das Kirchenjahr

2. Sonntag nach dem Christfest

Der Gottessohn

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - 1. Joh 5, 11-13

Liebe Gemeinde!
Ewigkeit – was für ein Wort.
Eigentlich ist es merkwürdig, dass wir dieses Wort in unserem Wortschatz haben, denn es ist so durch und durch unwirklich, es widerspricht so vollkommen unserer Lebenserfahrung, dass man es eigentlich getrost aus unserem Wortschatz streichen könnte.
Aber es bleibt. Auf ewig, so könnte man wohl sagen.
Aber was ist Ewigkeit?
Kaiser Lothar III. hier hat es auf immerhin schon fast 900 Jahre gebracht. Das ist eine lange Zeit. Wollte man Menschenleben bei einem Durchschnittsalter von 75 Jahren aneinanderreihen, käme man auf 12 volle Menschenleben. Wollte man Generationen zählen, so käme man auf etwa 30 Generationen. Und heute wird ihm vielleicht wieder mehr Beachtung geschenkt als vielleicht vor 300 oder 400 Jahren. Er ist jedenfalls nicht vergessen – fast 900 Jahre lang schon erinnert diese Kirche an ihn.
Aber was sind 900 Jahre im Blick auf die Ewigkeit?
„1000 Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache“ (Ps 90, 4), heißt es im 90. Psalm. Also hat Lothar vor Gott noch nicht einmal 24 Stunden verbracht.
Aber auch das ist nicht richtig. Ewigkeit lässt sich nicht berechnen, schon gar nicht mit Zeiteinheiten, denn die stehen ja völlig gegensätzlich zu allem, was Ewigkeit darstellt.
Aber was ist dann Ewigkeit?
Gestern hatte ich im Zuge der Vorbereitung der Andacht in den Zwölf Heiligen Nächten versuchsweise hier in der Kirche eine CD mit gregorianischen Gesängen aufgelegt. Ich wollte wissen, ob die Anlage in der Lage ist, Musik von CD in guter Weise wiederzugeben, denn nicht alle Verstärkeranlagen in Kirchen sind dazu geeignet.
Ich hatte mir diese CD eher zufällig gegriffen – doch als sie dann abgespielt wurde, war ich ergriffen. Ich setzte mich hin und saß da, lauschte dem Gesang und dachte: so war das hier in dieser Kirche vor 500 und mehr Jahren, ja schon damals, vor fast 900 Jahren, als das Kloster gegründet und die Kirche erbaut worden war.
So sangen die Mönche die Antiphonen, die Choräle und die Psalmen. Und auch heute gibt es noch Klöster, in denen diese Gesänge erklingen.
Da ist eine Beständigkeit, die schon fast an die Ewigkeit heranreicht, und doch gibt es diese Gesänge erst seit etwa 1500 Jahren, also auch keine Ewigkeit, vor Gott noch nicht einmal zwei Tage, wenn man denn die Maßeinheiten des 90. Psalms übernehmen möchte.
Und dann kommen mir Klöster in den Sinn, die längst Ruinen sind, wo auch von der Kirche nur noch Überreste zu sehen sind. Der Zahn der Zeit nagt an ihnen, sie sind bestenfalls zu Museen umgestaltet, manches Kloster aber ist längst dem Erdboden gleich gemacht und vergessen.
Nichts ist also mit der Ewigkeit. Wir werden sie in dieser Welt nicht finden, und wir werden sie auch nicht beschreiben können.
Und doch hat Gott die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt, wie der Prediger Salomo so schön sagt (Pred 3, 11), und darum gibt es dieses Wort, das etwas benennt, das niemand wirklich beschreiben kann.
Und dann gibt es da unseren Predigttext, in dem so voller Selbstverständlichkeit vom ewigen Leben gesprochen wird:
Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.
13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

Wer den Sohn hat, der hat das Leben“ - und damit meint Johannes ganz eindeutig das ewige Leben. Aber können wir den Sohn „haben“? Am Ende unseres Predigttextes beschreibt er, was das bedeutet: „die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.
Ich finde es faszinierend, dass da kein Fünkchen Zweifel zu erkennen ist. Das hat natürlich einen Grund, der aus den Versen vor unserem Predigttext zu erkennen ist. Da schreibt Johannes:
„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Joh 5, 4b) Und dann schreibt er vom Zeugnis Gottes für seinen Sohn.
Dabei geht es natürlich nicht um ein Schulzeugnis, sondern um eine Zeugenaussage. Gott steht für seinen Sohn ein. Aber wie?
Johannes schreibt von drei Dingen, die das Zeugnis geben:
der Geist, das Wasser und das Blut. (1. Joh 5, 6)
Da mag man zunächst etwas rätseln, was das bedeuten soll, aber man kann auch recht schnell dahinter kommen.
Ich beginne beim Wasser:
Hier spielt Johannes auf die Taufe an. Das Wasser der Taufe wird zum Symbol für das ewige Leben, das uns durch Christus geschenkt ist. Denn es ist Lebensspender. Aber wichtiger ist das Geschehen in der Taufe selbst: Gott wendet sich uns zu, er sagt sein „Ja“ zu uns, er nimmt uns in der Taufe als seine Kinder an. Durch die Taufe sind wir Geschwister Jesu, er ist unser Bruder. Und damit teilen auch wir, was Jesus seit der Auferstehung längst eigen ist: das ewige Leben.
Durch die Taufe wendet sich Gott uns zu durch seinen Heiligen Geist. Dieser Geist ist es, der den Glauben in uns wirkt. Wir können nicht über ihn verfügen – er ist wie der Wind, der weht, wo er will (Joh 3, 8). Aber man nimmt ihn wahr, und wer vom Geist Gottes erfüllt ist, der spürt ihn natürlich auch in sich. Der Geist Gottes bewegt uns, und er wirkt in uns das Wissen vom ewigen Leben.
Und schließlich ist da das Blut. Christus hat sein Blut vergossen, damit wir frei von allen Sünden werden. Im Abendmahl haben wir Teil an seinem Blut, wir haben Teil an ihm. Im Abendmahl vereinen wir uns gewissermaßen mit dem Sohn Gottes, und durch diese Vereinigung haben wir auch die Gewissheit des ewigen Lebens.
Darum kann Johannes so selbstverständlich davon reden. Ewiges Leben ist die Folge unseres Glaubens.
Nun kann man natürlich fragen, ob man das überhaupt will. Ist Ewigkeit so erstrebenswert? Wer 90 Jahre alt wird, ist bereits lebenssatt und auch -müde. Aber, wie gesagt: es ist unmöglich, sich die Ewigkeit wirklich vorzustellen. Immer wieder bleiben wir an der Zeit hängen, die unser Leben in messbare Einheiten einteilt.
Und darum gab es in unserem alten Gesangbuch noch ein Lied von Johann Rist mit dem Titel „O Ewigkeit, du Donnerwort“, in dem er das Schreckliche und Bedrohliche der Ewigkeit, dieser unendlich langen Zeit, zu verdeutlichen versucht:
1. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
ich weiß vor großer Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Mein ganz erschrocknes Herz erbebt,
dass mir die Zung am Gaumen klebt.
2. Kein Unglück ist in aller Welt,
das endlich mit der Zeit nicht fällt
und ganz wird aufgehoben.
Die Ewigkeit nur hat kein Ziel,
sie treibet fort und fort ihr Spiel,
lässt nimmer ab zu toben;
ja – wie mein Heiland selber spricht –
aus ihr ist kein Erlösung nicht.
3. O Ewigkeit, du machst mir bang,
o ewig, ewig ist zu lang,
hier gilt fürwahr kein Scherzen.
Drum, wenn ich diese lange Nacht
zusamt der großen Pein betracht,
erschreck ich recht von Herzen;
nichts ist zu finden weit und breit
so schrecklich als die Ewigkeit.
4. Ach Gott, wie bist du so gerecht,
wie strafst du einen bösen Knecht
so hart im Pfuhl der Schmerzen;
auf kurze Sünden dieser Welt
hast du so lange Pein bestellt.
Ach nimm dies wohl zu Herzen;
betracht es oft, o Menschenkind:
kurz ist die Zeit, der Tod geschwind.
5. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang ohne Ende! O Ewigkeit,
Zeit ohne Zeit, ich weiß vor großer Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Nimm du mich, wenn es dir gefällt,
Herr Jesu, in dein Freudenzelt.
(EKG 324)
Für Rist hat die Ewigkeit etwas sehr Bedrohliches – allerdings nur für den Sünder, der seine Sünde nicht erkennt und darum auch nicht bereut.
Ursprünglich hat dieses Lied noch elf weitere Verse, die alle ein Appell an den Sünder sind, angesichts der zu erwartenden ewigen Strafe seinen Lebenswandel doch zu ändern und das ganze Leben so zu gestalten, dass es Gott wohlgefällt.
Und erst in den letzten zwei Zeilen strahlt der Hoffnungsschimmer auf, der getragen wird von dem Glauben an die Gnade Gottes, die in Jesus Christus offenbar wurde: „Nimm du mich, wenn es dir gefällt, Herr Herr Jesu, in dein Freudenzelt.“
Viele konnten diese Aussicht nicht ertragen – auch nicht diejenigen, die die Revision des Gesangbuches in den 90er Jahren vornahmen und das Lied darum nicht mehr in unser aktuelles Gesangbuch aufnahmen.
Aber schon viel früher, im Jahre 1690, machte sich Kaspar Heunisch daran, gewissermaßen eine Antithese zu Johann Rists Lied zu dichten mit dem Titel: „O Ewigkeit, du Freudenwort“.
1. O Ewigkeit, du Freudenwort,
das mich erquicket fort und fort,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Freud ohne Leid,
ich weiß vor Herzensfröhlichkeit
gar nichts mehr vom Elende,
weil mir versüßt die Ewigkeit,
was uns betrübet in der Zeit.
2. O Ewigkeit, du währest lang!
Wenn mir auf Erden gleich ist bang,
weiß ich, dass solchs aufhöret.
Drum, wenn ich diese lange Zeit
erwäge samt der Seligkeit,
die nirgend nichts zerstöret,
so acht ich alles Leiden nicht,
weils kaum den Augenblick anficht.
3. Im Himmel lebt der Christen Schar
bei Gott viel tausend, tausend Jahr
und werden des nicht müde.
Sie stimmen mit den Engeln ein,
sie sehen stets der Gottheit Schein,
sie haben güldnen Frieden,
da Christus gibt, wie er verheißt,
das Manna, das die Engel speist.
4. O Ewigkeit, du Freudenwort,
das mich erquicket fort und fort,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Freud ohne Leid,
ich weiß von keiner Traurigkeit,
wenn ich mich zu dir wende.
Herr Jesu, gib mir solchen Sinn
beharrlich bis ich komm dahin.
(EKG 325)
Hier wird die Ewigkeit aus der Sicht des Glaubenden betrachtet, für den sie Grund aller Hoffnung ist angesichts des Leides in dieser Welt.
Kaspar Heunisch's Lied hatte auch 16 Strophen, so wie das Lied von Johann Rist. Es wirkt tatsächlich wie eine Gegenrede, aber im Grunde sind sich beide einig: Die Ewigkeit ist eine Wohltat für die, die im Glauben auf die Liebe und Gnade Gottes vertrauen, und ein Schrecken für die, die nur sich selber sehen und zum Schaden ihrer Mitmenschen leben und handeln.
Freilich bleibt es schwierig, sich die Ewigkeit überhaupt vorzustellen. Es sind keine vieltausend Jahre, denn Zeit wird dort nicht gemessen. Die Ewigkeit kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft, die Ewigkeit kennt überhaupt keine Zeit.
Sie ist geprägt von der Gegenwart Gottes, des Ewigen, und das mag schon alles sein, was wir brauchen, um uns die Ewigkeit vorzustellen: er ist da, so wie es Johannes in der Offenbarung beschreibt:
„Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb 21, 3b-4)
Und ein bisschen von der Ewigkeit spüren wir auch jetzt schon, in der Zeit: wenn wir gemeinsam das Heilige Abendmahl feiern. Denn dann haben wir Gemeinschaft mit allen Heiligen, die uns im Glauben vorausgegangen sind – die schon in der Ewigkeit angekommen sind.
Und manchmal bricht sich die Ewigkeit auch anderswo schon Bahn, etwa wenn wir liebevoll mit unseren Mitmenschen umgehen.
Denn da kann man schon die Stimmen der Engel hören, deren hohen Lobgesang, der ewig klingt und uns von der Herrlichkeit Gottes kündet.
So möge uns die Ewigkeit umfangen, damit wir getrost und voller Zuversicht hier leben und dort die ewige Herrlichkeit Gottes schauen können.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Also hat Gott die Welt geliebt (EG 28)
Also liebt Gott die arge Welt (EG 51)
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude (EG 66)
Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67)
O lieber Herre Jesu Christ (EG 68)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
Auf, Seele, auf und säume nicht (EG 73)
Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben (EG 227)

Predigtvorschläge zu Reihe III - Lk 2, 41-52

Liebe Gemeinde!
Aus der Bibel erfahren wir relativ wenig von der Kindheit Jesu. Das einzige, wovon wir etwas nachlesen können, sind die Geschichten von der Geburt Jesu im Matthäus- und im Lukasevangelium, und dann noch die Geschichte, die wir eben gehört haben und die sich nur im Lukas-Evangelium befindet.
Daneben gibt es das sogenannten Kindheitsevangelium des Thomas, das sich ganz der Kindheit Jesu widmet, allerdings nicht zur Bibel gehört, denn es entstand erst in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts und sammelt Legenden, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden waren. In dem Kindheitsevangelium wird berichtet, wie Jesus schon als Kind Wunder tut.
Eine kurze Geschichte will ich daraus wiedergeben:
Als Jesus fünf Jahre alt war, gab es einmal einen starken Regenfall. Jesus spielte an einer seichten Stelle am Bach. Er leitete das vorüberfließende Wasser in kleine Vertiefungen, sammelte es dort und machte es augenblicklich – allein durch sein Wort – ganz klar. Dann knetete er weichen Lehm und formte daraus zwölf Spatzen. Es war an einem Sabbat. Es waren auch noch andere Kinder dabei, die mit ihm spielten. Als ein Jude sah, was Jesus am Sabbat beim Spielen tat, ging er sofort zu Joseph, seinem Vater, und sagte zu ihm: „Dein Sohn spielt am Bach. Er hat aus Lehm zwölf Spatzen geformt. Damit hat er den Sabbat entweiht.“ Joseph eilte an die angegebene Stelle, sah, was Jesus gemacht hatte, und rief: „Warum tust du verbotene Dinge am Sabbat?“ Doch Jesus klatschte in die Hände und rief den Spatzen zu: „Los, fliegt weg!“ Da breiteten die Spatzen ihre Flügel aus und flogen laut tschilpend davon. Als das die Juden sahen, staunten sie sehr. Sie gingen hin und erzählten ihren Ältesten, was sie Jesus hatten tun sehen.
(aus „Das Neue Testament und frühchristliche Schriften“ von Klaus Berger und Christiane Nord, S. 1335)
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die Schreiber der biblischen Evangelien solche Geschichten kannten. Dennoch sind keine der Geschichten aus dem Kindheitsevangelium dort zu finden, außer dieser einen vom 12-jährigen Jesus im Tempel.
Warum ist das so?
Nun, die Form von Kindheitsgeschichten, die in dem Kindheitsevangelium des Thomas zu finden sind, gehören zu einer in der damaligen Zeit durchaus typischen und häufig verwandten literarischen Gattung. Man „dichtete“ besonders herausragenden Persönlichkeiten auch noch eine besondere Kindheit an. Von Kaisern und Königen wurden die eindrucksvollsten Geschichten erzählt, obgleich es dafür keinen einzigen Beweis gab.
Diejenigen, die bis weit in das 4. Jahrhundert hinein die vorhandenen Schriften über Jesus sichteten und schließlich entschieden, welche davon zur Bibel der Christen gehören sollten,wussten wohl, dass solche Geschichten immer Anlass zu Zweifeln und Spekulationen geben würden. Deswegen sind sie heute auch in Vergessenheit geraten, obwohl es eine Zeit gab, in der sie viel und gerne gelesen und erzählt wurden.
Eine einzige Geschichte aus der Kindheit Jesu bleibt uns, und das ist unser Predigttext.
Es ist eine Geschichte, die zunächst fragen lässt: was sind das für Eltern, die noch nicht einmal acht haben darauf, ob ihr zwölfjähriges Kind auch wirklich den Weg mit zurück geht? Warum sind sie so sorglos? Immerhin hatten sie ihn doch das erste Mal in die Stadt Jerusalem mitgenommen. Es war ein großes Fest, das viele Menschen in die bedeutende Stadt zog, und mit ihnen auch Scharlatane und Verbrecher. Hätten sie da nicht viel besser aufpassen müssen?
Welche Eltern würden in der Annahme, ihr Kind sei bei Verwandten, einfach aufbrechen und den Ort verlassen, zu dem sie ihr Kind das erste Mal in seinem Leben gebracht hatten, ohne sich zu vergewissern, dass es auch wirklich in der Reisegruppe ist?
Man kann natürlich versuchen, das Verhalten der Eltern zu erklären: es war damals durchaus üblich, dass die Kinder auch bei Verwandten mitzogen. Aber das genügt meiner Ansicht nach nicht nicht.
Ahnten sie vielleicht, dass Jesus auch ohne sie den Weg zurück finden würde? Hatten sie schon so viel mit ihm erlebt, dass sie sich keine Sorgen machen mussten?Dann wären sie aber sicher nicht zurückgekehrt, um ihn zu suchen, als sie feststellten, dass er nicht mit im Zug ist. Und Maria hätte ihm sich auch nicht vorgehalten, dass sie ihm mit Schmerzen gesucht hätten.
Es wird mit dieser Erzählung etwas eingeleitet, was schon wenig später das Bild von Jesus völlig wandelt. Denn bisher war Jesus ganz deutlich an seine Eltern gebunden, von ihnen abhängig.
Es wurde die Geschichte von Maria und Josef erzählt, von der Geburt Jesu unter widrigen Umständen, von der Beschneidung und Namengebung und schließlich der Darstellung Jesu im Tempel. Hier wurde Familienleben beschrieben – Vater, Mutter und Kind. Es ist die Geschichte von Josef, Maria und Jesus.
Eine Geschichte, die sich ganz und gar im üblichen Rahmen bewegt. Aber das ändert sich schlagartig mit dieser Erzählung. Der Zwölfjährige ist noch nicht alt genug, um für sich selbst zu entscheiden. Darum wird er ja dann auch von seinen Eltern gesucht. Aber jetzt tritt Josef, der bisher als Vater aufgetreten ist, in den Hintergrund.
Maria ist die Sprecherin, sie ist es, die Jesus Vorwürfe macht, und nicht etwa Josef, dem als Vater diese Rolle eigentlich zukäme, wie es auch im Kindheitsevangelium fast durchgängig der Fall ist. Doch an die Stelle des Vaters tritt nun Gott.
Mit wenigen Worten rückt Jesus alles wieder ins Lot – zumindest aus seiner Sicht. Denn er hat nach seiner Ansicht nichts Unrechtes getan. Er war da, wo er hin gehörte: im Haus seines Vaters. Wo denn sonst?
Aber die Wende ist so abrupt, so unerwartet, und auch so fremd, dass Maria und Josef ihn nicht zu verstehen scheinen. Maria hatte gerade noch von seinem Vater gesprochen und dabei natürlich Josef gemeint, der sich ja nun schon 12 Jahre lang um ihren Sohn gekümmert hatte, dass es schwer fallen musste, diese Worte zu verstehen: „Ich muss sein in dem, was meines Vaters ist.“
Von welchem Vater redete Jesus da? Und wie war dieses „Vater“ gemeint? Was für eine Rolle kam Josef in Zukunft zu?
Man kann das Wort „Vater“ in einer Weise verstehen, wie wir es auch benutzen würden. Immerhin reden wir Gott als unseren Vater an, wenn wir mit den Worten Jesu beten, und auch sonst rufen wir ihn als unseren himmlischen Vater an. Wir sind seine Kinder. Darauf vertrauen wir, weil es uns so zugesagt ist durch die Worte der Schrift. Und also können und dürfen wir ihn auch als unseren Vater anrufen.
Aber das hier ist mehr. Es ist eine Absage an den irdischen Vater, der später dann auch die Absage an seine Mutter folgt, als er die, die Gottes Worte hören und tun, zu seiner Mutter und zu seinen Geschwistern erklärt (Lk 8, 19-21).
Jesus ist Gottes Sohn, das wird hier schon deutlich, lange bevor in der Taufe durch Johannes den Täufer Gott selbst sich zu Jesus bekennt mit den Worten: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“. (Lk 3, 22b)
Der ungezogene Bengel, der einfach nicht mit seinen Eltern zusammen wieder in den Heimatort zurückkehrt, ordnet seine Prioritäten neu. Er macht das in radikaler, verletzender Weise, aber lässt uns damit auch sogleich erkennen, dass hier Gott am Werk ist.
Aber noch werden die Bande nicht vollkommen getrennt. Jesus kehrt ja mit seinen irdischen Eltern zurück nach Nazareth, akzeptiert, dass er noch etwas zu jung ist für den Weg, der ihm bestimmt ist. Er ist ihnen untertan, so heißt es sogar.
Zwar verwundern sich viele über den Jungen, über die Art und Weise, wie er die Schrift auslegt, und über das profunde Wissen, das er dabei an den Tag legt. Aber er ist eben noch ein Kind. Und Kinder werden nicht ernst genommen, so außergewöhnlich sie auch immer zu sein scheinen. Da vermutet man vielmehr die Eltern im Hintergrund, die einen besonderen Ehrgeiz an den Tag legen und das Kind dabei letztendlich überfordern, so wie man es heute immer wieder in der Welt der Popsternchen oder besser Sternschnuppen erlebt.
Jesus zeigt, wer er ist und wo er hin gehört: bereits mit zwölf Jahren stellt er fest, dass er Sohn Gottes ist. Und zugleich ordnet er sich ganz seinem Menschsein unter. Hier wird deutlich, was wir auch am Kreuz erkennen: da ist der Sohn Gottes, der Allmächtige, Unsterbliche, der Souveräne, der zugleich ganz Mensch wird und als Mensch den Tod erleidet und so unsere Erlösung vollbringt, ja, nur so unsere Erlösung vollbringen kann.
Lukas nimmt uns hinein in den Prozess der Selbstfindung, den Jesus durchmacht. Es ist nur ein Streiflicht. Viele Fragen bleiben offen, vor allem auch darüber, was hiernach geschieht bis zu der Zeit, als er endlich getauft wird. Wir lesen nur, dass Jesus zunahm an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.
Während es wohl selbstverständlich ist, dass ein Mensch an Alter zunimmt, und auch die Zunahme an Weisheit mit zunehmendem Alter wenigstens in begrenztem Umfang erwartet werden kann, ist das andere nicht selbstverständlich: Er nahm zu an Gnade bei Gott und den Menschen. Wie mag sich das ausgewirkt haben?
Dabei scheint mir vor allem die Gnade bei den Menschen etwas Besonderes. Denn ein Kind, das begabt ist, das herausragt aus der Masse, ist nicht unbedingt geliebt. Es wird vielmehr beneidet und häufig auch verspottet, hin und wieder wird es bedauert, weil man eben sieht, wie sehr es sich müht, diese besondere Stellung zu halten, die ihm in den meisten Fällen aufgezwungen wurde.
Und wir wissen, dass Jesus später ja auch viel angefeindet wird. Er hat längst nicht nur Freunde. Seine Worte greifen tief und stellen Erwartungen, die eigentlich nur dann erfüllt werden können, wenn man alles Bisherige hinter sich lässt. Und wer will sich schon darauf einlassen? Wer will sich so etwas von dem Sohn eines Zimmermanns sagen lassen?
Ob es anders war, solange Jesus Kind war? Hat er sich da zurückgehalten mit seinen Forderungen?
Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Jesus nicht nur bei Gott, sondern auch bei den Menschen an Gnade zunahm. Er wuchs in seine Aufgabe hinein, die ihn dann letztlich zu einem Stein werden ließ, den die Bauleute verwarfen und an dem sich viele Menschen stießen, bevor er schließlich zum Eckstein wurde.
So merkwürdig wir es finden mögen, dass die irdischen Eltern Jesu anfangs so unachtsam gewesen sind und sich nicht die Mühe machten, sich zu vergewissern, dass er auch mit ihnen auf dem Weg war, so eindrucksvoll ist ihr Umgang mit Jesus, als er ihnen diese Worte sagte, die verletzend wirken mussten: ihr seid nicht wirklich meine Eltern. Denn das meinte er ja damit, als er sagte: Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? (Lk 2, 49b)
Die Eltern haben natürlich schon eine Ahnung, was da passiert. Sie wissen, dass das Kind nicht wirklich ihr Kind ist, und hören hier zum ersten Mal aus seinem Mund, dass sie daran trotz aller Liebe, mit der sie sich ihm in den vergangenen zwölf Jahren zugewandt hatten, nichts werden ändern können. Eines Tages wird er die letzten Bande trennen – darauf müssen sie nun vorbereitet sein.
Sie bestrafen ihn dafür aber nicht, sie ziehen sich auch nicht zurück, sondern nehmen weiter ihre Aufgabe wahr, wie sie ihnen von Gott gestellt ist – denn von ihm haben sie ja dieses Kind bekommen, und zu ihm wird es zurück kehren.
Vielleicht können wir aus diesem Verhalten etwas lernen, etwas mitnehmen, nämlich dass wir wie die Eltern Jesu offen sind für das Handeln Gottes in unserer Welt. Dass wir uns nicht gefangen nehmen lassen von Konventionen, von dem Üblichen, von dem, das man tagaus, tagein erwartet und tut, sondern dass wir mit dem Außergewöhnlichen rechnen, nämlich
• mit der Stimme Gottes, die uns plötzlich herausruft aus dem Alltag und uns eine eigene, neue Aufgabe zuteilt, oder
• mit dem Handeln Gottes, das plötzlich unsere Umwelt oder unsere Lebensbedingungen so verändert, dass wir auf einen neuen Weg gewiesen werden.
Gott handelt, das steht fest, und er tut das auch heute. So lasst uns wachsam und aufmerksam sein, dass wir es nicht verpassen, wenn er uns besucht, der Aufgang aus der Höhe, damit wir teilhaben an der großartigen Geschichte, die er damals mit diesem Kind begonnen hat und die noch nicht zu Ende ist.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Wunderbarer Gnadenthron (EG 38)
Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67)
Komm, Heiliger Geist (EG 156)
Fröhlich wir nun all fangen an (EG 159)
Liebster Jesu, wir sind hier (EG 161)
Gott ist gegenwärtig (EG 165)
Tut mir auf die schöne Pforte (EG 166)
Wie lieblich schön, Herr Zebaoth (EG 282, 1-2.5.6)
Ich will den Herrn loben allezeit (EG 335)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - 1. Joh 5, 11-13

Liebe Gemeinde!
Ewigkeit – was für ein Wort.
Eigentlich ist es merkwürdig, dass wir dieses Wort in unserem Wortschatz haben, denn es ist so durch und durch unwirklich, es widerspricht so vollkommen unserer Lebenserfahrung, dass man es eigentlich getrost aus unserem Wortschatz streichen könnte.
Aber es bleibt. Auf ewig, so könnte man wohl sagen.
Aber was ist Ewigkeit?
Kaiser Lothar III. hier hat es auf immerhin schon fast 900 Jahre gebracht. Das ist eine lange Zeit. Wollte man Menschenleben bei einem Durchschnittsalter von 75 Jahren aneinanderreihen, käme man auf 12 volle Menschenleben. Wollte man Generationen zählen, so käme man auf etwa 30 Generationen. Und heute wird ihm vielleicht wieder mehr Beachtung geschenkt als vielleicht vor 300 oder 400 Jahren. Er ist jedenfalls nicht vergessen – fast 900 Jahre lang schon erinnert diese Kirche an ihn.
Aber was sind 900 Jahre im Blick auf die Ewigkeit?
„1000 Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache“ (Ps 90, 4), heißt es im 90. Psalm. Also hat Lothar vor Gott noch nicht einmal 24 Stunden verbracht.
Aber auch das ist nicht richtig. Ewigkeit lässt sich nicht berechnen, schon gar nicht mit Zeiteinheiten, denn die stehen ja völlig gegensätzlich zu allem, was Ewigkeit darstellt.
Aber was ist dann Ewigkeit?
Gestern hatte ich im Zuge der Vorbereitung der Andacht in den Zwölf Heiligen Nächten versuchsweise hier in der Kirche eine CD mit gregorianischen Gesängen aufgelegt. Ich wollte wissen, ob die Anlage in der Lage ist, Musik von CD in guter Weise wiederzugeben, denn nicht alle Verstärkeranlagen in Kirchen sind dazu geeignet.
Ich hatte mir diese CD eher zufällig gegriffen – doch als sie dann abgespielt wurde, war ich ergriffen. Ich setzte mich hin und saß da, lauschte dem Gesang und dachte: so war das hier in dieser Kirche vor 500 und mehr Jahren, ja schon damals, vor fast 900 Jahren, als das Kloster gegründet und die Kirche erbaut worden war.
So sangen die Mönche die Antiphonen, die Choräle und die Psalmen. Und auch heute gibt es noch Klöster, in denen diese Gesänge erklingen.
Da ist eine Beständigkeit, die schon fast an die Ewigkeit heranreicht, und doch gibt es diese Gesänge erst seit etwa 1500 Jahren, also auch keine Ewigkeit, vor Gott noch nicht einmal zwei Tage, wenn man denn die Maßeinheiten des 90. Psalms übernehmen möchte.
Und dann kommen mir Klöster in den Sinn, die längst Ruinen sind, wo auch von der Kirche nur noch Überreste zu sehen sind. Der Zahn der Zeit nagt an ihnen, sie sind bestenfalls zu Museen umgestaltet, manches Kloster aber ist längst dem Erdboden gleich gemacht und vergessen.
Nichts ist also mit der Ewigkeit. Wir werden sie in dieser Welt nicht finden, und wir werden sie auch nicht beschreiben können.
Und doch hat Gott die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt, wie der Prediger Salomo so schön sagt (Pred 3, 11), und darum gibt es dieses Wort, das etwas benennt, das niemand wirklich beschreiben kann.
Und dann gibt es da unseren Predigttext, in dem so voller Selbstverständlichkeit vom ewigen Leben gesprochen wird:
Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.
13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

Wer den Sohn hat, der hat das Leben“ - und damit meint Johannes ganz eindeutig das ewige Leben. Aber können wir den Sohn „haben“? Am Ende unseres Predigttextes beschreibt er, was das bedeutet: „die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.
Ich finde es faszinierend, dass da kein Fünkchen Zweifel zu erkennen ist. Das hat natürlich einen Grund, der aus den Versen vor unserem Predigttext zu erkennen ist. Da schreibt Johannes:
„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Joh 5, 4b) Und dann schreibt er vom Zeugnis Gottes für seinen Sohn.
Dabei geht es natürlich nicht um ein Schulzeugnis, sondern um eine Zeugenaussage. Gott steht für seinen Sohn ein. Aber wie?
Johannes schreibt von drei Dingen, die das Zeugnis geben:
der Geist, das Wasser und das Blut. (1. Joh 5, 6)
Da mag man zunächst etwas rätseln, was das bedeuten soll, aber man kann auch recht schnell dahinter kommen.
Ich beginne beim Wasser:
Hier spielt Johannes auf die Taufe an. Das Wasser der Taufe wird zum Symbol für das ewige Leben, das uns durch Christus geschenkt ist. Denn es ist Lebensspender. Aber wichtiger ist das Geschehen in der Taufe selbst: Gott wendet sich uns zu, er sagt sein „Ja“ zu uns, er nimmt uns in der Taufe als seine Kinder an. Durch die Taufe sind wir Geschwister Jesu, er ist unser Bruder. Und damit teilen auch wir, was Jesus seit der Auferstehung längst eigen ist: das ewige Leben.
Durch die Taufe wendet sich Gott uns zu durch seinen Heiligen Geist. Dieser Geist ist es, der den Glauben in uns wirkt. Wir können nicht über ihn verfügen – er ist wie der Wind, der weht, wo er will (Joh 3, 8). Aber man nimmt ihn wahr, und wer vom Geist Gottes erfüllt ist, der spürt ihn natürlich auch in sich. Der Geist Gottes bewegt uns, und er wirkt in uns das Wissen vom ewigen Leben.
Und schließlich ist da das Blut. Christus hat sein Blut vergossen, damit wir frei von allen Sünden werden. Im Abendmahl haben wir Teil an seinem Blut, wir haben Teil an ihm. Im Abendmahl vereinen wir uns gewissermaßen mit dem Sohn Gottes, und durch diese Vereinigung haben wir auch die Gewissheit des ewigen Lebens.
Darum kann Johannes so selbstverständlich davon reden. Ewiges Leben ist die Folge unseres Glaubens.
Nun kann man natürlich fragen, ob man das überhaupt will. Ist Ewigkeit so erstrebenswert? Wer 90 Jahre alt wird, ist bereits lebenssatt und auch -müde. Aber, wie gesagt: es ist unmöglich, sich die Ewigkeit wirklich vorzustellen. Immer wieder bleiben wir an der Zeit hängen, die unser Leben in messbare Einheiten einteilt.
Und darum gab es in unserem alten Gesangbuch noch ein Lied von Johann Rist mit dem Titel „O Ewigkeit, du Donnerwort“, in dem er das Schreckliche und Bedrohliche der Ewigkeit, dieser unendlich langen Zeit, zu verdeutlichen versucht:
1. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
ich weiß vor großer Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Mein ganz erschrocknes Herz erbebt,
dass mir die Zung am Gaumen klebt.
2. Kein Unglück ist in aller Welt,
das endlich mit der Zeit nicht fällt
und ganz wird aufgehoben.
Die Ewigkeit nur hat kein Ziel,
sie treibet fort und fort ihr Spiel,
lässt nimmer ab zu toben;
ja – wie mein Heiland selber spricht –
aus ihr ist kein Erlösung nicht.
3. O Ewigkeit, du machst mir bang,
o ewig, ewig ist zu lang,
hier gilt fürwahr kein Scherzen.
Drum, wenn ich diese lange Nacht
zusamt der großen Pein betracht,
erschreck ich recht von Herzen;
nichts ist zu finden weit und breit
so schrecklich als die Ewigkeit.
4. Ach Gott, wie bist du so gerecht,
wie strafst du einen bösen Knecht
so hart im Pfuhl der Schmerzen;
auf kurze Sünden dieser Welt
hast du so lange Pein bestellt.
Ach nimm dies wohl zu Herzen;
betracht es oft, o Menschenkind:
kurz ist die Zeit, der Tod geschwind.
5. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang ohne Ende! O Ewigkeit,
Zeit ohne Zeit, ich weiß vor großer Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Nimm du mich, wenn es dir gefällt,
Herr Jesu, in dein Freudenzelt.
(EKG 324)
Für Rist hat die Ewigkeit etwas sehr Bedrohliches – allerdings nur für den Sünder, der seine Sünde nicht erkennt und darum auch nicht bereut.
Ursprünglich hat dieses Lied noch elf weitere Verse, die alle ein Appell an den Sünder sind, angesichts der zu erwartenden ewigen Strafe seinen Lebenswandel doch zu ändern und das ganze Leben so zu gestalten, dass es Gott wohlgefällt.
Und erst in den letzten zwei Zeilen strahlt der Hoffnungsschimmer auf, der getragen wird von dem Glauben an die Gnade Gottes, die in Jesus Christus offenbar wurde: „Nimm du mich, wenn es dir gefällt, Herr Herr Jesu, in dein Freudenzelt.“
Viele konnten diese Aussicht nicht ertragen – auch nicht diejenigen, die die Revision des Gesangbuches in den 90er Jahren vornahmen und das Lied darum nicht mehr in unser aktuelles Gesangbuch aufnahmen.
Aber schon viel früher, im Jahre 1690, machte sich Kaspar Heunisch daran, gewissermaßen eine Antithese zu Johann Rists Lied zu dichten mit dem Titel: „O Ewigkeit, du Freudenwort“.
1. O Ewigkeit, du Freudenwort,
das mich erquicket fort und fort,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Freud ohne Leid,
ich weiß vor Herzensfröhlichkeit
gar nichts mehr vom Elende,
weil mir versüßt die Ewigkeit,
was uns betrübet in der Zeit.
2. O Ewigkeit, du währest lang!
Wenn mir auf Erden gleich ist bang,
weiß ich, dass solchs aufhöret.
Drum, wenn ich diese lange Zeit
erwäge samt der Seligkeit,
die nirgend nichts zerstöret,
so acht ich alles Leiden nicht,
weils kaum den Augenblick anficht.
3. Im Himmel lebt der Christen Schar
bei Gott viel tausend, tausend Jahr
und werden des nicht müde.
Sie stimmen mit den Engeln ein,
sie sehen stets der Gottheit Schein,
sie haben güldnen Frieden,
da Christus gibt, wie er verheißt,
das Manna, das die Engel speist.
4. O Ewigkeit, du Freudenwort,
das mich erquicket fort und fort,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Freud ohne Leid,
ich weiß von keiner Traurigkeit,
wenn ich mich zu dir wende.
Herr Jesu, gib mir solchen Sinn
beharrlich bis ich komm dahin.
(EKG 325)
Hier wird die Ewigkeit aus der Sicht des Glaubenden betrachtet, für den sie Grund aller Hoffnung ist angesichts des Leides in dieser Welt.
Kaspar Heunisch's Lied hatte auch 16 Strophen, so wie das Lied von Johann Rist. Es wirkt tatsächlich wie eine Gegenrede, aber im Grunde sind sich beide einig: Die Ewigkeit ist eine Wohltat für die, die im Glauben auf die Liebe und Gnade Gottes vertrauen, und ein Schrecken für die, die nur sich selber sehen und zum Schaden ihrer Mitmenschen leben und handeln.
Freilich bleibt es schwierig, sich die Ewigkeit überhaupt vorzustellen. Es sind keine vieltausend Jahre, denn Zeit wird dort nicht gemessen. Die Ewigkeit kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft, die Ewigkeit kennt überhaupt keine Zeit.
Sie ist geprägt von der Gegenwart Gottes, des Ewigen, und das mag schon alles sein, was wir brauchen, um uns die Ewigkeit vorzustellen: er ist da, so wie es Johannes in der Offenbarung beschreibt:
„Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb 21, 3b-4)
Und ein bisschen von der Ewigkeit spüren wir auch jetzt schon, in der Zeit: wenn wir gemeinsam das Heilige Abendmahl feiern. Denn dann haben wir Gemeinschaft mit allen Heiligen, die uns im Glauben vorausgegangen sind – die schon in der Ewigkeit angekommen sind.
Und manchmal bricht sich die Ewigkeit auch anderswo schon Bahn, etwa wenn wir liebevoll mit unseren Mitmenschen umgehen.
Denn da kann man schon die Stimmen der Engel hören, deren hohen Lobgesang, der ewig klingt und uns von der Herrlichkeit Gottes kündet.
So möge uns die Ewigkeit umfangen, damit wir getrost und voller Zuversicht hier leben und dort die ewige Herrlichkeit Gottes schauen können.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Also hat Gott die Welt geliebt (EG 28)
Also liebt Gott die arge Welt (EG 51)
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude (EG 66)
Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67)
O lieber Herre Jesu Christ (EG 68)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
Auf, Seele, auf und säume nicht (EG 73)
Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben (EG 227)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Lk 2, 41-52

Liebe Gemeinde!
Aus der Bibel erfahren wir relativ wenig von der Kindheit Jesu. Das einzige, wovon wir etwas nachlesen können, sind die Geschichten von der Geburt Jesu im Matthäus- und im Lukasevangelium, und dann noch die Geschichte, die wir eben gehört haben und die sich nur im Lukas-Evangelium befindet.
Daneben gibt es das sogenannten Kindheitsevangelium des Thomas, das sich ganz der Kindheit Jesu widmet, allerdings nicht zur Bibel gehört, denn es entstand erst in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts und sammelt Legenden, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden waren. In dem Kindheitsevangelium wird berichtet, wie Jesus schon als Kind Wunder tut.
Eine kurze Geschichte will ich daraus wiedergeben:
Als Jesus fünf Jahre alt war, gab es einmal einen starken Regenfall. Jesus spielte an einer seichten Stelle am Bach. Er leitete das vorüberfließende Wasser in kleine Vertiefungen, sammelte es dort und machte es augenblicklich – allein durch sein Wort – ganz klar. Dann knetete er weichen Lehm und formte daraus zwölf Spatzen. Es war an einem Sabbat. Es waren auch noch andere Kinder dabei, die mit ihm spielten. Als ein Jude sah, was Jesus am Sabbat beim Spielen tat, ging er sofort zu Joseph, seinem Vater, und sagte zu ihm: „Dein Sohn spielt am Bach. Er hat aus Lehm zwölf Spatzen geformt. Damit hat er den Sabbat entweiht.“ Joseph eilte an die angegebene Stelle, sah, was Jesus gemacht hatte, und rief: „Warum tust du verbotene Dinge am Sabbat?“ Doch Jesus klatschte in die Hände und rief den Spatzen zu: „Los, fliegt weg!“ Da breiteten die Spatzen ihre Flügel aus und flogen laut tschilpend davon. Als das die Juden sahen, staunten sie sehr. Sie gingen hin und erzählten ihren Ältesten, was sie Jesus hatten tun sehen.
(aus „Das Neue Testament und frühchristliche Schriften“ von Klaus Berger und Christiane Nord, S. 1335)
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die Schreiber der biblischen Evangelien solche Geschichten kannten. Dennoch sind keine der Geschichten aus dem Kindheitsevangelium dort zu finden, außer dieser einen vom 12-jährigen Jesus im Tempel.
Warum ist das so?
Nun, die Form von Kindheitsgeschichten, die in dem Kindheitsevangelium des Thomas zu finden sind, gehören zu einer in der damaligen Zeit durchaus typischen und häufig verwandten literarischen Gattung. Man „dichtete“ besonders herausragenden Persönlichkeiten auch noch eine besondere Kindheit an. Von Kaisern und Königen wurden die eindrucksvollsten Geschichten erzählt, obgleich es dafür keinen einzigen Beweis gab.
Diejenigen, die bis weit in das 4. Jahrhundert hinein die vorhandenen Schriften über Jesus sichteten und schließlich entschieden, welche davon zur Bibel der Christen gehören sollten,wussten wohl, dass solche Geschichten immer Anlass zu Zweifeln und Spekulationen geben würden. Deswegen sind sie heute auch in Vergessenheit geraten, obwohl es eine Zeit gab, in der sie viel und gerne gelesen und erzählt wurden.
Eine einzige Geschichte aus der Kindheit Jesu bleibt uns, und das ist unser Predigttext.
Es ist eine Geschichte, die zunächst fragen lässt: was sind das für Eltern, die noch nicht einmal acht haben darauf, ob ihr zwölfjähriges Kind auch wirklich den Weg mit zurück geht? Warum sind sie so sorglos? Immerhin hatten sie ihn doch das erste Mal in die Stadt Jerusalem mitgenommen. Es war ein großes Fest, das viele Menschen in die bedeutende Stadt zog, und mit ihnen auch Scharlatane und Verbrecher. Hätten sie da nicht viel besser aufpassen müssen?
Welche Eltern würden in der Annahme, ihr Kind sei bei Verwandten, einfach aufbrechen und den Ort verlassen, zu dem sie ihr Kind das erste Mal in seinem Leben gebracht hatten, ohne sich zu vergewissern, dass es auch wirklich in der Reisegruppe ist?
Man kann natürlich versuchen, das Verhalten der Eltern zu erklären: es war damals durchaus üblich, dass die Kinder auch bei Verwandten mitzogen. Aber das genügt meiner Ansicht nach nicht nicht.
Ahnten sie vielleicht, dass Jesus auch ohne sie den Weg zurück finden würde? Hatten sie schon so viel mit ihm erlebt, dass sie sich keine Sorgen machen mussten?Dann wären sie aber sicher nicht zurückgekehrt, um ihn zu suchen, als sie feststellten, dass er nicht mit im Zug ist. Und Maria hätte ihm sich auch nicht vorgehalten, dass sie ihm mit Schmerzen gesucht hätten.
Es wird mit dieser Erzählung etwas eingeleitet, was schon wenig später das Bild von Jesus völlig wandelt. Denn bisher war Jesus ganz deutlich an seine Eltern gebunden, von ihnen abhängig.
Es wurde die Geschichte von Maria und Josef erzählt, von der Geburt Jesu unter widrigen Umständen, von der Beschneidung und Namengebung und schließlich der Darstellung Jesu im Tempel. Hier wurde Familienleben beschrieben – Vater, Mutter und Kind. Es ist die Geschichte von Josef, Maria und Jesus.
Eine Geschichte, die sich ganz und gar im üblichen Rahmen bewegt. Aber das ändert sich schlagartig mit dieser Erzählung. Der Zwölfjährige ist noch nicht alt genug, um für sich selbst zu entscheiden. Darum wird er ja dann auch von seinen Eltern gesucht. Aber jetzt tritt Josef, der bisher als Vater aufgetreten ist, in den Hintergrund.
Maria ist die Sprecherin, sie ist es, die Jesus Vorwürfe macht, und nicht etwa Josef, dem als Vater diese Rolle eigentlich zukäme, wie es auch im Kindheitsevangelium fast durchgängig der Fall ist. Doch an die Stelle des Vaters tritt nun Gott.
Mit wenigen Worten rückt Jesus alles wieder ins Lot – zumindest aus seiner Sicht. Denn er hat nach seiner Ansicht nichts Unrechtes getan. Er war da, wo er hin gehörte: im Haus seines Vaters. Wo denn sonst?
Aber die Wende ist so abrupt, so unerwartet, und auch so fremd, dass Maria und Josef ihn nicht zu verstehen scheinen. Maria hatte gerade noch von seinem Vater gesprochen und dabei natürlich Josef gemeint, der sich ja nun schon 12 Jahre lang um ihren Sohn gekümmert hatte, dass es schwer fallen musste, diese Worte zu verstehen: „Ich muss sein in dem, was meines Vaters ist.“
Von welchem Vater redete Jesus da? Und wie war dieses „Vater“ gemeint? Was für eine Rolle kam Josef in Zukunft zu?
Man kann das Wort „Vater“ in einer Weise verstehen, wie wir es auch benutzen würden. Immerhin reden wir Gott als unseren Vater an, wenn wir mit den Worten Jesu beten, und auch sonst rufen wir ihn als unseren himmlischen Vater an. Wir sind seine Kinder. Darauf vertrauen wir, weil es uns so zugesagt ist durch die Worte der Schrift. Und also können und dürfen wir ihn auch als unseren Vater anrufen.
Aber das hier ist mehr. Es ist eine Absage an den irdischen Vater, der später dann auch die Absage an seine Mutter folgt, als er die, die Gottes Worte hören und tun, zu seiner Mutter und zu seinen Geschwistern erklärt (Lk 8, 19-21).
Jesus ist Gottes Sohn, das wird hier schon deutlich, lange bevor in der Taufe durch Johannes den Täufer Gott selbst sich zu Jesus bekennt mit den Worten: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“. (Lk 3, 22b)
Der ungezogene Bengel, der einfach nicht mit seinen Eltern zusammen wieder in den Heimatort zurückkehrt, ordnet seine Prioritäten neu. Er macht das in radikaler, verletzender Weise, aber lässt uns damit auch sogleich erkennen, dass hier Gott am Werk ist.
Aber noch werden die Bande nicht vollkommen getrennt. Jesus kehrt ja mit seinen irdischen Eltern zurück nach Nazareth, akzeptiert, dass er noch etwas zu jung ist für den Weg, der ihm bestimmt ist. Er ist ihnen untertan, so heißt es sogar.
Zwar verwundern sich viele über den Jungen, über die Art und Weise, wie er die Schrift auslegt, und über das profunde Wissen, das er dabei an den Tag legt. Aber er ist eben noch ein Kind. Und Kinder werden nicht ernst genommen, so außergewöhnlich sie auch immer zu sein scheinen. Da vermutet man vielmehr die Eltern im Hintergrund, die einen besonderen Ehrgeiz an den Tag legen und das Kind dabei letztendlich überfordern, so wie man es heute immer wieder in der Welt der Popsternchen oder besser Sternschnuppen erlebt.
Jesus zeigt, wer er ist und wo er hin gehört: bereits mit zwölf Jahren stellt er fest, dass er Sohn Gottes ist. Und zugleich ordnet er sich ganz seinem Menschsein unter. Hier wird deutlich, was wir auch am Kreuz erkennen: da ist der Sohn Gottes, der Allmächtige, Unsterbliche, der Souveräne, der zugleich ganz Mensch wird und als Mensch den Tod erleidet und so unsere Erlösung vollbringt, ja, nur so unsere Erlösung vollbringen kann.
Lukas nimmt uns hinein in den Prozess der Selbstfindung, den Jesus durchmacht. Es ist nur ein Streiflicht. Viele Fragen bleiben offen, vor allem auch darüber, was hiernach geschieht bis zu der Zeit, als er endlich getauft wird. Wir lesen nur, dass Jesus zunahm an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.
Während es wohl selbstverständlich ist, dass ein Mensch an Alter zunimmt, und auch die Zunahme an Weisheit mit zunehmendem Alter wenigstens in begrenztem Umfang erwartet werden kann, ist das andere nicht selbstverständlich: Er nahm zu an Gnade bei Gott und den Menschen. Wie mag sich das ausgewirkt haben?
Dabei scheint mir vor allem die Gnade bei den Menschen etwas Besonderes. Denn ein Kind, das begabt ist, das herausragt aus der Masse, ist nicht unbedingt geliebt. Es wird vielmehr beneidet und häufig auch verspottet, hin und wieder wird es bedauert, weil man eben sieht, wie sehr es sich müht, diese besondere Stellung zu halten, die ihm in den meisten Fällen aufgezwungen wurde.
Und wir wissen, dass Jesus später ja auch viel angefeindet wird. Er hat längst nicht nur Freunde. Seine Worte greifen tief und stellen Erwartungen, die eigentlich nur dann erfüllt werden können, wenn man alles Bisherige hinter sich lässt. Und wer will sich schon darauf einlassen? Wer will sich so etwas von dem Sohn eines Zimmermanns sagen lassen?
Ob es anders war, solange Jesus Kind war? Hat er sich da zurückgehalten mit seinen Forderungen?
Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Jesus nicht nur bei Gott, sondern auch bei den Menschen an Gnade zunahm. Er wuchs in seine Aufgabe hinein, die ihn dann letztlich zu einem Stein werden ließ, den die Bauleute verwarfen und an dem sich viele Menschen stießen, bevor er schließlich zum Eckstein wurde.
So merkwürdig wir es finden mögen, dass die irdischen Eltern Jesu anfangs so unachtsam gewesen sind und sich nicht die Mühe machten, sich zu vergewissern, dass er auch mit ihnen auf dem Weg war, so eindrucksvoll ist ihr Umgang mit Jesus, als er ihnen diese Worte sagte, die verletzend wirken mussten: ihr seid nicht wirklich meine Eltern. Denn das meinte er ja damit, als er sagte: Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? (Lk 2, 49b)
Die Eltern haben natürlich schon eine Ahnung, was da passiert. Sie wissen, dass das Kind nicht wirklich ihr Kind ist, und hören hier zum ersten Mal aus seinem Mund, dass sie daran trotz aller Liebe, mit der sie sich ihm in den vergangenen zwölf Jahren zugewandt hatten, nichts werden ändern können. Eines Tages wird er die letzten Bande trennen – darauf müssen sie nun vorbereitet sein.
Sie bestrafen ihn dafür aber nicht, sie ziehen sich auch nicht zurück, sondern nehmen weiter ihre Aufgabe wahr, wie sie ihnen von Gott gestellt ist – denn von ihm haben sie ja dieses Kind bekommen, und zu ihm wird es zurück kehren.
Vielleicht können wir aus diesem Verhalten etwas lernen, etwas mitnehmen, nämlich dass wir wie die Eltern Jesu offen sind für das Handeln Gottes in unserer Welt. Dass wir uns nicht gefangen nehmen lassen von Konventionen, von dem Üblichen, von dem, das man tagaus, tagein erwartet und tut, sondern dass wir mit dem Außergewöhnlichen rechnen, nämlich
• mit der Stimme Gottes, die uns plötzlich herausruft aus dem Alltag und uns eine eigene, neue Aufgabe zuteilt, oder
• mit dem Handeln Gottes, das plötzlich unsere Umwelt oder unsere Lebensbedingungen so verändert, dass wir auf einen neuen Weg gewiesen werden.
Gott handelt, das steht fest, und er tut das auch heute. So lasst uns wachsam und aufmerksam sein, dass wir es nicht verpassen, wenn er uns besucht, der Aufgang aus der Höhe, damit wir teilhaben an der großartigen Geschichte, die er damals mit diesem Kind begonnen hat und die noch nicht zu Ende ist.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Wunderbarer Gnadenthron (EG 38)
Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67)
Komm, Heiliger Geist (EG 156)
Fröhlich wir nun all fangen an (EG 159)
Liebster Jesu, wir sind hier (EG 161)
Gott ist gegenwärtig (EG 165)
Tut mir auf die schöne Pforte (EG 166)
Wie lieblich schön, Herr Zebaoth (EG 282, 1-2.5.6)
Ich will den Herrn loben allezeit (EG 335)

Predigtvorschläge zu Reihe M - Joh 1, 43-51
Joh 7, 14-18
Röm 16, 25-27

Zu Joh 1, 43-51:
"Folge mir nach!" - und er folgt ihm nach. Wie kommt Jesus dazu, nun gerade diesen Philippus zur Nachfolge aufzurufen? Das erklärt sich wohl aus der Angabe, dass Philippus aus dem gleichen Ort stammte wie Petrus und Andreas, die bereits an der Seite Jesu waren. Sie mussten ihn auf Philippus aufmerksam gemacht haben: schau mal, der würde gut zu uns passen.
Und das "Folge mir nach!" hat sogleich einschlagende Wirkung. Vielleicht auch deswegen, weil Philippus die beiden Bekannten - oder sind es vielleicht sogar Freunde? - in der Gesellschaft Jesu sieht. Das nimmt natürlich schon eine Menge Zweifel.
Aber es nimmt nicht unbedingt den gesunden Menschenverstand! Wohin sollte es denn gehen? Für wie lange galt dieser Ruf? Konnte sich Philippus das leisten, einfach so mit zu gehen mit diesem ja doch zu dem Zeitpunkt noch völlig Fremden?
Fragen, die wir uns wohl stellen würden, wenn jemand zu uns käme und sagte: "Folge mir nach!" Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass überhaupt jemand einem solchen Ruf folgen würde. Penner vielleicht, die sowieso nichts zu verlieren haben. Aber gut situierte Menschen doch wohl eher nicht.
Philippus gehörte zu solch gut situierten Menschen - zumindest für die damalige Zeit. Er hatte offenbar keine Zweifel und auch keine Fragen. Er hatte keine Angst um seine Existenz, obwohl er nicht wusste, wie sie in Zukunft gesichert werden würde. Er folgte dem Ruf ohne Zögern.
Nun sollte man meinen, dass sich Philippus erst einmal zu der noch kleinen Gruppe hält und in Erfahrung bringt, worum es überhaupt geht. Denn er konnte noch nicht viel von Jesus gehört haben. Erst am Tag zuvor war Jesus vom Täufer Johannes getauft worden, und kurz danach erst waren Andreas und Petrus zu Jesus gestoßen. Also alles geschah innerhalb von 24 Stunden. Noch kein Wunder war geschehen, nichts, außer den Worten des Täufers: "Siehe, das ist Gottes Lamm!"
Dass Philippus diese Worte auch mitbekommen hatte, ist eher unwahrscheinlich. Er hatte also nichts, worauf er seine Nachfolge begründen konnte, außer diesem Ruf: "Folge mir nach!". Vielleicht ist es ja die Persönlichkeit Jesu, die ihn so beeindruckt hat. Aber auch dann wäre ein Kennenlernen dieses Menschen sicher der nächste Schritt, bevor er tun würde, was er tut:
Nahezu ohne Zögern macht er sich selbst auf und ruft den Nächsten, Nathanael. Es muss ein Freund des Philippus sein. Und schon offenbart Philippus, dass er doch eine ganze Menge über Jesus weiß: "Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth." Woher hat Philippus diese Gewissheit? Ist es allein der Ruf gewesen?
Es klingt, als habe er ihn schon lange gesucht. "Wir haben den gefunden" - es fehlt nur das "endlich", um den Eindruck zu festigen. Und in der Tat war ja die Hoffnung auf den Messias groß, damals, zur Zeit der Besatzung durch die Römer. Aber Philippus scheint dennoch recht oberflächlich in seinem Urteil.
Nathanel ist jedenfalls nicht so leichtgläubig. Vielleicht, weil es nicht Jesus ist, der ihn ruft. Viel wahrscheinlicher aber wohl deswegen, weil das, was Philippus sagt, weder Hand noch Fuß hat.
Wieso sollten Mose oder die Propheten von Jesus geschrieben haben? Der Name taucht in den Heiligen Schriften jedenfalls nicht auf.
Und Nazareth? Auch dieser Ort findet in den Schriften des ersten Bundes keine Erwähnung. Wie kommt der Philippus also auf die Schnappsidee, dieser Jesus könnte schon von Mose und den Propheten beschrieben worden sein?
Ganz so deutlich drückt sich Nathanel in seiner Antwort nicht aus, aber er sagt: "Was kann aus Nazareth Gutes kommen?" Es ist eine rhetorische Frage, deren Antwort ist klar: Nichts.
Es gibt in der damals bekannten Bibel absolut keinen Hinweis darauf, dass dieser Jesus der Messias, der Verheißene Retter, ist.
Der Evangelist Johannes beweist Mut, wenn er diese Kritik, die es sicher auch in der damaligen Zeit gegeben hat, aufnimmt und sogar einem der Jünger in den Mund legt. Für ihn bedarf es keiner Beweisführung aus den Schriften, um Jesu Herrschaft deutlich zu machen. Stattdessen lässt er Philippus sagen: "Komm und sieh!"

Du kannst nicht wissen, wer Jesus ist, wenn Du Dich nicht selbst auf den Weg machst. Das ist die erste Botschaft, die aus diesen Worten folgt. Und die andere lautet: wenn Du Jesus begegnest, dann hast Du Beweis genug. Also: Komm und sieh!
Dieses "Komm und sieh!" war übrigens schon vorher erklungen, da aber aus dem Munde Jesu, als Andreas und Simon Petrus ihm begegneten. Sie hatten nach seiner Herberge gefragt, und Jesus sagte zu ihnen: "Kommt und seht!".
Der sich entwickelnde Dialog zwischen Jesus und Nathanael hat dann natürlich auch etwas Kurioses. Jesus sagt über Nathanael: "Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist." Jeder normale Mensch würde heutzutage wohl bescheiden einen Schritt zurücktreten und solches Lob nicht ohne Widerspruch annehmen.
Nicht so Nathanael. "Woher kennst du mich?", fragt er zurück. Als ob die Feststellung, dass er ein rechter Israelit sei, das Selbstverständlichste von der Welt ist. Dabei sind diese Worte eine besondere Auszeichnung, die Nathanael sonst selten, wenn überhaupt, gehört hat.
Ist das Überheblichkeit auf der Seite des Nathanael? Oder wusste er, dass Jesus von seinen ehrlich ausgesprochenen Zweifeln beeindruckt war? Dann wäre die Frage allerdings berechtigt: "Woher kennst du mich?", denn sie hätte den Sinn: "Woher weißt du, was ich vorhin gesagt habe, als du weder in Hör- noch in Sichtweite warst?"
Dazu passt dann auch Jesu Antwort: "Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich."
Hier offenbart sich Jesu Majestät, seine Göttlichkeit. Es ist durchaus ein Wunder, das auch die anderen Jünger, die ja gerade erst in die Nachfolge Jesu eingetreten waren, beeindruckt haben muss.
Nathanael ist sofort überzeugt: "Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel." Er war gekommen und hatte gesehen, alle Zweifel waren beiseite gewischt, ganz offensichtlich bedarf es keines Schriftbeweises, um Jesu wahre Gestalt zu erkennen.
Dabei müsste es dem Nathanael gar nicht ganz so leicht fallen. Er hätte immer noch zweifeln können. Jesus hätte seinen Begrüßungssatz auch aus dem ableiten können, was etwa Philippus zuvor über ihn erzählt hatte.
Umso wahrscheinlicher ist es wohl, dass Jesus direkt auf den kurzen Dialog zwischen Philippus und Nathanael anspielt, und kein generell gültiges Urteil über Nathanael fällt. Es geht einzig um seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die er in seiner Antwort bewiesen hat.
Jesus nimmt Nathanael in den Kreis seiner Jünger auf und kündigt den Vieren noch größere Wunder an, vor allem aber dies: "Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn."
Der Glaube ist da, nun wird dem Glauben noch Größeres offenbart werden, als das, was den Glauben geweckt hat. Es wird offenbar werden, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dass in ihm der Vater, der Schöpfer aller Dinge, zu den Menschen gekommen ist.
"Komm und sieh!", das sind die Worte, die uns heute zugeworfen werden. Mache dich auf und sieh, wer Jesus ist.
Wir sind gekommen, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen - dort in der Krippe, am Kreuz, am offenen Grab. Seine Herrlichkeit wurde uns offenbar.
Wir sind die Gerufenen, und zugleich sind wir die Rufenden.
Philippus ist uns ein Beispiel. Ohne lange zu überlegen, geht er hin und verkündet, was ihm wiederfahren ist: ich habe ihn gefunden, den Messias. Nun komm und sieh!
Wir müssen nicht anfangen, lange und komplizierte Diskussionen zu führen darüber, was wahr ist und was nicht. Jesus spricht für sich selbst. Es kommt nur auf die Begegnung an: Komm und sieh!
Gewiss gibt es Zweifel, berechtigte Zweifel. Und noch viel mehr wird es wohl die Frage geben: was habe ich davon? Es gibt doch kein Anzeichen dafür, dass ich irgendetwas gewinne.
"Komm und sieh!" Das ist die Antwort auf alle Fragen, auf alles Zweifeln.
Natürlich wäre es schön, Jesus dann auch leibhaftig vor sich zu haben. Aber die Begegnung mit ihm wird ja auf vielfältige Weise ermöglicht, etwa im Gottesdienst oder in der Feier des Heiligen Abendmahls.
Komm und sieh!
Wer dazu bereit ist, der darf sich auf eine Überraschung gefasst machen. Denn die Begegnung mit dem Gottessohn, mit dem fleischgewordenen schöpferischen Wort, ist etwas ganz Besonderes.
Uns werden in dieser Begegnung Einsichten geschenkt, die wir vorher nicht hatten und von denen wir auch nicht zu träumen wagten. Und wir werden einen Weg geführt, den wir so zu gehen selber nie geplant hätten. Einen Weg, der uns den Reichtum der Gnade und Barmherzigkeit Gottes offenbart.
Es lohnt sich also, diesem Ruf zu folgen!
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Zu Joh 1, 43-51:
Jesus ist kommen (EG 66)
Wie schön leuchtet der Morgenstern (EG 70, 1-2.4.7)
O König aller Ehren (EG 71, 1.3-6)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
"Mir nach", spricht Christus, unser Held (EG 385)
Vertraut den neuen Wegen (EG 395)
Zu Joh 7, 14-18:
Herr, für dein Wort sei hochgepreist (EG 196)
Herr, dein Wort, die edle Gabe (EG 198)
Ach bleib mit deiner Gnade (EG 347)
Zu Röm 16, 25-27:
Wunderbarer Gnadenthron (EG 38)
Kommt und lasst uns Christus ehren (EG 39)
Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67)
Allein Gott in der Höh sei Ehr (EG 179)
Laudate omnes gentes (EG 181, 6)
Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all (EG 293)