s. auch
10. Sonntag nach Trinitatis
Die Zerstörung Jerusalems und des jüdischen Tempels wurde über
lange Zeit als Zeichen dafür angesehen, dass Israel
das verworfene
Gottesvolk sei, während die christliche Gemeinde nun das
neue Gottesvolk
sei. Wenn wir aber Röm 9-11 lesen, wird uns deutlich, dass wir von Israel
nicht reden dürfen, als habe es seine Stellung als Gottesvolk verwirkt. Vielmehr
gehört auch die Zerstörung Jerusalems in den unergründlichen Plan
Gottes, dessen Ziel nach seiner Verheißung es weiterhin bleibt, nicht nur
Israel, sondern
auch die Heiden (uns) zu dem Schöpfer und Heiland
der Welt zu führen.
Symbolisch können wir die Zerstörung des Tempels dahin deuten, dass
nun Gott selbst unsere Schuld auf sich genommen hat und man nicht mehr am Tempelkult
teilhaben muss, um Vergebung der Sünden zu erlangen. Auch erkennen wir
zusammen mit dem Volk Israel (1. Kön 8, 27; Jes 66, 1 u.ö.), dass
Gott nicht auf ein Haus als Wohnort und Begegnungsstätte beschränkt werden
kann, sondern uns überall, wo er will, begegnet.
Dennoch ist die Zerstörung des Tempels für das Gottesvolk ein Zeichen
des Gerichts, wie es zuvor schon viele gegeben hat. Dass das jüdische
Volk weiterhin Bestand hat, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Gott
zu seinem Volk steht, wenn es in den Synagogen zu Gebet und Schriftlesung zusammenkommt.
An solchen Gottesdiensten haben ja auch die ersten Christen teilgenommen.
Schon lange war der Haß gegen die römische Besatzungsmacht unter den
Juden immer stärker geworden. Als im Mai 66 der Statthalter Florus (64-66)
aus dem Tempelschat 17 Talente Gold entnehmen ließ, führte dies zu starker
Empörung im Volk, woraufhin Florus einen Teil der Stadt plündern ließ
und die Bevölkerung aufforderte, zwei aus Caesarea kommende Kohorten mit Freudenkundgebungen
zu empfangen. Zwar begrüßte die Bevölkerung, von den Hohepriestern
dazu veranlasst, die Kohorten, als diese den Gruß aber nicht erwiderten,
, wurde die Empörung wieder entfacht. Die Aufrührer verschanzten sich
zum Schutz vor den römischen Waffen im Tempelbezirk. Florus holte Verstärkung,
und während er unterwegs war, wurde die zur Sicherung des Herodestempels zurückgelassene
Kohorte trotz zugesicherten freien Abzugs hinterrücks niedergemacht. Nun waren
die Juden wieder herr in ihrer Stadt - die Opfer für den Kaiser in Rom wurden
eingestellt. Auch der zur Verstärkung mit einer Legion herangerückte Statthalter
von Syrien, Cestius Gallus, vermochte zunächst nichts auszurichten.
Nun beauftragte Nero seinen tüchtigsten Feldherrn, Vespasian, mit der Niederwerfung
des Aufstandes. Dieser unterwarf im Jahr 67 ganz Galiläa. Gleichzeitig gab
es in Jerusalem Auseinandersetzungen zwischen denen, die noch Einigung mit den Römern
suchten, und denen, die davon nichts wissen wollten. Die gemäßigtere
Seite unterlag, da die andere unter der Führung des Johannes von Gischala an
Brutalität kaum zu übertreffen war. Die urchristliche Gemeinde in Jerusalem
hat sich wohl in dieser Zeit der inneren Auseinandersetzungen nach Pella östlich
des Jordans abgesetzt.
Durch die politischen Schwankungen im römischen Reich (Tod Neros, Ermordung
zweier Nachfolger) wurde das Fortschreiten Vespasians gehindert. Endlich ging er
selbst nach Rom und übergab seinem Sohn Titus den Auftrag Neros, den Aufstand
niederzuwerfen.
Titus belagerte die Stadt zu Beginn des Jahres 70 und suchte sie erst zu erstürmen;
im Juli wurde denn auch die Burg Antonia eingenommen. Nchdem Titus die Aufständischen
mehrmals zur Aufgabe aufgefordert hatte, ließ er den Tempel in Brand stecken.
Im Spetember des Jahres 70 war Jerusalem gänzlich in der Hand des Römers
und wurde ungehindert durch die Soldaten geplündert. Das Bild, das sich den
Soldaten bot, war freilich grausig. Neben den Hungerleichen lagen die von den Führern
des Aufstandes Ermordeten, und nach dem Bericht des Josephus hatten manche sogar
begonnen, das Fleisch ihrer Mitmenschen zu essen.
60 Jahre später (132-135) entstand unter der Führung Simeons Bar Kochba
(Sternensohn) noch einmal ein Aufstand, und kurze Zeit war Jerusalem wieder in jüdischer
Herrschaft. Die Stadt wurde erneut durch die Römer ausgehungert und für
die Juden jeglicher Zugang zur Stadt verwehrt, nachdem auf den dem Erbeben gleichgemachten
Mauern eine römische Kolonie errichtet worden war. Die Römer nannten nun
Judäa mit dem Namen "Palästina" (von "Philister"),
um die Erinnerung an das jüdische Volk und an ein jüdisches Land möglichst
nicht wieder aufflammen zu lassen.
Heute ist Jerusalem wieder die Hauptstadt des jüdischen Staates Israel,
was uns deutlich vor Augen führt, dass die Geschichte Gottes mit seinem
Volk nicht, wie damals die Römer meinten, zu Ende ist.
Die
liturgische Farbe dieses Tages ist
Rot,
die Farbe des Blutes der Märtyrer, die in diesem Kampf gestorben sind.