das Kirchenjahr

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr

Der nahende Herr*

Predigtanregung

Der Drittletzte Sonntag im Kirchenjahr hatte das Kommen des Herrn zum Thema. Mit der Perikopenrevision von 2018 wurde versucht, eine Verbindung zur üblicherweise in dieser Zeit gehaltenen Friedensdekade herzustellen, wobei die Lesungstexte nach wie vor das nahende Reich Gottes im Blick haben. Während das Evangelium selbst nur davor warnt, dieses Kommen vorhersagen zu wollen, betont die Epistel die Vergänglichkeit der Schöpfung und das Warten auf die Erlösung von eben dieser Vergänglichkeit. Die Worte des Propheten Micha in der alttestamentlichen Lesung weisen hin auf die letzten Tage, in denen alle Völker sich versammeln werden, um vor Gott zu treten. Dabei wird nun der Bezug zur Friedensdekade hergestellt, denn hier sind die Worte zu finden, die für die Friedensdekade zum Motto wurden: Schwerter zu Pflugscharen machen. Die 1. Perikope (Lk 6) stellt ebenfalls einen Bezug zur Friedensdekade her, während die 2. Perikope aus dem 1. Thess geprägt ist von der Erwartung der nahen Wiederkunft (Parusie) des Herrn.

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III - Ps 85

Ein Psalm der Söhne Korach, vorzusingen.
2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;

3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast; – SELA –

4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:

5 hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!

6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?

7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?

8 HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!

9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.

10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;

11 dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;

12 dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;

13 dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;

14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.

Grundsätzlich ist es nicht einfach, über ein Gebet zu predigen, denn Gebete haben stets einen persönlichen Charakter, den eine Predigt nicht ausreichend würdigen kann. Nun sind Psalmen nicht ausschließlich Gebete. Ihr Name deutet auf einen etwas anderen Charakter hin, denn er bedeutet „Lied”, und Lieder sind zwar häufig auch Gebete, aber oft auch eine Form von Lobpreis und, wenn gemeinsam gesungen, gegenseitige Ermutigung und vor allem - zumindest im Kontext der Psalmen - ein Lob zur Ehre Gottes.
Der 85. Psalm beginnt als gemeinschaftliches Gebet, indem er Gott an seine Gnade und Güte erinnert, um dann in einen Hilferuf überzugehen. Wichtig ist hierbei wohl, dass alles, was einem widerfährt, als von Gott kommend betrachtet wird. „Lass ab von deiner Ungnade über uns”. Offenbar geht es dem betenden Gottesvolk schlecht, wobei es sehr menschlich zu Übertreibung neigt. Denn ewig währt der Zorn Gottes ja nicht, dazu muss man nur einen Blick in die Vergangenheit werfen, wie der Psalm selbst ja schon anfangs getan hat. Da war Gott gnädig, hat erlöst, hat Missetat vergeben und alle Sünde bedeckt. Nun kann man natürlich sagen, dass „ewig” nur im Blick auf die Zukunft gemeint wäre, aber dann versteht man das Wort ewig falsch, denn ewig kennt weder Anfang noch Ende.
Es klingt eine uralte Erfahrung der Menschheit an, die Erfahrung der Gottesferne. Mann kann seine Stimme nicht hören, vor allem nicht seine Zusage des Friedens. Aber dieser Gedanke ist nur kurz präsent, denn eigentlich hat der Psalmist schon selbst zum Ausdruck gebracht, dass Gott nicht fern ist, sondern dass er stets aufmerksam auf sein Volk achtet. Und darum heißt es dann auch gleich, dass seine Hilfe nahe denen ist, die ihn fürchten.
Aus der Erfahrung seiner Hilfe erwächst dann der Lobpreis, die Ehrerbietung, die dem gebührt, der alles in Händen hält und zum Guten wendet, dessen Plan für uns Menschen vielleicht nicht nachvollziehbar ist, der aber doch stets zu einem guten Ende führt. Hier darf man sicher fragen, was das gute Ende ist, und da werden sich die Geister scheiden. Viele meinen, dass Gesundheit, Kraft, Wohlstand ein gutes Ende seien. Andere, auch solche, die nicht gesund werden, werden sagen: allein dass ich die Liebe Gottes erfahren durfte, genügt mir und ist mir ein gutes Ende.
Letztlich läuft der Psalm darauf hinaus, die Güte Gottes unter allem Leid wieder zu erkennen und durch sie aus dem Dunkel des Leids hervorzutreten in sein strahlendes Licht.
Die Predigt wird versuchen, diesen Gang nachzuvollziehen - vom Leid, das einem das Gefühl der Gottesferne vermittelt, hin zum Dank für die erwiesene Gnade und Treue (ob in früheren Zeiten oder in Zukunft, sei dahin gestellt und ist für den Psalmisten auch nicht relevant).
Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang entsteht aus dem Bewusstsein der Nähe Gottes, auch in der scheinbaren Gottesferne. Wir erinnern uns immer wieder an die Worte Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” Das ist er, es ist keine Wahrscheinlichkeit, die mit diesen Worten zum Ausdruck gebracht wird, sondern ein Seinszustand. In diesem Zustand befindet sich die Gemeinde, so schwer es ihr oder einzelnen in ihr auch gehen mag: er ist da.

Liedvorschläge zur Predigt:

Mit Ernst, o Menschenkinder (EG 10)
„Tröstet, tröstet”, spricht der Herr (EG 15)
Zieh ein zu deinen Toren (EG 133)
Aus tiefer Not lasst uns zu Gott (EG 144)
Nimm von uns, Herr, du treuer Gott (EG 146)
Es wolle Gott uns gnädig sein (EG 280)



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