das Kirchenjahr

Exaudi

Die wartende Gemeinde

Predigtanregung

Der Name dieses Sonntags leitet sich ab von dem Beginn der lateinischen Antiphon: Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te; miserere mei, et exaudi me! (Ps 27,7; deutsch s. Antiphon). Der Sonntag ist schon deutlich auf Pfingsten bezogen dadurch, dass er die wartende Haltung der Gemeinde und damit ihre Abhängigkeit vom Heilswirken Gottes herausstreicht, und von daher eigentlich nicht mehr Bestandteil des Osterfestkreises, der mit Christi Himmelfahrt abschloss. Allerdings hat man sich im neuen Evangelischen Gottesdienstbuch nicht dazu durchringen können, als liturgische Farbe violett zu wählen, obgleich diese Farbe sicherlich angemessen wäre.
Der Sonntag Exaudi spiegelt die Spannung wider, in der die Jünger sich befanden, nachdem ihr Herr gen Himmel aufgefahren war. Sie wissen um die Verheißung des Geistes, haben ihn aber noch nicht erfahren. Sie leben in einer kaum erträglichen Spannung, denn das Vergangene hat nun keine Bedeutung mehr, und das Zukünftige hat keine Kraft. Die Gegenwart, in der sie machtlos sind, wird übermächtig und scheint sie zu fesseln.
In diese Spannung hinein erklingt als Erinnerungsruf die Rede Jesu, in der er den Tröster, seinen Geist, verheißt.

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III - Joh 7, 37-39

Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Was für ein Anspruch in diesen Worten Jesu gestellt wird! Ströme lebendigen Wassers werden von dem fließen, der an ihn glaubt! Die Konsequenz dieses Anspruchs ist wohl, dass es keinen Glauben in dieser Welt gibt, denn von wem schon gehen Ströme lebendigen Wassers aus?
Johannes umrahmt den Vers 38 mit zwei Versen, die für das Verständnis wichtig sind. Zunächst einmal spricht Jesus von sich selbst als der Quelle des Wassers. "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!" Darauf folgt dann die Aussage, dass, wer an Jesus glaubt, selbst Quelle lebendigen Wassers sein wird. Mit dem Vers 37 wird der "Glaube", von dem Jesus nachfolgend spricht, beschrieben. Es glaubt demnach der, der sich zu Jesus begibt, um seinen Durst zu stillen. Was für ein Durst das ist, wird nicht deutlich, auch nicht, was für ein Wasser Jesus zu geben hat. Es liegt nahe, anzunehmen, dass es der Durst nach der Nähe Gottes ist, von dem hier geredet wird. Jesus bietet sich an als Quelle des Wassers, das diesen Durst stillt - er selbst ist Gott! Wenn wir von Glauben reden, geht es um eine Bewußtseinshaltung. Wenn Jesus hier von Glauben redet, geht es um ein schlichtes Bedürfnis. Die einfältige Hingabe ist es, die uns zum Kanal für das lebendige Wasser werden läßt.
Der nachfolgende Vers 39 wird dann sehr spezifisch: es ist der Geist, der mit den "Strömen lebendigen Wassers" gemeint ist. Dieser Kommentar des Johannes scheint etwas unpassend, da Jesus ein sehr körperliches Bild malt, das sich nicht so leicht vergeistigen läßt. Man hat den Eindruck, dass er ganz bewußt so klar redet, als ob es wirklich physisch so geschehen würde, dass lebendiges Wasser vom Leib dessen, der an ihn glaubt, fließen sollen. Johannes kann das natürlich nicht so sehen und fügt deswegen die Erklärung an. Wenn es sich bei dem lebendigen Wasser wirklich um den Heiligen Geist handelt, fragt man sich, warum dieser vom Leib ausgehen muss, denn er ist ja gar nicht gebunden. Wohl kann es sein, dass das, was Jesus zu geben hat, der Geist Gottes ist, aber sollte es wirklich so sein, dass dann die Jünger diesen Geist weitergeben, also zu Mittlern werden? Wohl kaum.
Dann aber bleibt die Frage, worum es sich bei dem lebendigen Wasser, das vom Leib der Glaubenden fließt, handelt. Es ist möglich, dass hiermit eine heilsame Ausstrahlung gemeint ist, die umfassenden Frieden stiftet. Diese Ausstrahlung wird andere dazu animieren, ebenfalls zu Jesus zu gehen, um von ihm zu trinken.
Bemerkenswert ist, dass wir von dieser Ausstrahlung kaum etwas merken, weder an uns selbst noch an anderen. Es scheint, wie schon gesagt, so, als ob keiner glauben würde. Dies liegt wohl daran, dass wir "Glauben" als einen einmaligen Akt, der nur der Bestätigung bedarf, ansehen. Das Bild von Jesus als Quelle des Wassers, mit dem wir unseren Hunger stillen, deutet jedoch darauf hin, dass Glaube ein fortlaufender Vorgang ist, der immer wieder der Erneuerung bedarf. So wie wir wieder durstig werden und uns ein Glas Wasser holen, ist es nötig, zu Jesus zu gehen und bei ihm "aufzutanken". Sonst verdurstet unsere Seele.
Kirchenjahreszeitlich hat der Text seine Bedeutung vom Vers 39, wo Johannes deutlich darauf hinweist, dass "der Geist noch nicht da" war. Allerdings war Jesus noch unter den Jüngern, dies also gar nicht so sehr ein Problem. Da der Schwerpunkt der Perikope mehr auf dem Stichwort "Glaube" liegt, bedarf es mal wieder einiger Klimmzüge, um den Bezug zum Kirchenjahr herzustellen. Es mag angemessen sein, von "Durststrecken" zu reden, wo wir zwar Jesus suchen, aber nicht finden, also auch nicht unseren Durst stillen können. Das deckt sich nicht mit der Aussage Jesu, dass er bei uns sei alle Tage, aber es deckt sich mit unserer Erfahrung. Die Durststrecken finden immer ein Ende, wenn wir uns bemühen. Der Mangel unseres eigenen Einsatzes führt zu leeren Kirchen und einer oberflächlich und unsozial gewordenen Gesellschaft.

Liedvorschläge zur Predigt:

Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden (EG 66, 7-8)
Heilger Geist, du Tröster mein (EG 128)
Brunn alles Heils, dich ehren wir (EG 140)
Komm, Herr, segne uns (EG 170)
O Lebensbrünnlein tief und groß (EG 399)

Fürbittengebet

Herr Jesus Christus, du hast uns den Tröster vom Vater versprochen, der unsere Kraft und unsere Hilfe ist, damit wir uns nicht verstecken müssen, sondern im Vertrauen auf Dich unseren Mitmenschen begegnen können. Wir bitten dich: erwecke in uns deinen heiligen Geist, dass wir denen, die danach hungern, dein Wort verkündigen. Erfülle uns mit deiner Liebe und hilf uns erkennen, wie wichtig das Gebet ist. Lass uns danach trachten, so zu bitten, dass dein Wille in dieser Welt geschehe.
Vater im Himmel, wir bitten dich für alle Menschen in der Welt, die ausgebeutet werden, damit wir es besser haben. Wir denken an Kinder, die nie eine gute Schulbildung bekommen können, Bauern, die hoch verschuldet sind und darum ihr Land und ihre Freiheit aufgeben mussten, Frauen, die misshandelt und ausgenutzt werden.
Wir bitten dich für die Menschen, die unter Krieg und Verfolgung leiden. Wir bitten dich für die, die ihre Heimat verloren haben und keine neue Heimat finden: führe du sie zu gastfreundlichen Menschen. Hilf, dass unser eigenes Land zu einem gastfreundlichen Land wird. Lass nicht zu, dass die Menschenrechte, zu denen sich alle Nationen bekennen, nur Lippenbekenntnisse bleiben.
Wir bitten dich für die Familien in unserer Welt. Immer mehr Ehen zerbrechen, weil die Menschen die Fähigkeit verlieren, aufeinander zu zu gehen und einander zu vertrauen. Wir schaffen es nicht mehr, einander zu vergeben, weil wir unsere eigene Schuld nicht erkennen wollen. Kinder leiden unter den Spannungen zwischen den Eltern und unter den Trennungen und verlieren das Ziel, für das es sich zu leben lohnt. Wir bitten dich: lass deine Liebe unter uns lebendig werden.
Wir bitten dich für die Menschen, die krank sind und in ihrem Leiden alle Hoffnung aufgegeben haben. Schenke ihnen die Gewissheit, dass du das Ende bist, und nicht der Tod. Lass sie Frieden finden in dir, damit sie sich am Leben freuen können.
Wir bitten dich für die Trauernden, die einen lieben Menschen verloren haben: Hilf uns, dass wir Zeugen sind deiner Liebe, die uns das Leben schenkt, auch wenn wir sterben.
Tritt für uns ein, erbarmender Gott, wenn wir scheitern. Richte uns auf, wenn wir verzagt sind. Gib uns den Frieden, der allein von dir kommen kann, und leite uns auf den Weg der Wahrheit. Dir sei Ehre in Ewigkeit.
Amen



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