschäftsleute, die Lehrer usw.? Oder die Menschen in den Gassen, die Kranken und Armen, die spielenden Kinder? Wer ist gemeint? Wen vertritt die Stadt in diesem merkwürdigen Monolog?
    Jesus weint vielleicht in prophetischer Weitsicht, wissend, dass einst der Aufstand die römischen Legionen dazu veranlassen wird, die Stadt dem Erdboden gleich zu machen. Auf jeden Fall nimmt der Evangelist auf dieses Ereignis Bezug. Und er begründet es damit, dass sie "die Zeit nicht erkannt" hat, ider sie heimgesucht wurde. Damit ist sicher die Zeit der Gegenwart Jesu gemeint. Doch es bleibt die Frage: wem ist es nun nicht bewusst geworden? Gibt es auch nur einen winzigen Anhaltspunkt, daraus zu folgern, dass das gesamte Volk Israel von Jesus betrauert wird? Kann es überhaupt geschehen, dass eine Stadt - die Represäntantin einer Gruppe von Menschen - für diese Gott begegnen kann?
    Anschließend an diesen Monolog treibt Jesus die Händler aus dem Tempel aus. Hier werden Menschengruppen genannt, aber diese Menschengruppen werden wohl kaum von Jerusalem repräsentiert. Jesus predigt, er verkündigt das Wort Gottes, und macht sich damit hier wie schon zuvor anderswo Feinde. Zugleich aber hat er auch unzählige Freunde, die sein Wort hören und ihm anhängen. Warum also weint Jesus über Jerusalem?
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist geschichtlicher Natur. Israel galt in früherer Theologie als das verworfene Gottesvolk, und in diesem Text scheint etwas davon deutlich zu werden. Doch der Text, vor allem aber der Monolog Jesu, lässt zu viele Fragen offen, als dass er herangezogen werden könnte, um die Verwerfung Israels zu rechtfertigen.
    Will man diesen Text dennoch am Israelsonntag predigen, dann sollte es mit Vorsicht geschehen. Jesus verurteilt nicht das Volk Israel. Er verleiht nur seiner Trauer Ausdruch, und tut dies aufgrund der Zukunft der Stadt, die ihm schon bekannt ist. Dass es zu dieser Zukunft kommt, liegt an dem Verlangen des Volkes Israel, frei zu sein - ein durchaus legitimes Verlangen. Vielleicht hätte es diese Freiheit auch durch Jesus Christus erfahren können, ohne dafür eine Revolution anzetteln zu müssen. Und vielleicht ist das die verpasste Chance. Aber daraus kann nicht gefolgert werden, dass das Volk Israel verdammt ist. Im Gegenteil. Das legitime Verlangen nach Freiheit, das dieses Volk auch heute in sich trägt, muss sich nur nicht in Gewalt Ausdruck verleihen. Es kann auch seinen Ausdruck darin finden, dass man sich, so wie Jesus selbst, hingibt. Nur: wir sind die letzten, die das dem Volk Israel unter die Nase reiben dürfen. Denn 1. hat Israel jahrhundertelang um des Friedens willen auf seine Freiheit verzichtet, und dies im besonders extremen Maß zur Zeit des Nationalsozialismus, und 2. sind wir es bzw. unsere Vorfahren, die ihm diese Freiheit beständig genommen haben.
    Dennoch soll die Predigt nicht kritikfrei sein. Der Weg aufeinander zu kann aber nur gelingen, wenn beide Seiten mitmachen, und daran scheint es bis heute zu scheitern.

    Mk 12, 28-34:

    Gesunde Neugier treibt den Schriftgelehrten, nicht irgendeine Hinterlist. Sicher kennt er die Schrift gut, und er hat sich seinen Reim schon darauf gemacht, aber er hat auch beobachtet, wie Jesus auf die Vorwürfe anderer reagiert hatte und hoffte, von ihm nun eine gute Antwort zu erhalten. Denn die Frage, die er zu stellen beabsichtigte, wurde schon viele Male vorher an viele verschiedene Lehrer gerichtet, und oft unterschiedlich beantwortet.
    Die Antwort auf diese Frage ist uns sehr vertraut, sie wird das "Doppelgebot der Liebe" genannt. Mit dieser Antwort ist alles gesagt, und der Schriftgelehrte erkennt, dass dies die Wahrheit ist. Dabei zitiert übrigens Jesus nur aus der Heiligen Schrift, so wie von ihm erwartet wurde. Der zweite Teil ist nicht etwa erst von ihm hinzugefügt worden.
    Schön ist die Wendung, die eintritt, nachdem der Schriftgelehrte seine Befriedigung über die Antwort zum Ausdruck gebracht hatte, indem er sie einfach wiederholte. Jesus sagt ihm zu, dass er nicht fern ist vom Reich Gottes. Was fehlt ist die Tat - und darüber erfahren wir nichts in diesem Text. Denn der wichtigste Schritt ist schon getan: er hat erkannt, worauf es im Leben ankommt. Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist nicht auf Anhieb erkenntlich, es sei denn, man ist mit der Diskussion um diesen Tag vertraut. Der Schriftgelehrte repräsentiert in gewissem Maß das Volk Israel - zumindest in den Augen der Perikopenkomission. Und hier begegnet nun Jesus dem Volk Israel in der Gestalt des Schriftgelehrten. Nun wird nicht, wie in der ersten Perikope, die Ablehnung dieses Vertreters des Volkes in den Vordergrund gerückt, sondern im Gegenteil seine Annäherung. Er ist nicht fern.
    Damit steht der Schriftgelehrte nicht hinter, sondern neben uns, denn auch wir sind "nicht fern" vom Reich Gottes. Auch wir können es noch nicht ganz be- und ergreifen, und wir warten auf die letzte Offenbarung, so wie es das Volk Israel tut.
    Diese Gemeinsamkeit könnte zum Mittelpunkt der Predigt werden. Wir sind eben beide auf dem Weg, und dieser Weg ist nicht leicht. Jesus hat uns gezeigt, wie es leichter werden kann, ihn zu gehen. In diesem Sinn verurteilen wir nicht das "alte" Volk Gottes, sondern begleiten es auf seinem schweren Weg kritisch und zugleich wissend, dass auf ihm eine jahrtausendealte Verheißung liegt.

  2. Röm 9, 1-8.14-16
    Früher: Röm 11, 25-32
    Rev. 2014: 5. Mose 30, 1-8 (= Dtn 30, 1-8)

    folgt später

  3. Exodus (2. Mose) 19, 1-6*
    Früher: Joh 2, 13-22
    Rev. 2014: Lk 19, 41-48 (Evangeliumslesung - s. Reihe I)

    Achtung!Die nachfolgenden Anregungen beziehen sich auf den alten Text Joh 2, 13-22!
    Dieser Text als Predigttext für den heutigen Tag ist äußerst unglücklich gewählt. Es wäre zu überlegen, ob die vorgeschlagene Alternative (Mk 12, 28-34) gewählt werden soll, auch wenn diese Alternative nicht offiziell anerkannt ist. Über diesen Alternativtext folgen später noch ein paar Gedanken.
    Die Geschichte von der "Tempelreinigung" macht es leicht, "die Juden" als geldgierig und gottlos abzustempeln. Johannes redet immer pauschalisierend von "den Juden", und die Schar der Geldwechsler und Händler wird so beschrieben, dass man den Eindruck hat, es handele sich um eine große Menge, die sich "im Tempel" durch Geschäfte bereicherten. Man muss aber doch auch sehen, dass diese Händler und Geldwechsler ausschließlich deswegen dort anzutreffen waren, weil sie die Dienste und Waren anboten, die für den vorgeschriebenen Gottesdienst gebraucht wurden: Die Tiere, die dort zum Verkauf angeboten wurden, waren die Opfertiere. Nicht jeder hatte nach der Sesshaftwerdung noch eigene Tiere, die er hätte zum Opfer darbringen können. Die Geldwechsler waren nötig, weil römische Münzen, die damals im Umlauf waren, das Bild des Kaisers, der als Gott verehrt wurde, trugen. Dies wurde als Beleidigung Gottes ausgelegt, daher musste das römische Geld in bildlose Münzen umgetauscht werden. Zu guter Letzt muss man anmerken, dass der Handel nur im äußeren Vorhof des Tempels stattfand, womit man unsere Marktplätze um die Kirche herum vergleichen könnte.
    So betrachtet, ist die Reaktion der Jünger gar nicht so verkehrt, die an Ps 69, 10 denken: "Der Eifer um dein Haus wird mich fressen." (Vers 17; im Psalm heißt es: "...hat mich gefressen.") Sie denken daran, dass Jesus vielleicht verrückt geworden ist. Es ist merkwürdig, dass Johannes die Interpretation Jesu weglässt, dass das Haus Gottes ein Bethaus sein soll. Anstelle dessen fügt er Jesu Worte über den Tempel, der in drei Tagen wieder errichtet werden soll, in diese Geschichte mit ein, wodurch diese Worte Jesu tatsächlich völlig unverständlich werden für die jüdischen Zuhörer, die nichts anderes als an den aus Steinen gebauten Tempel denken. Johannes musste denn auch die Erklärung hinzufügen, denn sonst hätte wohl die Gefahr gedroht, dass seine Leser ihn für unglaubwürdig gehalten hätten, da der bereits zerstörte Tempel ja nicht innerhalb dreier Tage wieder errichtet wurde.
    Der Text enthält viele Ungereimtheiten, die man durch kleine Kunststückchen wieder klären kann. Aber solche Kunststückchen sind nicht unbedingt zulässig. Es bietet sich wieder an, an den kirchenjahreszeitlichen Zusammenhang zu denken: Es fällt schwer, diesen Text dort einzuordnen. Soll sich die Kirche als Mahnerin an das jüdische Volk sehen? Wohl kaum, schon gar nicht nach dem Holocaust. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, den Text so auszulegen, dass deutlich wird, dass Jesus tatsächlich in diesem Moment "ausgerastet" ist, dass er übertrieben reagierte, um auf eine mögliche Fehlentwicklung hinzudeuten: "macht meines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus". Macht keine Geschäfte mit dem Glauben. Der Text aber zeigt ja auf die Worte Jesu, dass er den Tempel nach seinem Niederriss in 3 Tagen wieder aufbauen wird. Wenn man jetzt also Jesus als Metapher für den Tempel in Jerusalem sieht, nachdem dieser Tempel zerstört war, und wenn man erkennt, dass Jesus tatsächlich diesen Tempel wieder auferrichtet hat, indem er auferstand, dann wäre es wohl nicht verkehrt, darin das Angebot Gottes an das jüdische Volk zu sehen, sich diesem Jesus anzuschließen, ihn als ihren Messias anzuerkennen. Aber es wäre verkehrt, den Text zur Grundlage eines Aufrufs zur Judenmission zu machen. Im Gegenteil: Dieses Angebot hat Gott seinem Volk gemacht, und es kann gut sein, dass er uns gar nicht im Spiel haben will. Das Verhältnis zwischen Kirche und dem Volk Israel sollte deswegen geprägt sein von gegenseitigem Verstehen und Annehmen.

    Alternativtext: Mk 12, 28-34
    Als Alternative wird, wenngleich nicht von der Kirchenleitung, der Text von der Frage nach dem höchsten Gebot vorgeschlagen. In diesem Text wird die Gemeinsamkeit des jüdischen Volkes und der Christen hervorgehoben, basierend auf diesem "höchsten Gebot", das aus dem "Alten Testament" stammt. Vielleicht ist dies zu einfach, zumal man diesen Text auch sehr schnell ohne Bezug auf das Volk Israel auslegen kann. Es wäre also wichtig, den Frager, einen jüdischen Schriftgelehrten, in den Vordergrund zu rücken, dem Jesus auf den Kopf zusagt, dass er nicht fern ist vom Reich Gottes.

  4. Jes 62, 6-12 od. Jes Sir 36, 13-19
    Früher: Röm 9, 1-5.31 - 10,4
    Röm 9, 1-5; 10, 1-4 (W)
    Rev. 2014: Röm 9, 1-5 (Epistellesung - s. auch Reihe II)

    So schön es ist, dass man sich endlich dazu durchrang, in der Perikopenauswahl für diesen Sonntag Texte zu berücksichtigen, die positiv über das Volk Israel sprechen, so problematisch kann es sein. Dieser alttestamentliche Text stellt uns zunächst vor die ganz banale Frage, ob er uns überhaupt gilt. Welche Rolle spielen wir, die "Heidenchristen", überhaupt in diesem Text? Wenn ich es richtig betrachte, müssen wir uns außerhalb platzieren. Wir wären diejenigen, die mit dem "Man" des Vers 12 gemeint sind. Bewohnt werden wird diese Stadt Jerusalem vom Volk Israel. Wir staunen nur und wundern uns über diese außerordentlich schöne Stadt.
    Ein in unserer Zeit (wir schreiben das Jahr des Herrn 2000) brisanter Text angesichts der fortwährenden Bemühungen um eine Einigung zwischen Palästinensern und Israelis, die nun gerade wieder einmal scheiterten. Wir wissen zwar, dass noch nicht alles verloren ist, sondern die Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Der Weg zu einem friedlichen Miteinander kann aber, wenn die Frage, was mit Jerusalem geschieht, nicht für alle befriedigend beantwort wird, zerstört werden.
    Es ist exegetisch zwar klar, dass dieser Text damals geschrieben wurde, am Ende des babylonischen Exils, als Jerusalem wieder aufgebaut wurde und in neuer Pracht erstrahlte. Aber die gleiche Situation wie damals hat Israel ja erneut durchgemacht und wurde erst vor relativ kurzer Zeit wieder in sein Land zurückgebracht. Dabei musste das Volk auf vieles verzichten, wozu auch die Stätte gehört, auf der einst der Tempel stand.
    Der Text verursacht Ratlosigkeit. Wenn wir dem Volk Israel zusprechen wollen, was hier versprochen wird, verachten wir im Grunde die Palästinenser, die dieses Land ebenfalls lange bewohnt haben. Wenn wir die Prophezeiung missachten bzw. als historisch und damit für unsere Zeit ungültig abtun, würden wir selbst unglaubwürdig in unserer Verkündigung.
    Wenn wir mit Luther versuchen, zu finden, "was Christum treibet", dann entdecken wir zunächst einmal schlicht das Versprechen der Erlösung. Gemeint ist die Erlösung von Unterdrückung, von Entfremdung. Diese Erlösung erfährt das Volk Israel schon heute. Es ist sicher nicht die Erlösung durch Christus gemeint, sondern die Erlösung von zuvor geschehenem Unrecht. Die Stadt Jerusalem, auch wenn sie nicht unzweifelhaft dem jüdischen Volk gehört, wird bewohnt von jüdischen Menschen. Sie haben dort wieder ihre Heimat gefunden. Wohl bestehen noch Spannungen mit den palästinensischen Mitbürgern. Die Bemühungen um ein friedliches Miteinander aber geben Raum zur Hoffnung und Freude.Für uns aber heißt es, sich zu freuen an dem Wirken Gottes für dieses Volk.
    Der Text enthält noch einen anderen Aspekt, der durchaus lohnenswert ist und bei dem man sicher Halt sucht, wenn einem die eben angesprochene Thematik zu fremd erscheint: Jesaja ruft dazu auf, Gott zu bedrängen, ihm keine Ruhe zu lassen, damit er Jerusalem wieder aufrichte (Verse 6-7). Dieser Aufruf zur Beharrlichkeit im Gebet um Gottes Wirken könnte gut den Mittelpunkt der Predigt darstellen - er würde aber den kirchenjahreszeitlichen Zusammenhang negieren. Wohl darf also dieser Aspekt auftauchen, aber nicht ohne die Zusage an das Volk Israel, die hier gemacht wird, explizit zu berücksichtigen. Dieses Mal darf die Predigt ruhig auch politische Inhalte zur Sprache bringen, denn auch Gott ist "politisch", wenn es um das Recht seiner Kinder geht.

  5. Joh 4, 19-26
    Früher: Jer 7, 1-11 (12-15)
    Rev. 2014: Jes 27, 2-9

    Es handelt sich bei diesem Text um die Perikope, die im neuen Evangelischen Gottesdienstbuch, das die Agende der EKU und der VELKD ist, genannt wird. Durch diese letzte "kleine Perikopenrevision" kam es zu einer bedauerlichen Doppelung, denn der gleiche Text ist bereits in der Reihe V für den Pfingstmontag vorgesehen, er war also vor gerade mal 11 Wochen dran.
    Da kaum bekannt sein dürfte, mit welcher Erzählung dieses "Gespräch" zusammenhängt, empfiehlt es sich, in der Predigt, diesen Zusammenhang durch Nacherzählung der Vorgeschichte herzustellen.
    Es geht hierbei hauptsächlich um die Frage, wo Gott angebetet werden soll, was vor allem deswegen eine wichtige Frage war, weil man sich noch nicht von dem Gedanken gelöst hatte, dass Gott einen ganz besonderen Ort als "Wohnort" haben müsse. Obgleich dieser Gedanke auch im AT schon bekämpft wird, taucht er auch unter uns heute noch auf, wenn dem Kirchraum eine Heiligkeit bescheinigt wird, die durch die Gegenwart Gottes entsteht.
    Zur Wahl stehen hier das samaritische Heiligtum auf einem Berg und der Tempel in Jerusalem. Jesus weist darauf hin, dass bald (und schon jetzt, Vers 23) die Menschen Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten werden, also dann weder der tempel in Jerusalem noch das Heiligtum auf dem Berg eine besondere Qualität darstellen. Ärgerlich ist der Seitenhieb gegen die Samariter in Vers 22, den sich der Evangelist wohl nicht verkneifen konnte.
    Die Verse 25 und 26 leiten eigentlich schon über zur weiter hinten fortgeführten Erzählung (39-42) und spielen für die Predigt keine so große Rolle. Es genügt, den Hinweis Jesu noch einmal zu unterstreichen, dass die Zeit, in der die Menschen Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten, bereits angebrochen ist, und dass sie mit ihm anbrach.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang besteht darin, dass hier eine Verbindung hergestellt wird zwischen Juden und Völkern, die zwar an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben, diesen Glauben aber auf andere Weise praktizieren. In dieser Geschichte stehen sich Samariter und Juden gegenüber, für uns wird es das Verhältnis von Christen und Juden sein. Leider hat dieser Abschnitt, obgleich er neu gewählt wurde, auch den problematischen Unterton der Abwertung jüdischer Glaubenspraxis, denn Jesus erhebt ja eine andere Form des Gebets über die vom jüdischen Volk praktizierte. Auf der anderen Seite kann es natürlich auch unter den Juden Menschen geben, die Gott so anbeten, wie Jesus es hier beschreibt, und es ist durchaus nicht garantiert, dass Gebete der Christen aufrichtiger oder wahrhaftiger sind.
    Hier könnte dann auch die Predigt ansetzen. Sicher hat es etwas für sich, wenn man die Kirche zum Gebet aufsucht - nicht, weil hier Gott garantiert gegenwärtig wäre, denn das ist er überall, sondern weil man sich hier besser besinnen und zur Ruhe kommen kann. Das erleichtert es, im Gebet aufrichtig, also wahrhaftig, zu sein, denn man kann zurücklassen, was einen sonst ablenkt.

    Buchtipps zum Thema:
    Der Jude Jesus. Thesen eines Juden. Antworten eines Christen. von Pinchas Lapide, Ulrich Luz.
    Christen und Juden, Bd.3, Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum. Gütersloher Verlagshaus
    Jesus zwischen Juden und Christen. von Klaus Wengst.
    Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt - und was sie eint. von Karl-Josef Kuschel.

    Christen und Juden heute. Neue Einsichten und neue Aufgaben. von Rolf Rendtorff.
    Die großen Gebete. Juden, Christen, Muslime. von Georg Schwikart, Werner Wanzura.

  6. Röm 11, 25-32
    Früher: 2. Kön 25, 8-12
    Dan 9, 15-19 (W)
    Alternative: 2. Mose 19, 1-6a
    Rev. 2014: Klgl 5, 1.11-22

    Paulus kann nicht verstehen, dass das Volk Israel Christus als den Messias ablehnt. Darum sucht er nach einem Grund für diese Tatsache. In seinem Brief an die immer bedeutender werdende christliche Gemeinde in Rom erkennt er, dass es wichtig ist, die Stellung der Heiden im gesamten Heilsplan Gottes zu erläutern. Denn die Gemeinde in Rom sah sich als Gemeinde der Hauptstadt des großen römischen Reiches in einer herausgehobenen Stellung, während die Gemeinde in Jerusalem, dem Zentrum jüdischen Glaubens, immer unbedeutender wurde. So warnt Paulus indirekt die römische Gemeinde vor Überheblichkeit. Das jüdische Volk wird eines Tages ebenfalls dazukommen. Dass sie jetzt nichts von Jesus wissen wollen, liegt daran, dass Gott es ihnen verwehrt. Ihre Ablehnung erfolgt nur darum, um den Heiden, den Nicht-Juden, zu ermöglichen, ebenfalls am Heil teilzuhaben.
    Dieser Gedanke ist gefährlich, denn er kann dazu verleiten, Gott für vieles verantwortlich zu machen, wofür vielleicht wir selbst die Verantwortung tragen. Es ist doch ungleich praktischer, zu sagen, dass Gott alles so geplant hat - solange das Ergebnis zu eigenen Gunsten ausfällt, während andere das Nachsehen haben. Er könnte einen sogar dazu veranlassen, ungerechte und ausbeuterische Strukturen zu rechtfertigen. Das will Paulus freilich nicht erreichen. Im Gegenteil: Gerade weil es so ist, dass die Juden um unseretwillen vorübergehend auf das Heil verzichten, gebührt ihnen unsere Hochachtung und Liebe.
    Gott nimmt seine Erwählung nicht zurück. Das Volk Israel ist sein Volk, und dabei bleibt es. Vielleicht ist der wesentlichste Gedanke dieses Textes der, dass es Gott überlassen bleibt, wann und wie er seinem Volk das Heil offenbart.
    Schwierig ist freilich die zeitliche Aussage: "bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist". Nach unserer Erfahrung wird dies nie eintreten. Also müsste entweder das Wort "Fülle" definiert werden, oder wir lassen uns gar nicht erst darauf ein, irgendwelche Spekulationen über Termine anzustellen, was ich für die bessere Lösung halte. Alle Zeit liegt in Gottes Händen - er allein bestimmt den Lauf der Welt. Und es ist eigentlich auch ganz gut, dass wir nicht wissen, was der morgige Tag bringen wird.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist klar: Unser Verhältnis zum Volk Israel wird durch diesen Text beleuchtet. Dabei wird deutlich gemacht, dass wir dem jüdischen Volk Dank schulden und dass Gott zu seiner Verheißung und Erwählung steht.
    Für die Predigt ist es wohl eher müßig, zu betonen, dass wir dem Volk Israel Respekt schulden. Das ist mittlerweile nach dem Holocaust zum Allgemeingut geworden. Angesichts der Situation in Israel allerdings ist unser Verhältnis zu diesem Volk durchaus ein Thema. Nur geht es hier um politische Vorgänge, die wir zunächst mangels Kompetenz gar nicht kritisieren können. Berichte, die uns erreichen, sind immer einseitig und werden der Komplexität des dortigen Problems nicht gerecht. Darum sollte auch dieser Bereich so gut wie möglich ausgeklammert werden. In der Predigt können wir anstelle dessen auf Gottes Heilsplan hindeuten. Unser Leben - und das aller Menschen in dieser Welt - wird von diesem Plan Gottes bestimmt. Wir können diesen Plan jetzt nur bruchstückhaft verstehen, und so wie uns vieles in Israel unverständlich bleibt, so bleibt uns auch Gottes Handeln unverständlich. Es erweist sich oft erst nach langer Zeit, dass alles zusammenpasst und zu einem größeren Ziel hinführt, das Gott schon lange vorher gesetzt hat.



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Zuletzt überarbeitet: 10 Juli 2016
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