Der 4. Sonntag nach Trinitatis wendet sich der Gemeinde zu. Sie wird als Gemeinde der Sünder gesehen, die der Gnade Gottes bedarf. Ohne die Erkenntnis der eigenen Sünde ist es unmöglich, die Gnade Gottes anzunehmen, weil man sie nicht für nötig hält. Selbstgerechtigkeit entsteht, die dann in Überheblichkeit und Menschenverachtung mündet. Wichtig ist der Aspekt der Gemeinschaft; wir sind Sünder eben nicht (nur) als Individuen, sondern als Gemeinschaft, indem wir z.B. durch Schweigen teilhaben an dem Unrecht, das an anderen durch Menschen unserer Gemeinschaft geschieht.
Klicken Sie hier für die Anregungen für alle Predigtreihen (soweit vorhanden)
II - Röm 12, 17-21Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr." 20Vielmehr, "wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln" (Sprüche 25,21.22). 21Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Eine gute Lebensgrundlage wird uns hier durch Paulus gegeben. Oft aber wurden diese Worte einseitig interpretiert: entweder,
indem man zu übertriebener Demut neigt, die schon in Unterwürfigkeit ausartet und alles hinnimmt, was einem widerfährt,
oder indem man selbst versucht, den Zorn Gottes herbeizuführen, z.B. durch Gebet, Fluch oder andere, ähnliche Methoden.
Die Aufforderung, mit jedem Menschen Frieden zu haben, ist eine Herausforderung, die jeglicher Erfahrung widerspricht. Es gibt immer
Menschen, die einem zuwider sind, die einem "quer" kommen oder sonstwie missfallen. Frieden haben kann man aber dennoch
mit jedermann, indem man diese Menschen schlicht ignoriert. Aber das wäre ja kein richtiger Friede, denn Friede ist immer aktiv und
nicht passiv.
Nachdenklich stimmt das Zitat aus dem Buch Deuteronomium. Offenbar geht Paulus davon aus, dass Rache gerechtfertigt sein kann,
mit der Einschränkung, dass nicht wir selbst sie üben sollen, sondern dass Gott sie (an unserer Stelle) durchführt. Das
ist kein Wunsch, sondern eine schlichte Feststellung. Rache wird durch Gott vollzogen werden. Hat sich da irgend etwas geändert
am "Auge um Auge, Zahn um Zahn"-Prinzip?
Dahingegen erweckt die Aufforderung, dem Feind zu helfen, wieder den Eindruck, dass es hier um aktive Friedenspolitik geht. Eine solche
Friedenspolitik hat Konsequenzen: dem Feind werden feurige Kohlen auf sein Haupt gesammelt. Was diese Redewendung bedeutet, ist
nicht ganz klar. Manche behaupten, dass dies auf einen alten Brauch zurückzuführen sei, bei dem glühende Kohlen von
Haus zu Haus getragen wurden, um dort zum Feuermachen genutzt zu werden. Das halte ich für unwahrscheinlich, zumal nicht klar
ist, was dann diese Formulierung hier bedeuten soll. Wahrscheinlicher ist, dass es ein Bild ist für das Beschämen seines
Gegenübers. Und in diesem Zusammenhang könnte man sogar meinen, dass es sich um die Strafe Gottes handelt, die so noch
verschärft wird, indem man dem "Feind" Gutes tut.
Es ist gut, dass die Perikope nicht mit dem 20. Vers aufhört, sondern erst mit dem 21. Vers, der wieder davon ablenkt, die
Rache als Ziel des Textes anzunehmen. Es geht ja doch darum, das Böse zu überwinden, was nicht dadurch geschieht,
dass man Rache übt, sondern dadurch, dass man Gutes tut. Klar ist das ein langsamer, mühseliger Prozess, der sich
aber auszahlt, denn es wird Vertrauen gebildet.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist auf den zweiten Blick klar, denn als Teil der Gemeinde der
Sünder haben wir ja gar nicht das Recht, über andere zu urteilen bzw. andere zu verurteilen. Als Menschen, die
durch die Liebe Gottes, die in Jesus Christus offenbar wird, gerecht geworden sind und nicht durch eigene Werke, sind wir
zunächst genauso behandelt worden, wie Paulus es hier an uns heranträgt. Als die Bösen wurde das Böse in uns
mit Gutem, nämlich die Liebe Gottes, überwunden. Genau dieses Handeln Gottes sollen wir nachahmen im Umgang mit unseren
Mitmenschen, weil die Liebe Gottes ein unverdientes Geschenk ist.
Herr, du hast darum gebetet (EG 267)
Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (EG 343)
Jesu, hilf siegen, du Fürste des Lebens (EG 373)
So jemand spricht: "Ich liebe Gott" (EG 412)
Ein wahrer Glaube Gott's Zorn stillt (EG 413)
Liebe, du ans Kreuz für uns erhöhte (EG 415)
O Herr, mach mich zu einem Werkzeug (EG 416)
Im Frieden mach uns eins (KHW/HN-EG 564)
Herr, allmächtiger Gott,
mache uns zu einem Werkzeug deines Friedens. Hilf uns, dass wir Bösem nicht mit Bösem zu
widerstehen versuchen, sondern dass wir das Böse mit Gutem überwinden.
Mache uns fest in der Zuversicht, dass du letztlich alles richten wirst, aber lass uns
darum auch nicht die Hände in den Schoß legen.
Wir bitten dich für die Mächtigen dieser Welt, dass auch sie erkennen mögen: Friede
kann nicht mit Gewalt erzwungen werden. Hilf, dass auch sie deine Liebe erfahren, damit sie
die Not der Bedürftigen erkennen und Entscheidungen treffen, die allen zum Leben
verhelfen.
Wir bitten dich für die Vertriebenen, dass sie sich nicht in Gram und Hass gegen die
Vertreiber verzehren, sondern dass sie eine Heimat finden, in der sie sich wohl und
geborgen fühlen können.
Wir bitten dich für die, die sich um ihr eigenes Leben keine Sorgen machen müssen,
weil sie im Überfluss leben. Hilf, dass auch sie deine Liebe spüren, damit sie bereit
werden, zu teilen. Lass sie erkennen, dass nichts von dem, was sie sich hier
erworben haben, Bedeutung haben wird, wenn wir vor deinem Richterstuhl stehen.
Wir bitten dich für die, die keinen Ausweg aus ihrer Lage wissen, die verzweifelt
oder verängstigt sind: Hilf, dass sie erkennen, wie sehr du auch sie liebst, damit sie
erfahren: sie sind nicht allein.
Schenke den Verbitterten, dass sie erkennen, wie sehr die Verbitterung ihrer
Seele die Luft zum Atmen nimmt. Lass dein Licht in ihr Dunkel leuchten, damit
sie den Weg erkennen, der zu Freiheit und Frieden führt.
Herr Gott, lass uns Gutes tun, damit das Böse überwunden wird, denn du hast uns
so viel Gutes getan. Dir sei Ruhm und Ehre in Ewigkeit.
Amen
oder
Wir danken dir, unser Gott, dass du uns in Liebe begegnest. Wir wollen eintreten
für mehr Gerechtigkeit, mehr Vertrauen, mehr Versöhnungsbereitschaft. Wir wollen
nicht anklagen, sondern vergeben. Darum bitten wir dich um Verständnis für
unserer Mitmenschen, um Hilfsbereitschaft und um den Mut, die Wahrheit zu
sagen. Wir rufen zu dir:
Gem.: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich um die Fähigkeit, allen Menschen so zu begegnen, dass sie auch
durch uns deine Liebe erfahren. Hilf uns, das Böse zu erkennen und mit Gutem zu
überwinden. Wir rufen zu dir:
Gem.: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für unsere Kirche und die ganze Christenheit, dass sie über alles
Trennende hinweg eins werde im Glauben und im Handeln und so befähigt wird, ein
glaubwürdiges Zeugnis deiner Liebe zu geben. Wir rufen zu dir:
Gem.: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für unser Volk und alle Völker der Welt, dass nicht Geld die Welt
regiert, sondern die Sorge um den Erhalt der Schöpferung und die Sicherung eines
menschenwürdigen Lebensstandards. Wehre den Regierungen, die meinen, mit Gewalt
ihre Ansprüche durchsetzen zu müssen, und lass Friede werde, wo Krieg ist. Wir
rufen zu dir:
Gem.: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für die Menschen in Not und Bedrängnis, dass ihnen geholfen werde.
Zeige uns, wo wir gebraucht werden, damit wir die Not lindern. Wir rufen zu dir:
Gem.: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden: Sei du bei ihnen,
schenke ihnen viel Freude miteinander und mache sie bereit, mehr über den Glauben
zu erfahren. Hilf den Teamern zu einer guten Zusammenarbeit und zur Bereitschaft,
den Konfirmanden deine Liebe nahe zu bringen. Wir rufen zu dir:
Gem.: Herr, erbarme dich.
Bleibe bei uns, Gott, mit deinem Wort und den Gaben deiner Güte. Dein Reich
komme. Darum bitten wir dich im Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen