Der Name des Sonntags Invokavit leitet sich vom Beginn der lateinischen
Antiphon ab: „Invocavit me, et ergo exaudiam eum”
(Ps 91, 15; deutsch s. unten, wörtliche Übersetzung von „Invokavit” hervorgehoben).
Der Sonntag Invokavit hat die Geschichte der Versuchung Jesu zum Thema.
Versuchung ist inzwischen zu einem altertümlichen Begriff geworden,
vor allem deshalb, weil die Frage nach dem Versuchenden immer deutlicher gestellt wurde und wird.
Gibt es ihn überhaupt? Entspringt die Versuchung nicht ausschließlich
in einem selbst? Diese Entwicklung muss auf jeden Fall berücksichtigt werden,
wenn wir von Versuchung sprechen. Die Vorstellung eines leibhaftigen Versuchers
als des Teufels ruft höchstens noch ein müdes Lächeln hervor; das
Arbeiten mit solchen Bildern in der Predigt ist heutzutage ausgesprochen schwierig,
wenn nicht gar unmöglich. Die Frage nach dem Versuchenden bleibt, sei es nun
die Person selbst oder eine von außen wirkende Kraft. Und immerhin finden
wir den Begriff noch in der deutschen Sprache, wenn z.B. gesagt wird: „Ich bin
versucht, das und das zu kaufen.” Aber hier hat es gewiss nicht mehr
den Sinn, den es in der Bibel hat.
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II - Gen 3, 1-19(20-24)Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde,
die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt
haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
2 Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume
im Garten;
3 aber von den Früchten des Baumes mitten
im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass
ihr nicht sterbet!
4 Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden
eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre
und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er
klug machte. Und sie nahm von der Frucht undass und gab ihrem Mann, der bei
ihr war, auch davon, und er aß.
7 Da wurden ihnen
beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und
flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und
sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden
war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des Herrn
unter den Bäumen im Garten.
9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach:
Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum
versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt,
dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot,
du solltest nicht davon essen?
12 Da sprach Adam: Das
Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.
13 Da sprach Gott der Herr zum Weibe: Warum hast du das getan? Das
Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan
hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem
Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.
15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen
deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du
wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen,
wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein
Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme
deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst
nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst
du dich von ihm nähren dein Leben lang.
18 Dornen
und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis
du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst
zu Erde werden.
20 Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter
aller, die da leben.
21 Und Gott der Herr machte Adam und seinem
Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
22 Und Gott der
Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut
und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche
auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23 Da
wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der
er genommen war.
24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ
lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert,
zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.
Dieser Text nimmt eine kritische Stellung in der christlichen Theologie
ein, denn er legt den Grundstein für unser Sündenverständnis. Die
Sünde wird aus dieser Geschichte heraus zum Erbgut erhoben (Röm
5, 12), das in jedem Menschen schon vor der Geburt existiert. Ohne diese
Geschichte hätte es Paulus wohl schwer gehabt, die Notwendigkeit des Todes
und der Auferstehung Jesu zu begründen.
Heute wissen wir, dass diese Geschichte
eine reine Etiologie ist, um den Ursprung verschiedener Gegebenheiten zu begründen:
die Angst des Menschen vor der Schlange, die Tatsache, dass dem Menschen nichts
in den Schoß fällt, oder dass die Frau bei der Geburt große
Schmerzen hat. Die wichtigste Beobachtung der Menschen, die mit dieser Geschichte
begründet werden soll, ist aber die Gottesferne, die Tatsache, dass Gott
nicht mit den Menschen unmittelbar redet. Dafür hat der Mensch etwas wunderbares
erhalten, nämlich die Fähigkeit, Gut von Böse zu unterscheiden, damit
aber auch die Möglichkeit, das Böse zu wählen und zu tun.
Im Kontext dieses Sonntages geht es bei dieser Geschichte wohl vor allem um den
kurzen Abschnitt 1-6. Hier wird von der Versuchung gesprochen. Unglücklicherweise,
aber wohl durch seine Kultur so geleitet, entschied der Autor, die Frau zur Person
zu machen, die sich zunächst verführen lässt und dann den Mann
verführt. Dass der Mann Gelüste nach der Frucht dieses Baumes gehabt
haben könnte, wird weder erwähnt noch angedeutet. Es ist die Frau, über
deren Gelüste elaboriert wird.
Feministische Theolog(inn)en dürften mit dieser Stelle arge Probleme haben,
ich habe sie auch, zumal das Ergebnis dieser „Versuchung” ja dem Menschen
durchaus nützlich war, zumindest in der Hinsicht, dass er nun nicht mehr
nur wie ein Haustier von Gott gehalten wird, sondern dazu befähigt und gezwungen
wird, für sich selbst zu sorgen und selbst Entscheidungen zu treffen. Nur durch
diese Befähigung hat sich die Menschheit (nicht immer zum Besseren) entwickeln
können.
Auf der anderen Seite steht natürlich die Gottesferne als Ergebnis dieses Handelns.
Noch immer denke ich, dass dieser Preis durchaus akzeptabel ist, solange die
neu gewonnenen Fähigkeiten nicht dazu benutzt werden, an Gottes Stelle zu treten.
Der Versuch wurde schon unzählige Male gemacht, und immer wieder waren die
Folgen katastrophal.
Eine Predigt über diesen Text wird wohl einer Gratwanderung gleichen. Hier
müssen beide Ergebnisse des Handelns des Menschen bedacht werden, der Gewinn
an Entscheidungsfähigkeit und der Verlust der Gottesnähe. Es lässt
sich nicht abwägen, was wichtiger ist, denn beides hat einen ebenso hohen Wert.
Es ließe sich auf verschiedene Entwicklungen unserer Zeit, wie z.B. die Gentechnologie,
hinweisen, die zugleich Versuchung wie auch Fluch ist, denn mit ihr erst kommen
die Fragen auf, die uns langsam zu Unmenschen machen: sollte nicht von jedem Embrio
eine Genanalyse gemacht werden, um dann zu entscheiden, ob das Kind überhaupt
leben sollte? Sollte man nicht beginnen, Organe zu „züchten”, um
im Notfall sofort ein Transplantat zur Verfügung zu haben? Sollte man nicht
die Genmasse verschiedener Zuchttiere so verändern, dass sie das liefern,
was der Mensch konsumieren kann, während alles andere einfach nicht mehr wächst?
Die Liste kann unendlich fortgesetzt werden, und es gibt andere Bereiche, wie z.B.
die Rüstung, wo der Mensch schon lange seine Grenzen überschritten hat,
weil er meint, alles, was Gottes Aufgabe ist, selbst in die Hand nehmen zu müssen.
Aber auch im persönlichen Bereich gibt es Beispiele: der „Konsum”
von Partnern, der heutzutage schon so üblich ist, dass die Regierung die
Anerkennung nichtverheirateter Paare erwägt oder sogar schon teilweise umgesetzt
hat. Der Verzicht auf Kinder um der Karriere willen, die Karriere als das
Ziel schlechthin sind weitere Beispiele der Gottesferne, in die uns die materielle
Versuchung unserer Tage treibt.
Ein Aufruf zum Stillehalten wäre angebracht. Einen Rückblick und einen
Vorausblick wagen: worauf kann ich stolz sein, weil ich damit geholfen habe, diese
Welt ein Stück liebenswerter zu machen? Worauf kann ich mich freuen in meiner
Zukunft, weil ich damit den Grundstock für eine bessere Welt lege?
Christe, du Schöpfer aller Welt (EG 92)
O Tod, wo ist dein Stachel nun (EG 113, 1-2.6.8)
Gott, der Vater steh uns bei (EG 138) - enthält aber „Halleluja”, das in der Fastenzeit nicht gesungen werden soll
O Herr, nimm unsre Schuld (EG 235)
Und suchst du meine Sünde (EG 237)
Erhebet er sich, unser Gott (EG 281)
Aus tiefer Not schrei ich zu dir (EG 299)
Nun freut euch, lieben Christen gmein (EG 341)
All unsre Schuld vergib uns, Herr (EG 344, 6-9)
Die ganze Welt hast du uns überlassen (EG 360)
Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer (KHW-EG 610)
Herr Gott, himmlischer Vater: hätte dein Sohn Jesus Christus nicht den
Versuchungen widerstanden, wir wären noch immer Kinder des Todes. Nun aber sind wir
Kinder des Lebens. Wir danken dir für dieses wunderbare Geschenk und bitten dich:
hilf uns, uns selbst zu überwinden. Mach uns stark, nicht den Weg des geringsten
Widerstandes zu suchen, sondern den richtigen Weg, den du für uns bestimmt hast,
zu gehen. Wir rufen zu dir:
Gem: Herr, erbarme dich.
Wir sind oft versucht, unsere Macht zu unserem eigenen Vorteil zu nutzen. Politiker
fällen Entscheidungen, um weiter an der Macht zu bleiben und nicht, um das Wohl aller
Menschen, für die sie verantwortlich sind, zu fördern. Reiche denken oft nur daran,
wie sie ihren Reichtum vermehren können, und vergessen dabei, dass sie die Macht hätten,
das Elend dieser Welt zu lindern. Wir rufen zu dir:
Gem: Herr, erbarme dich.
Wir sind oft versucht, unsere eigene Macht zu unterschätzen, weil es unbequem ist,
Widerstand zu leisten. Wir bitten dich: Lass uns unsere eigene Macht spüren. Gib uns
die Geduld und den Mut, die nötig sind, um dieser Welt ein freundlicheres Gesicht zu
verleihen. Hilf uns, die rechten Schritte zu tun. Wir rufen zu dir:
Gem: Herr, erbarme dich.
Wir sind oft versucht, die Schuld auf andere abzuwälzen. Viel zu oft machen wir dich
für das Elend in dieser Welt verantwortlich. Viel zu selten erkennen wir, dass wir
selbst die Verantwortung tragen. Wir bitten dich: mache uns aufmerksam, dass wir es
uns nicht zu einfach machen. Lass uns bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, und
diese Verantwortung dann nach unserem Vermögen auch wahrzunehmen. Wir rufen zu dir:
Gem: Herr, erbarme dich.
Herr, unser Gott, du bist die Quelle des Lebens, von dir empfangen wir alles Gute,
dafür danken wir dir. Dein ist die Ehre in Ewigkeit.
Amen