das Kirchenjahr

Die Zerstörung Jerusalems

Predigttexte

s. auch 10. Sonntag nach Trinitatis

Dieser Gedenktag kommt nach der Perikopenrevision von 2018 nicht mehr vor. Ich habe ihn bewusst beibehalten, weil dieser Gedenktag für das Volk Gottes ein einschneidendes Ereignis darstellt, das die gesamte folgende Geschichte bis heute geprägt hat. Als Nachfolger des Juden Jesus sind wir in diese Geschichte eingebunden.

Die Zerstörung Jerusalems und des jüdischen Tempels wurde über lange Zeit als Zeichen dafür angesehen, dass Israel das verworfene Gottesvolk sei, während die christliche Gemeinde nun das neue Gottesvolk sei. Wenn wir aber Röm 9-11 lesen, wird uns deutlich, dass wir von Israel nicht reden dürfen, als habe es seine Stellung als Gottesvolk verwirkt. Vielmehr gehört auch die Zerstörung Jerusalems in den unergründlichen Plan Gottes, dessen Ziel nach seiner Verheißung es weiterhin bleibt, nicht nur Israel, sondern auch die Heiden (uns) zu dem Schöpfer und Heiland der Welt zu führen.
Symbolisch können wir die Zerstörung des Tempels dahin deuten, dass nun Gott selbst unsere Schuld auf sich genommen hat und man nicht mehr am Tempelkult teilhaben muss, um Vergebung der Sünden zu erlangen. Auch erkennen wir zusammen mit dem Volk Israel (1. Kön 8, 27; Jes 66, 1 u.ö.), dass Gott nicht auf ein Haus als Wohnort und Begegnungsstätte beschränkt werden kann, sondern uns überall, wo er will, begegnet.
Dennoch ist die Zerstörung des Tempels für das Gottesvolk ein Zeichen des Gerichts, wie es zuvor schon viele gegeben hat. Dass das jüdische Volk weiterhin Bestand hat, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Gott zu seinem Volk steht, wenn es in den Synagogen zu Gebet und Schriftlesung zusammenkommt. An solchen Gottesdiensten haben ja auch die ersten Christen teilgenommen.
Schon lange war der Haß gegen die römische Besatzungsmacht unter den Juden immer stärker geworden. Als im Mai 66 der Statthalter Florus (64-66) aus dem Tempelschat 17 Talente Gold entnehmen ließ, führte dies zu starker Empörung im Volk, woraufhin Florus einen Teil der Stadt plündern ließ und die Bevölkerung aufforderte, zwei aus Caesarea kommende Kohorten mit Freudenkundgebungen zu empfangen. Zwar begrüßte die Bevölkerung, von den Hohepriestern dazu veranlasst, die Kohorten, als diese den Gruß aber nicht erwiderten, , wurde die Empörung wieder entfacht. Die Aufrührer verschanzten sich zum Schutz vor den römischen Waffen im Tempelbezirk. Florus holte Verstärkung, und während er unterwegs war, wurde die zur Sicherung des Herodestempels zurückgelassene Kohorte trotz zugesicherten freien Abzugs hinterrücks niedergemacht. Nun waren die Juden wieder Herren in ihrer Stadt - die Opfer für den Kaiser in Rom wurden eingestellt. Auch der zur Verstärkung mit einer Legion herangerückte Statthalter von Syrien, Cestius Gallus, vermochte zunächst nichts auszurichten.
Nun beauftragte Nero seinen tüchtigsten Feldherrn, Vespasian, mit der Niederwerfung des Aufstandes. Dieser unterwarf im Jahr 67 ganz Galiläa. Gleichzeitig gab es in Jerusalem Auseinandersetzungen zwischen denen, die noch Einigung mit den Römern suchten, und denen, die davon nichts wissen wollten. Die gemäßigtere Seite unterlag, da die andere unter der Führung des Johannes von Gischala an Brutalität kaum zu übertreffen war. Die urchristliche Gemeinde in Jerusalem hat sich wohl in dieser Zeit der inneren Auseinandersetzungen nach Pella östlich des Jordans abgesetzt.
Durch die politischen Schwankungen im römischen Reich (Tod Neros, Ermordung zweier Nachfolger) wurde das Fortschreiten Vespasians gehindert. Endlich ging er selbst nach Rom und übergab seinem Sohn Titus den Auftrag Neros, den Aufstand niederzuwerfen.
Titus belagerte die Stadt zu Beginn des Jahres 70 und suchte sie erst zu erstürmen; im Juli wurde denn auch die Burg Antonia eingenommen. Nchdem Titus die Aufständischen mehrmals zur Aufgabe aufgefordert hatte, ließ er den Tempel in Brand stecken. Im Spetember des Jahres 70 war Jerusalem gänzlich in der Hand des Römers und wurde ungehindert durch die Soldaten geplündert. Das Bild, das sich den Soldaten bot, war freilich grausig. Neben den Hungerleichen lagen die von den Führern des Aufstandes Ermordeten, und nach dem Bericht des Josephus hatten manche sogar begonnen, das Fleisch ihrer Mitmenschen zu essen.
60 Jahre später (132-135) entstand unter der Führung Simeons Bar Kochba (Sternensohn) noch einmal ein Aufstand, und kurze Zeit war Jerusalem wieder in jüdischer Herrschaft. Die Stadt wurde erneut durch die Römer ausgehungert und für die Juden jeglicher Zugang zur Stadt verwehrt, nachdem auf den dem Erbeben gleichgemachten Mauern eine römische Kolonie errichtet worden war. Die Römer nannten nun Judäa mit dem Namen "Palästina" (von "Philister"), um die Erinnerung an das jüdische Volk und an ein jüdisches Land möglichst nicht wieder aufflammen zu lassen.
Heute ist Jerusalem wieder die Hauptstadt des jüdischen Staates Israel, was uns deutlich vor Augen führt, dass die Geschichte Gottes mit seinem Volk nicht, wie damals die Römer meinten, zu Ende ist.

Die liturgische Farbe dieses Tages ist Rot, die Farbe des Blutes der Märtyrer, die in diesem Kampf gestorben sind.

Zu den Perikopen

I - Lk 19, 41-48
(alt: Lk 21, 5-6)

Lk 19, 41-48:
Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. 43 Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, 44 und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.
45 Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, 46 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): "Mein Haus soll ein Bethaus sein"; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. 47 Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, 48 und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.

Predigtanregung

II - Röm 9, 1-5
(alt: Offb 11, 14)

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

III - Jes 27, 2-9
(alt: Klgl 1, 1-22)

Zu der Zeit wird es heißen: Lieblicher Weinberg, singet ihm zu! 3 Ich, der HERR, behüte ihn und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten. 4 Ich zürne nicht. Sollten aber Disteln und Dornen aufschießen, so wollte ich über sie herfallen und sie alle miteinander anstecken, 5 es sei denn, sie suchen Zuflucht bei mir und machen Frieden mit mir, ja, Frieden mit mir. 6 Es wird einst dazu kommen, dass Jakob wurzeln und Israel blühen und grünen wird, dass sie den Erdkreis mit Früchten erfüllen. 7 Wird doch Israel nicht geschlagen, wie seine Feinde geschlagen werden, und nicht getötet, wie seine Feinde getötet werden! 8 Sondern, indem du es wegschicktest und wegführtest, hast du es gerichtet, es verscheucht mit rauem Sturm am Tage des Ostwinds. 9 Darum wird die Sünde Jakobs dadurch gesühnt werden, und das wird die Frucht davon sein, dass seine Sünden weggenommen werden: er wird alle Altarsteine zerstoßenen Kalksteinen gleichmachen; und keine Bilder der Aschera noch Rauchopfersäulen werden mehr bleiben.

IV - Klgl 5

Gedenke, HERR, wie es uns geht; schau und sieh an unsre Schmach! 2 Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsre Häuser den Ausländern. 3 Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsre Mütter sind wie Witwen. 4 Unser Wasser müssen wir um Geld trinken; unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. 5 Mit dem Joch auf unserm Hals treibt man uns, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. 6 Wir mussten Ägypten und Assur die Hand hinhalten, um uns an Brot zu sättigen. 7 Unsre Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen. 8 Knechte herrschen über uns und niemand ist da, der uns von ihrer Hand errettet. 9 Wir müssen unser Brot unter Gefahr für unser Leben holen, bedroht von dem Schwert in der Wüste. 10 Unsre Haut ist verbrannt wie in einem Ofen von dem schrecklichen Hunger. 11 Sie haben die Frauen in Zion geschändet und die Jungfrauen in den Städten Judas. 12 Fürsten wurden von ihnen gehenkt, und die Alten hat man nicht geehrt. 13 Jünglinge mussten Mühlsteine tragen und Knaben beim Holztragen straucheln. 14 Es sitzen die Ältesten nicht mehr im Tor und die Jünglinge nicht mehr beim Saitenspiel. 15 Unsres Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen verkehrt. 16 Die Krone ist von unserm Haupt gefallen. O weh, dass wir so gesündigt haben! 17 Darum ist auch unser Herz krank, und unsre Augen sind trübe geworden 18 um des Berges Zion willen, weil er so wüst liegt, dass die Füchse darüber laufen. 19 Aber du, HERR, der du ewiglich bleibst und dein Thron von Geschlecht zu Geschlecht, 20 warum willst du uns so ganz vergessen und uns lebenslang so ganz verlassen? 21 Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters! 22 Hast du uns denn ganz verworfen, und bist du allzu sehr über uns erzürnt?

V - Röm 11, 17-24

Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, 18 so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. 19 Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. 20 Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! 21 Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen. 22 Darum sieh die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber, sofern du bei seiner Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden. 23 Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott kann sie wieder einpfropfen. 24 Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.

VI - 5. Mose 30, 1-6(7-10) (= Dtn 30, 1-6(7-10))

Wenn nun dies alles über dich kommt, es sei der Segen oder der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es zu Herzen nimmst, wenn du unter den Heiden bist, unter die dich der HERR, dein Gott, verstoßen hat, 2 und du dich bekehrst zu dem HERRN, deinem Gott, dass du seiner Stimme gehorchst, du und deine Kinder, von ganzem Herzen und von ganzer Seele in allem, was ich dir heute gebiete, 3 so wird der HERR, dein Gott, deine Gefangenschaft wenden und sich deiner erbarmen und wird dich wieder sammeln aus allen Völkern, unter die dich der HERR, dein Gott, verstreut hat. 4 Wenn du bis ans Ende des Himmels verstoßen wärst, so wird dich doch der HERR, dein Gott, von dort sammeln und dich von dort holen 5 und wird dich in das Land bringen, das deine Väter besessen haben, und du wirst es einnehmen, und er wird dir Gutes tun und dich zahlreicher machen, als deine Väter waren. 6 Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz beschneiden und das Herz deiner Nachkommen, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf dass du am Leben bleibst. 7 Aber alle diese Flüche wird der HERR, dein Gott, auf deine Feinde legen und auf die, die dich hassen und verfolgen. 8 Du aber wirst umkehren und der Stimme des HERRN gehorchen, dass du tust alle seine Gebote, die ich dir heute gebiete. 9 Und der HERR, dein Gott, wird dir Glück geben zu allen Werken deiner Hände, zu der Frucht deines Leibes, zu den Jungtieren deines Viehs, zum Ertrag deines Ackers, dass dir's zugute komme. Denn der HERR wird sich wieder über dich freuen, dir zugut, wie er sich über deine Väter gefreut hat, 10 weil du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchst und hältst seine Gebote und Rechte, die geschrieben stehen im Buch dieses Gesetzes, wenn du dich bekehrst zu dem HERRN, deinem Gott, von ganzem Herzen und von ganzer Seele.

M - Sir 36, 13-19
Jes 62, 6-12
Dan 9, 15-19
Jer 7, 1-15
Röm 15, 7-13

Jes 62, 6-12:
O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, 7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! 8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, 9 sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.
10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! 11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! 12 Man wird sie nennen «Heiliges Volk», «Erlöste des HERRN», und dich wird man nennen «Gesuchte» und «Nicht mehr verlassene Stadt».