das Kirchenjahr

Tag der Erscheinung des Herrn

Epiphanias (6. Januar)

Die Herrlichkeit Christi

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe II - Eph 3, 1-7

Liebe Gemeinde!
Frau Meier und Frau Schmidt waren gute Freundinnen. Sie wohnten einander gegenüber und tauschten regelmäßig die neuesten Neuigkeiten über ihre Nachbarn aus. Dazu luden sie sich gegenseitig ein – d.h., es bedurfte keiner Einladung mehr, sie wechselten sich ab. Den einen Tag ging Frau Meier zu Frau Schmidt, den andern Tag war es umgekehrt.
Sie saßen gemütlich beieinander, tranken eine Tasse Kaffee und aßen ein Stück Kuchen, und dann kamen sie ins Gespräch.
„Ja, der Herr Lehmann“, sagte Frau Meier, „der hat wohl eine neue Freundin. Heute morgen bin ich ihr begegnet, als sie aus seiner Wohnung kam. Ich finde, sie ist viel zu jung für ihn.“
„Ich habe gehört, dass Frau Müller krank ist“, sagte Frau Schmidt. „Brustkrebs, heißt es.“
„Ach, die Ärmste“, erwidert Frau Meier und schlürfte einen Schluck heißen Kaffee. „Aber die Heilungschancen sind heute ja doch recht gut.“
„Ja“, bestätigte Frau Schmidt, „aber nur, wenn man den Krebs rechtzeitig erkannt hat.“
„Na, das wird doch wohl der Fall gewesen sein.“, sagte Frau Meyer. „Frau Müller geht doch immer regelmäßig zur Vorsorge. Das reibt sie doch jedem unter die Nase.“
Das Gespräch setzte sich so eine Weile fort, bis es schließlich verebbte und die beiden sich still gegenübersaßen. So war es eigentlich jedesmal, und dann sagte die eine, dass sie nun gehen müsse.
Doch heute war es anders. Die Stille lastete schwer auf den beiden. Es war noch nicht alles gesagt. Und tatsächlich, da begann Frau Meyer und fragte: „Kannst Du ein Geheimnis bewahren?“
„Aber natürlich“, kam es prompt zurück, und Frau Schmidt hatte Mühe, ihre Freude zu verbergen. Mit gespieltem Ernst fragte sie: „Worum geht’s denn?“
Frau Meyer schwieg noch eine Weile. Dann sagte sie: „Ich habe einen Sohn.“
Frau Schmidt war überrascht. Sie hatte nie ein Kind gesehen, und sie wohnten nun schon so viele Jahre einander gegenüber...
„Ich habe ihn damals zur Adoption freigegeben. Der Vater hatte mich verlassen, als ich ihm sagte, dass ich schwanger wäre, und ich war noch viel zu jung. Ich konnte nicht für ihn sorgen. Aber Abtreibung kam für mich nicht in Frage. Darum gab ich ihn zur Adoption frei. Es war schrecklich.“
Noch lange unterhielten sich die beiden, und in dem Gespräch wurde deutlich, dass Frau Meyer einen Rat brauchte, ob sie nach ihrem Sohn forschen solle, denn bis heute, fast zwanzig Jahre später, konnte sie nicht aufhören an ihn zu denken. Das Gespräch verlief ergebnislos, aber man konnte doch merken, dass Frau Meyer eine Last von der Seele genommen war. Nun konnte sie mit jemandem über dieses Geheimnis, das sie so viele Jahre mit sich herum getragen hatte, sprechen.
Drei Tage später begegnete sie beim Einkaufen Frau Schneider, die im gegenüberliegenden Haus wohnte. Frau Meyer war etwas verdutzt, als sie von Frau Schneider in eine Ecke gezogen wurde. „Ich wollte ja schon gestern bei Ihnen vorbeikommen, Frau Meyer, aber da kam was dazwischen. Ich habe hier eine Broschüre von einer Detektei, die hat sich darauf spezialisiert, Kinder, die zur Adoption freigegeben wurden, ausfindig zu machen. Bitte schön!“
Frau Meyer wusste nichts zu sagen. Sie hatte mit ihrer Nachbarin im Vertrauen gesprochen, sie hatte ihr gesagt, dass es ein Geheimnis sei und auch bleiben sollte.
Zornig ging sie nach Hause, brachte die Sachen in die Wohnung und klingelte dann gleich an Frau Schmidts Tür.
„Ich habe dir doch gesagt, dass es ein Geheimnis ist“, sagte sie vorwurfsvoll, als die Tür aufging, „und dass du es nicht weitersagen solltest. Und heute wurde ich von Frau Scheider darauf angesprochen.“
„Aber, liebe Sabine, nun reg dich doch nicht auf. Solch ein Geheimnis konnte ich doch unmöglich für mich behalten! Das musste ich doch weitersagen!“

Liebe Gemeinde,
ich vermute mal, dass der eine oder die andere unter Ihnen auch ein Geheimnis hat, das Sie vielleicht nicht unbedingt mit anderen teilen möchten. Aber es gibt so manches Geheimnis, das man gerne mit einer Person des Vertrauens teilen möchte. Vielleicht nehmen Sie nach der eben dargebotenen Geschichte davon lieber Abstand, vielleicht haben Sie es aber auch längst schon getan und haben – hoffentlich – nicht einen solch massiven Vertrauensbruch erlebt wie Frau Meyer.
Es gibt durchaus unterschiedliche Arten von Geheimnissen. Manche Geheimnisse wollen weitergesagt werden. Wir kennen den Begriff „Geheimtipp“, womit etwas bezeichnet wird, was so toll ist, dass man es erlebt oder gesehen haben muss, aber was offenbar noch nicht vielen Menschen bekannt ist. Und dann gibt es Geheimnisse, so wie das Geheimnis von Frau Meyer, die tatsächlich im Verborgenen bleiben sollen, die nur im kleinen Kreis bekannt werden dürfen, weil sie sonst vielleicht Schaden anrichten könnten.
Offenbar konnte Frau Schmidt das nicht so richtig unterscheiden.
Der Apostel Paulus spricht in unserem Predigttext aus dem Brief an die Epheser ebenfalls von einem Geheimnis. Er schreibt:

Ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat: 3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden. ... 5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; 6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium. (Eph 3, 2-3a.5-6)

Es geht hier um ein Geheimnis, das Gott, so scheint es, seit Beginn der Schöpfung bewahrt hat. Die Menschenkinder haben nichts davon gewusst. Erst jetzt – d.h. zur Zeit des Paulus – ist es offenbar geworden, und zwar nicht nur Paulus, sondern auch den Aposteln und Propheten.
Es mag uns etwas merkwürdig erscheinen, dass hier von Propheten die Rede ist. Wir denken an Jesaja und all die anderen prophetischen Bücher des Alten Testaments, die ja doch einige Jahrhunderte vorher entstanden sind, und tatsächlich deuten sie das Geheimnis auch schon an. Aber an diese Propheten hat Paulus nicht gedacht, sondern an Propheten innerhalb der christlichen Gemeinde, die, wie er auch schon im 1. Brief an die Korinther von Propheten schreibt, die christliche Gemeinde erbauen (1. Kor 14).
Und was ist nun das Geheimnis?
Paulus sagt es so: „Dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißun in Christus Jesus sind durch das Evangelium.
Dass mit Heiden wir gemeint sind, ist uns vielleicht gar nicht so bewusst. Wann immer in der Bibel von Heiden die Rede ist, sind alle diejenigen gemeint, die nicht zum jüdischen Volk gehören, und das sind nun mal auch wir.
Wir erinnern uns, dass Jesus als Jude gelebt hat: er wurde am 8. Tag nach seiner Geburt beschnitten, so wie es das Gesetz erfordert, und so sehr er sich mit der religiösen Praxis auseinandersetzte und sie teilweise auch heftig kritisierte, so sehr war er selbst in dieser Praxis verwurzelt: er ging am Sabbat in die Synagoge und legte dort dann oft auch die Schriften aus. Er feierte die Feste des jüdischen Volkes und sah sich selbst ja auch als zu diesem Volk gesandt.
Die ersten Christen waren allesamt Juden, und Paulus hatte, weil er das Evangelium dann auch den Heiden – also den Nichtjuden – predigte, manchen Ärger mit den judenchristlichen Aposteln. Aber auch er wandte sich zunächst immer an die jüdische Gemeinde, indem er die Synagogen aufsuchte.
Es geht um die Frage der Erwählung. Das jüdische Volk durfte diese Erwählung immer für sich in Anspruch nehmen. Gott hatte diesen Bund geschlossen und steht seither dazu.
Konnte dieser Bund nun ausgeweitet werden?
Paulus beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“. Das ist das große Geheimnis, das bis zum Kommen Jesu Christi noch nicht offenbar geworden war: dass Gott alle Menschen in gleicher Weise liebt.
Dass dies die Erwählung des Volkes Israel nicht abwertet, zeigt die Tatsache, dass Jesus als Kind einer jüdischen Mutter zur Welt kam.
Aber das ist jetzt auch schon rund 2000 Jahre her. Es ist Vergangenheit und eigentlich nichts Neues mehr, nichts Spektakuläres und schon gar nichts Geheimnisvolles.
Oder doch?
Ich frage mich: wie wäre es wohl, wenn wir das, was uns Paulus da sagt, als ein Geheimnis ansehen und auch so behandeln würden?
Es gibt die Möglichkeit, in der Feier des Heiligen Abendmahls folgenden kurzen Dialog einzufügen.
Der Liturg sagt: „Geheimnis des Glaubens“, und die Gemeinde antwortet: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Geheimnis des Glaubens – ja, es bleibt ein Geheimnis, denn unser Glaube ist nicht etwas, das man sich wie Schulwissen aneignen kann. Unser Glaube ist Offenbarung, er wird uns durch den Heiligen Geist geschenkt, er ist Gabe Gottes.
Denn durch den Glauben erkennen wir erst in Christus Jesus den Sohn Gottes, der sich für uns in den Tod gegeben hat, damit alles, was uns von Gott trennt, aus dem Weg geräumt wird.
Jesus Christus hat uns die Tür geöffnet, die verschlossen war. Wir brauchen nur hindurch zu gehen, um die Gemeinschaft mit Gott erleben zu können. Da gibt es keine Ausweiskontrolle, denn der einzige Ausweis, den wir brauchen, ist die Taufe, in der uns Gott als seine Kinder annimmt.
Und so sind wir Miterben und Mitgenossen der Verheißung. Wir sind Volk Gottes, gemeinsam mit dem Volk Israel.
Das ist das Geheimnis, von dem Paulus redet. Es ist kein Geheimnis, das man besser für sich behält, sondern ein Geheimnis, das bekannt gemacht werden will.
So möge uns Gott in diesem Jahr dazu den Mut geben, dass wir von dem Geheimnis des Glaubens reden und uns auf diese Weise gegenseitig stärken und ermutigen, auch und gerade da, wo der Glaube belanglos geworden zu sein scheint.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Also liebt Gott die arge Welt (EG 51)
Laudate omnes gentes (EG 181.6)
Nun jauchzt dem Herren, alle Welt (EG 288)
Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all (EG 293)
Lobet und preiset, ihr Völker (EG 337)

Predigtvorschläge zu Reihe V - 2. Kor 4, 3-6

Predigt gehalten am 6.1.2008

Liebe Gemeinde!
"Das verstehe ich nicht." Ja, hin und wieder verstehe ich etwas nicht. Es ist gut, wenn man das zugibt, denn dann weiß der andere, dass er es noch einmal, besser oder wengistens ander, erklären muss.
Denn es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres als Missverständnisse. Wenn man sich nicht darum bemüht, etwas wirklich zu verstehen, wird alles Handeln durch Vermutungen veranlasst, und das ist keine gute Basis. Es kann dazu führen, dass Menschen sich am Ende gar nicht mehr verstehen, ja, dass sie einander Feind werden, nur weil einer nicht den Mut hatte, zuzugeben, dass er etwas nicht verstanden hat.
In unserem Predigttext geht es auch ums Verstehen. Aber während man in den meisten Fällen das Verstehen durch Erklärungen herbeiführen kann, ist es hier anders, bedrückend anders.
Paulus redet davon, dass es Menschen gibt, die das Evangelium nicht verstehen können, denen es "verdeckt" ist. Sie können sich also, wie es scheint, abmühen, so viel sie wollen, sie werden es nicht verstehen können.
Schlecht ist diese Erklärung nicht. Denn sie macht es denen, die an das Evangelium glauben, leicht: sie brauchen sich keine Mühe zu geben, das Evangelium weiter zu sagen an die, die behaupten, Glaube sei etwas für Nostalgiker oder naive Menschen, weil ihnen das Evangelium ohnehin verdeckt ist durch eine Macht, die es den Menschen unmöglich macht, das Evangelium zu verstehen. Paulus nennt diese Macht schlicht den "Gott dieser Welt".
Solch eine Aussage ist gut genug, um sich entspannt zurücklehnen und sagen zu können: schön, wenn das so ist, brauche ich mich nicht weiter anzustrengen. Gegen den Gott dieser Welt habe ich ja sowieso keine Macht.
Aber natürlich ist es nicht so leicht. Man muss sich erst einmal mit dem Hintergrund dieser Worte des Paulus auseinander setzen.
Paulus möchte, das ist offensichtlich, den Korinthern klar machen, warum es einige Menschen gibt, die das Evangelium nicht annehmen, die nicht an Jesus Christus glauben wollen, trotz aller Bemühungen, die seitens der Christen in Korinth unternommen werden.
Dabei geht es im Grunde aber um noch mehr: denn da sind andere Prediger, die nicht wirklich das Evangelium predigen, sondern durch ihre Verkündigung ihren eigenen Vorteil suchen. Und sie stiften in Korinth ziemliche Unruhe, weil sie die Motivation des Paulus, der ja immerhin die Gemeinde in Korinth gegründet hat, in Frage stellen.
Paulus verteidigt sich selbst gegen den Vorwurf, er verdecke das Evangelium, er verschleiere es, so dass man es nicht erkennen könne.
Diesem Vorwurf hält er entgegen, wie das Evangelium durch ihn gewirkt hat. Gott hat einen hellen Schein in ihre Herzen gegeben, schreibt er, damit durch dieses Licht die Menschen erleuchtet würden.
Licht steht immer im Gegensatz zur Finsternis. Die Finsternis kann Dinge verdecken, unsichtbar machen. Licht kann das nicht, im Gegenteil: Licht macht alles sichtbar. Paulus bringt damit also zum Ausdruck, dass er immer offen und ehrlich gewesen ist, dass er nichts verschleiert, nichts verdeckt hat.
Das Evangelium scheint durch ihn hindurch, er ist, wenn man so will, transparent für das Evangelium. Es ist nicht sein Evangelium, sondern das Evangelium Gottes.
Nun wird man als jemand, der das Evangelium von Jesus Christus erfahren und angenommen hat, was ja auch für alle korinthischen Christen ein besonderes Ereignis gewesen ist, meinen, dass das Evangelium auf alle so wirken müsste, wie es auf sie selbst gewirkt hat. Es müsste doch eigentlich jeder Mensch die verwandelnde und heilende Kraft der Botschaft von Jesus Christus erkennen. Wenn dem nicht so ist, muss man sich andererseits fragen, ob die Botschaft die wahre Botschaft ist, oder ob ihr nicht doch etwas fehlt. Das behaupteten dann wohl auch die Gegner des Paulus: dass er die Botschaft nicht richtig vermittelt hätte.
Auf diesen Vorwurf antwortet Paulus nun mit dem Gott dieser Welt und sagt von sich selbst, das er das Evangelium durch sich hat wirken lassen als einer Kraft Gottes.
Diese ominöse Macht, dieser Gott der Welt, ist beunruhigend. Ich weiß nicht, ob sein Wirken heute stärker spürbar ist als früher - es ist ja immer, zu allen Zeiten, so gewesen, dass es früher besser war als heute - aber eins ist gewiss: der Gott dieser Welt ist präsent, er ist deutlich sicht- und spürbar.
Man erkennt ihn z.B. daran, dass Eltern ihre Kinder nicht taufen lassen, oder dass es zu Hause keinen Bezug mehr auf Grundelemente christlichen Glaubens gibt. Man erkennt den Gott der Welt daran, dass überhaupt Glaube an Gott belächelt wird als etwas, das längst von den Naturwissenschaften für überflüssig erklärt wurde.
[Der folgende Abschnitt nimmt auf eine aktuelle Diskussion in der lokalen Tageszeitung Bezug - sicher lässt sich hier anstelle dessen ein ähnlich aktueller Bezug aus dem eigenen Umfeld finden.]
Vielleicht haben Sie auch die Diskussion in der Braunschweiger Zeitung verfolgt, wo ein Leser meinte, dass Gebete Selbstgespräche seien, und die Antwort darauf war, dass die Frage, wo Wasserstoff und Helium herkommen, ungeklärt bleibt, es also doch einen Gott geben müsse.

Mit solchen Argumenten versuchen wir, auf der Basis der Vernunft Gott zu beweisen, was ja auch in der Vergangenheit immer wieder versucht wurde. Es ist eine Möglichkeit.
Die Frage ist aber, ob wir das nötig haben. Paulus meint nein. Der Gott der Welt verdeckt das Evangelium. Und er tut es gerade auch in diesen Gottesbeweisen. Denn sie haben eine ganz eigene Zielrichtung. Sie beweisen nicht Gott, sondern nur das Fehlen einer Erklärung für einen bestimmten Zustand. Und die, die nicht glauben wollen, werden sagen: irgendwann wird die Wissenschaft auch darauf eine Antwort haben.
Es ist zwar möglich, dass Menschen aufgrund solcher Argumentation eingestehen, dass es einen Gott geben muss, aber es fehlt dennoch etwas ganz Wesentliches. Der Gott, der der Vernunft bewiesen wird, ist zunächst nur eine unpersönliche Kraft. Leicht finden Buddhisten und Hindus in solch einem Gottesbeweis genauso ihre Antwort wie Christen, Juden oder Muslime.
Für Paulus geht es um etwas ganz anderes: Gott ist lebendig. Er wirkte in der Geschichte der Menschheit, er hatte teil an ihr, und er wirkt noch heute, er nimmt auch heute an der Geschichte der Menschheit teil.
Das geht weit über die Antwort auf die Frage, was wohl am Anfang gewesen ist, hinaus. Es geht hier um die ganz persönliche Gotteserfahrung, wie sie damals von vielen Menschen in der Begegnung mit Jesus gemacht wurde, und wie sie durch die Jahrhunderte immer wieder sich ereignete durch den Geist Gottes.
Gott, der in der Tat am Anfang mit seinem Wort das Licht schuf, hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben: das Licht des Evangeliums, die Botschaft von seiner Liebe, die durch seinen Sohn Jesus Christus sichtbar wurde, in der Krippe wie am Kreuz.
So etwas erschließt sich nicht dem Intellekt, denn es ist ja ein Paradoxon, wie Paulus schon zu Beginn des 1. Briefes an die Korinther erläutert hat: die Botschaft vom Kreuz ist eine Torheit denen, die es mit dem Verstand erfassen wollen.
Diese Botschaft muss durch das Herz gehen; nur dort kann sie ihre verwandelnde Kraft spürbar werden lassen.
Nun bleibt freilich der Gott dieser Welt, den Paulus da anführt. Steht er uns im Weg? Wehrt er unsere Worte ab? Lässt er den Schein des Evangeliums nicht durch zu den Herzen der Menschen? Und wenn ja, sollen wir deshalb aufhören, das Evangelium durch uns scheinen zu lassen?
Der Gott dieser Welt mag zwar im Wege stehen, aber er darf uns nicht entmutigen, und er kann es auch nicht, denn er ist nicht unser Gott. Für uns ist das Evangelium lebendig, es ist eine Kraft Gottes, die uns durch das Leben hilft. Gott selbst ist mit uns, das erfahren wir durch das Evangelium.
Und darum hören wir nicht auf, den hellen Schein des Evangeliums durch uns hindurch leuchten zu lassen, damit alle Welt es sieht: wir gehören zu Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes!
Glaube ist also keine Sache des Verstandes, sondern der Erfahrung. Gott beweist sich nicht durch theoretische Infragestellungen, sondern durch unser Leben.
Es ist gut, zu wissen, dass es ist letztlich auch nicht unser Werk ist, wenn Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden; es ist das Werk Gottes selbst, der durch seinen Geist in dieser Welt wirksam ist, mitunter auch durch uns.
So dürfen wir uns durchaus entspannen, um die Kraft der Liebe Gottes in uns und durch uns wirksam werden zu lassen. Denn das ist der helle Schein, der in unsere Herzen gegeben ist.
Amen

oder
Liebe Gemeinde!
„Ich kenne die Wahrheit!“, sagte der Mann zu den wenigen Menschen, die sich um ihn geschart hatten. „Eines morgens,“ so fuhr er fort, „erwachte ich und hatte die Wahrheit in mir. Es war eine großartige Erleuchtung! Auch ihr könnt diese Erleuchtung erfahren, aber es ist ein schwerer Weg. Folgt mir, hört meine Worte, und auch ihr werdet erleuchtet werden!“
Von der kleinen Gruppe Menschen wandten sich die meisten wieder ab und gingen ihren Tagesgeschäften nach, aber drei blieben und baten den Fremden, sie aufzunehmen und zu lehren. Nach wenigen Tagen, in denen sie erste Anweisungen erhielten, wurden sie wieder ausgesandt, um andere Menschen zu rufen, die mit ihnen dem großen Meister folgen sollten. Jeden Morgen, bevor er sie aussandte, sprach er zu ihnen: „Nur durch mich könnt ihr die Wahrheit erfahren! Ich allein trage sie in mir. Ich sende euch aus – habt keine Angst! Ich weiß, dass ihr schnell verzagt, wenn sich die Menschen von euch abwenden und euch nicht hören wollen. Diese Menschen sind in der Finsternis gefangen. Sie stoßen das Licht der Wahrheit von sich, so wie ein Spiegel das Licht reflektiert – dahinter aber ist Dunkelheit. Diese Menschen sind verdammt, sie verdienen eure Aufmerksamkeit nicht! Wendet euch von ihnen ab, hört nicht auf das, was sie sagen, denn sie würden nur versuchen, euch zu sich in die Dunkelheit zu zerren.“
So ermutigt, gingen seine Nachfolger Tag für Tag auf die Straßen, und allmählich wuchs die Gruppe der Menschen, die sich um ihn scharten.
Es vergingen Wochen und Monate. Manche gingen täglich zur Arbeit, ihren Verdienst aber ließen sie auf ein Konto einzahlen, das der Meister verwaltete. Andere gingen und veranstalteten Straßensammlungen. Auch dieses Geld erhielt der Meister.
„Ihr braucht nichts außer Kleidung, Essen und ein Dach über dem Kopf. Nur wer sich frei macht von der Habgier dieser Welt, wird die Wahrheit erkennen können!“ so verkündigte er wieder und wieder.
Aber seine Nachfolger begannen zu murren. Sie sahen, dass es den Menschen, die ihm nicht nachfolgten, besser ging als ihnen selbst. Auch wenn sie begriffen, dass dieser Wohlstand nur scheinbar gut war – denn in Wirklichkeit waren Geld und Besitz ja nur Waffen der Finsternis - so regte sich doch Neid in ihnen.
Der Meister aber wusste auch damit umzugehen. Er ließ sie ein großes Haus bauen, in dem jeder von ihnen ein eigenes Zimmer bekam, das schön gestaltet wurde. Es gab einen
Versammlungsraum, in dem sogar ein Fernseher stand. Der war aber nur an einen Videorekorder angeschlossen, über den Filme liefen, die sie selber gedreht hatten – Filme, auf denen die Ansprachen des Meisters zu sehen waren.
Ein weiterer, wichtiger und schön eingerichteter Raum war der Meditationsraum, in den man sich zur Meditation zurückziehen konnte.
Eines Tages aber verkündigte der Meister: „In drei Tagen wird sich diese Welt verändern! Ich werde euch eine große Wahrheit verkündigen!“
Plötzlich war alles wie verändert. Kaum einer wagte noch, laut zu sprechen, alle waren in freudiger Erwartung, sie wussten, dass etwas Großes geschehen würde. Wenige schliefen, die meisten verbrachten ihre Zeit wachend im Meditationsraum oder liefen auf die Straßen, um die Menschen zu warnen vor dem großen Ereignis, von dem sie selbst nicht wussten, was es sein würde.
Noch zwei Tage – die Spannung wuchs. Untereinander rätselte man: wird er eine neue Offensive beginnen? Wird nun endlich allen die Erleuchtung zuteil? Werden die, die noch im Dunkeln leben, nun endlich dazugerufen? Wird gar das Ende der Welt anbrechen?
Ich will an dieser Stelle mit meiner Erzählung aufhören – wir können uns alle ausdenken, wie es weitergeht. Natürlich ist es eine erfundene Geschichte, die aber so weit von der Realität nicht entfernt ist. Oft begeben sich Menschen in die Abhängigkeit von sogenannten selbsternannten Meistern oder Führern. Sie fühlen sich diesem Menschen zugehörig, weil sie das Gefühl haben, dass dieser Meister ihnen etwas vermitteln kann, das sie selber nicht haben. Je mehr sie sich diesem Meister zugehörig fühlen, desto mehr werden die, die nicht dazugehören, ausgegrenzt – sie werden einem zunehmend fremder und zuletzt sogar zu Feinden.
Als ich über den Predigttext nachdachte, musste ich an solch eine Situation denken. Paulus schreibt ja: Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist's denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, daß sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi. Da stellt er schon das Evangelium wie eine Geheimbotschaft dar, die eben nicht jedem zugänglich ist. Der Gott dieser Welt, eine Größe, die wir gerne als Satan oder Teufel bezeichnen, verblendet die Menschen, hindert sie daran, das Evangelium zu erkennen. Das ist genau die Abgrenzung, von der auch die Geschichte handelte, die ich am Anfang erzählte.
Aber wer diesen Text als Aufforderung zur Abgrenzung versteht, hat nicht genau hingeschaut.
Paulus ist ein Lehrer, der nach Korinth kam und dort das Evangelium gepredigt hat. Ihm wird nun vorgeworfen, dass er gemauschelt hätte. Seine Predigt sei nicht eindeutig gewesen, er habe Geheimniskrämerei getrieben und so die Menschen von sich abhängig gemacht. Es müsse der Gemeinde in Korinth so scheinen, als ob nur Paulus die Wahrheit wüsste und der einzige wäre, der ihnen die Wahrheit dann auch vermitteln könnte.
Paulus wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Nein, sagt er, ich habe nie ein Geheimnis aus dem Evangelium gemacht. Wenn jemand es so empfindet, dann nur deswegen, weil er das Evangelium einfach nicht erkennt und darum noch nicht angenommen hat. Dafür kann Paulus aber nichts. Dafür ist der Gott dieser Welt ganz allein verantwortlich.
Denn was Paulus predigt, ist Jesus Christus allein, nichts anderes. Und Jesus Christus ist für jeden offen und zugänglich. Und darum kann Paulus dieses wunderschöne Wort sagen: Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
Der Gott, der zu Beginn der Welt das Licht erschaffen hat, der hat unsere Herzen erhellt. Gewiss, durch Paulus werden auch andere erleuchtet, aber nicht so, als ob sie erst mühsam gelehrt werden müssten, sondern so, dass das Licht, das das Evangelium in ihm entzündet hat und das durch ihn leuchtet, andere ebenfalls entzündet – so wie eine Kerze eine andere Kerze anzündet. Man kann sich das Licht, von dem hier gesprochen wird, aber viel strahlender vorstellen, viel heller als das gedämpfte, flackernde Licht einer Kerze. Es ist ein strahlendes Licht, das man eigentlich nicht übersehen kann. Wenn doch, dann nur deswegen, weil man dem Licht seinen Rücken zugewendet.
Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben – in unser aller Herzen. Es ist nicht ein Privileg des Paulus oder einiger weniger Auserwählter. Dieses Licht ist in uns alle eingepflanzt worden, als wir getauft wurden. Ich frage mich nur, ob es möglich ist, dass wir dieses Licht abdämpfen. Ich glaube, schon. Angst wäre ein idealer Dämpfer für dieses Licht: Angst, ausgelacht zu werden, Angst, nicht ernst genommen zu werden, Angst, vielleicht doch falsch zu liegen, etwas falsches zu sagen oder zu tun. Weil wir solche Ängste haben, darum dämpfen wir das Licht, das in uns ist, und versuchen, es am Leuchten zu hindern. Aber wenn wir solche Ängste hegen und pflegen, dann machen wir doch dabei den Fehler, zu denken, das Licht ginge von uns selbst aus, es sei von uns erzeugt worden. Dabei kommt dieses Licht von Gott, es ist nicht von uns abhängig. Was müssen wir also fürchten? Gar nichts. Christen werden nicht verfolgt, nicht in unserer Zeit, höchstens belächelt – und wer uns belächelt, wenn wir dieses Licht, das Gott selbst in unsere Herzen gegeben hat, leuchten lassen, der gehört wohl zu denen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat.
Das Evangelium, an das wir glauben, ist nicht verborgen. Es ist keine Geheimbotschaft, sondern es ist öffentlich. Darum sollen auch wir damit leuchten und es nicht abdämpfen. Dazu schenke uns Gott Zuversicht und Mut, indem er sein Licht leuchten lässt durch uns und wir uns diesem Licht nicht in den Weg stellen, damit durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
All Morgen ist ganz frisch und neu (EG 440)
Du höchstes Licht, du ewger Schein (EG 441)
Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450)
Ein Licht geht uns auf in der Dunkelheit (KHW-EG 557)
Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (KHW-EG 572)