das Kirchenjahr

Invokavit

Versuchung

Predigtanregung

Der Name des Sonntags Invokavit leitet sich vom Beginn der lateinischen Antiphon ab: „Invocavit me, et ergo exaudiam eum” (Ps 91, 15; deutsch s. unten, wörtliche Übersetzung von „Invokavit” hervorgehoben).
Der Sonntag Invokavit hat die Geschichte der Versuchung Jesu zum Thema. Versuchung ist inzwischen zu einem altertümlichen Begriff geworden, vor allem deshalb, weil die Frage nach dem Versuchenden immer deutlicher gestellt wurde und wird. Gibt es ihn überhaupt? Entspringt die Versuchung nicht ausschließlich in einem selbst? Diese Entwicklung muss auf jeden Fall berücksichtigt werden, wenn wir von Versuchung sprechen. Die Vorstellung eines leibhaftigen Versuchers als des Teufels ruft höchstens noch ein müdes Lächeln hervor; das Arbeiten mit solchen Bildern in der Predigt ist heutzutage ausgesprochen schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Die Frage nach dem Versuchenden bleibt, sei es nun die Person selbst oder eine von außen wirkende Kraft. Und immerhin finden wir den Begriff noch in der deutschen Sprache, wenn z.B. gesagt wird: "Ich bin versucht, das und das zu kaufen." Aber hier hat es gewiss nicht mehr den Sinn, den es in der Bibel hat.

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IV - 2. Kor 6, 1-10

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. 2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): «Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.» Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! 3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; 4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Diese Perikope gehört wohl zu den bekanntesten aus den Paulusbriefen. Wenn Paulus die Gemeinde mahnt, die Gnade Gottes nicht vergeblich zu empfangen, kann man ins Fragen kommen: wird die Gnade grundsätzlich allen zuteil? Das könnte man daraus ableiten, dass sie vergeblich empfangen werden kann. Es würde bedeuten, dass sie zunächst ohne Vorbedingung ausgeteilt wird. Was heißt "vergeblich empfangen"? Bedeutet es, dass man sie nicht in Anspruch nimmt? Oder dass man sich gegen sie stellt, d.h. sie ablehnt? Der nachfolgende Vers 2 legt nahe, dass es das bloße Nicht-In-Anspruch-Nehmen ist, das hier gemeint ist. Jedenfalls ist wichtig, dass Paulus jetzt die Zeit der Gnade ausruft. Jetzt ist der Zeitpunkt, und nicht die Zeitspanne. In der Tat meint Paulus wohl damit, dass in jeder Situation die Gnade erfasst wird, als wäre sie gerade erst präsent geworden. Das Leben eines Christen ist nicht christlich, wenn er sich immer wieder neu der Gnade Gottes vergewissert und diese Vergewisserung dann auch zur Tat führt.
Im Folgenden rechtfertigt dann Paulus seine Mahnung: er ist dazu berechtigt, weil er (sie) sich als Diener Gottes erweist (erweisen). Diese Verse bringen eine neue Perspektive in die Perikope, die ganz eigenständig behandelt werden könnte. Denn hier wird der Aspekt des Duldens in den Vordergrund gestellt, das Dulden, das im Leiden die Herrlichkeit des Kreuzes erkennt. Paulus schreibt von dem, was er erduldet hat, und stellt ab Vers 8b dar, wie ihnen trotz aller schlechten Erfahrung die Gnade zuteil wurde. Insoweit kann man vielleicht doch eine Verbindung zum ersten Abschnitt herstellen. Denn trotzdem sie traurig wurden, konnten sie - aus Gnade - fröhlich sein. Trotzdem sie arm waren, konnten sie - aus Gnade - viele reich machen.
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang wird vage deutlich: Wir werden immer wieder versucht, die Gnade nicht zu ergreifen. Gerne versinken wir in den Trübsalen, die uns befallen, und geben uns dem Selbstmitleid hin. Paulus setzt dagegen, dass zu jedem Zeitpunkt, also auch in größter Betrübnis, die Gnade empfangen wird. Sie muss nur auch genutzt werden.
Es wäre für die Predigt wohl zu banal, Erlebnisse der Gnade aufzuzählen, wie Paulus das tut. Es geht darum, den Menschen nahezubringen, dass die Zeit der Gnade kein Zeitraum ist; denn das meint Paulus. Vielmehr ist sie zwar immer greifbar nahe, wird aber erst dann wirksam, wenn sie auch ergriffen wird. Wenn sie nicht ergriffen wird, geht sie ungenutzt vorüber, um bei der nächsten Gelegenheit wieder präsent zu sein. Man kann aber auch nicht von ihr Besitz ergreifen, denn sie entzieht sich dem, der sie besitzen will, weil sie immer situationsabhängig ist. Es geht also darum, der Gemeinde bewusst zu machen, dass sie die Gnade in den jeweiligen Situationen ergreifen muss, damit sie wirksam werden kann.

Liedvorschläge zur Predigt:


Lob, Preis und Dank, Herr Jesu Christ (EG 33, 3)
Wir danken dir, Herr Jesu Christ (EG 79)
Allein auf Gottes Wort will ich (EG 195)
Wohl denen, die da wandeln (EG 295)
Es ist das Heil uns kommen her (EG 342)
Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (EG 343)
Von Gott will ich nicht lassen (EG 365)
Du höchstes Licht, du ewger Schein (EG 441)



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