das Kirchenjahr

Buß- und Bettag

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Röm 2, 1-11

Liebe Gemeinde!

Vermutlich kennen Sie die Casting Shows, die seit Jahren das Abendprogramm der freien Fernsehsender füllen. Es gibt kaum einen Sender, der sich nicht irgendeinen Superstar aus tausenden Kandidatinnen und Kandidaten auswählt. Und was diese alles auf sich nehmen, um am Ende vielleicht tatsächlich für ein oder zwei Jahre im Rampenlicht zu stehen, ist unglaublich.
Die Urteilsverkündung wird mit Spannung erwartet – und die Regie setzt ja auch alle möglichen Mittel ein, um es wirklich spannend zu machen. So kann schnell mal eine halbe oder gar eine ganze Minute der Sendezeit durch atemlose Stille überbrückt werden. Aber es gibt ja auch sonst nicht viel zu sagen.
In Nahaufnahme sieht man, wie Kandidatinnen oder Kandidaten in Tränen ausbrechen, wenn das Urteil fällt. Manchmal sind es Tränen des Glücks, manchmal sind es Tränen der Enttäuschung. Immer aber ist die Kamera hautnah dabei.
Die Zuschauer fiebern mit, manche wünschen sich, dass der Kandidat durchfällt, andere wollen, dass er weiterkommt. Es macht Spaß, das mit zu erleben und auch Einfluss zu nehmen auf das Urteil. Die meisten sind jedenfalls auch emotional an diesem Prozess der Urteilsfindung beteiligt.
Es gäbe solche Sendungen wohl nicht, wenn es nicht auch Menschen gäbe, die sich das gerne anschauen und so ihre Zeit totschlagen. Die Einschaltquoten spielen eine große Rolle bei solchen Sendern, und so ist die Existenz solcher Sendungen ein Indiz dafür, was in unserer Gesellschaft gerade dran ist.
Man will dabei sein, wenn ein Urteil gefällt wird. Und so sind auch die Serien um Richter Hold oder Richterin Salesch nicht tot zu kriegen. Es ergeht folgendes Urteil...
Warum sind Menschen nur so begierig nach solchen Sendungen? Ein bisschen fiebert man mit, vielleicht identifiziert man sich auch mit dem Kandidaten, mit der Beklagten oder dem Kläger oder dem Richter bzw. der Richterin. Man fällt selbst sein Urteil, und will dieses Urteil dann bestätigt wissen.
Und so harrt man aus, sobald man begonnen hat, mit einer dieser Figuren, die ihre Sehnsüchte mutig zur Schau stellen, zu sympathisieren. Man wartet gespannt auf die nächste Folge und möchte auf keinen Fall auch nur eine Folge verpassen.
Meist gibt man per Telefonnummer seine Stimme ab, und entscheidet dann natürlich nicht nach Befähigung, sondern nach Sympathie. Man fällt sein eigenes Urteil und fühlt sich dabei wohl, auch wenn jeder Anruf 50 Cent kostet.
Es scheint in der Tat, dass wir das gerne tun: ein Urteil über andere Menschen fällen, sie zu bemessen und zu bewerten. Es gibt einem das Gefühl der Kontrolle, die besonders gut auszuüben ist, wenn man zu Hause im Fernsehsessel sitzt und dabei nicht selbst angegriffen werden kann.
Paulus macht uns darauf aufmerksam, dass es mit dem Urteilen nicht so einfach ist. Worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Das scheint nicht ganz einleuchtend, denn bloß weil man über einen Dieb sein Urteil fällt, ist man doch nicht gleich selber ein Dieb.
Das meint Paulus aber auch nicht. Ihm geht es darum, dass wir in unserem Urteil nicht gerecht sind, weil wir nicht in der Lage sind, alle wichtigen Umstände zu erfassen. Und so wie der Dieb ungerecht gehandelt hat, so sind auch wir ungerecht – und damit auf der gleichen Stufe wie der Dieb. Und wenn wir uns anschicken, ein Urteil zu fällen, sollten wir immer an die Worte Jesu denken: wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Gott ist Richter, und es ist nicht recht, dass wir uns zu Richtern erheben. Und dennoch muss es sein. Wir können doch nicht dem Bösen freien Lauf lassen! Wir müssen doch etwas gegen das Böse tun!
Was in den Casting Shows noch relativ harmlos daherkommt, wurde in der Serie „Tatort Internet”, die vor ... Jahren auf RTL2 ausgestrahlt wurde und mutmaßliche Sexualtäter in eine Falle lockte, um sie dann nach ihren Motiven zu befragen und in dem Zusammenhang auch gleich zu verurteilen, schon höchst fragwürdig. Was erreicht man damit, wenn einzelne Personen auf diese Weise an den Pranger gestellt werden? Trotz aller Unkenntlichmachung im Fernsehen ist es ja doch nichts anderes. Rotten wir auf diese Weise vielleicht das Böse aus?
Sicher nicht. Schon immer ist es so gewesen, dass Zurschaustellung und Bestrafung nur sehr begrenzt dazu verhelfen, das Böse in seine Schranken zu weisen. Es bleibt.
Vielleicht gelingt es, den ein oder anderen auf einen guten Weg zu bringen, aber meist wird sich das Böse andere Wege suchen, um unbeschadet handeln zu können. So ist es in Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte gewesen – das werden wir auch heute mit den modernen Medien nicht ändern können.
Und so wird das Urteilen, das Verurteilen, das Aburteilen eigentlich zur Farce. Ja, noch mehr: es wird selbst zum Verbrechen. Denn es wird dabei den Menschen ihre Würde genommen, es gibt keinen Respekt mehr. Bei den Casting Shows sind die Kandidatinnen und Kandidaten noch selbst bereit, ihre Würde aufzugeben und sich der Respektlosigkeit auszusetzen. Das unterschreiben sie in dem Vertrag, der der Teilnahme an der Casting Show zugrunde liegt.
Bei „Tatort Internet” sieht das schon anders aus – da wird den Menschen ihre Würde genommen, ohne dass sie damit einverstanden sind – sie werden im wahrsten Sinne des Wortes an den Pranger gestellt.
Damit ist nicht gesagt, dass das, was diese Menschen tun, gut ist oder richtig. Auf gar keinen Fall! Aber die Frage ist, ob wir auf diese Weise mit unseren Mitmenschen umgehen dürfen. Nicht nur, dass wir ihnen die Würde nehmen – wir geben damit im Grunde allen Menschen das Recht, in gleicher Weise mit uns zu verfahren.
Das letzte Urteil spricht Gott, so sagt Paulus, und dieses Urteil wird ein gerechtes Urteil sein. Daran gibt es keinen Zweifel. Aber es ist ein Urteil, das die Guten von den Bösen trennt. Es geht dabei offenbar nach den Werken, die ein Mensch getan hat, denn Gott wird „einem jeden geben...nach seinen Werken”.
Und da werden wir wohl alle stutzig. Hieß es nicht: allein aus Glauben, ohne Zutun der Werke? Können die Werke da überhaupt noch eine Rolle spielen?
Natürlich tun sie das. Die Tatsache, dass wir glauben, bedeutet ja noch lange nicht, dass wir in allem, was wir tun, das Richtige und Gute tun. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht (Röm 7, 18) – diese Worte des Paulus wenige Kapitel weiter beschreiben wohl ausreichend das Dilemma, in dem wir uns auch als Glaubende noch befinden.
Und also gibt es das Urteil, das ganz unserem heutigen Gottesbild zu widersprechen scheint: der liebe, der gute Gott, der alles vergibt, der jeden annimmt, wenn er nur glaubt, wird die Guten von den Bösen trennen, er wird sie nach ihren Taten be- und verurteilen. Es gibt einen Maßstab für alles Handeln. Doch eins ist wichtig: diesen Maßstab setzt Gott und nicht der Mensch.
Das kann beruhigen, denn immerhin können wir von Gott eine gerechte Behandlung erwarten. Er wird uns nicht vorführen wie bei den Castingshows, er wird uns nicht unsere Würde nehmen. Er wird uns ernst nehmen, er wird uns Respekt erweisen, ohne Unterschied. Jeder Mensch gilt vor Gott etwas, denn jeder Mensch ist sein geliebtes Kind. Alle Menschen sind also auch vor Gott gleich, es gibt kein Ansehen der Person.
Was wir aus dieser Kindschaft gemacht haben, darauf wird es am Ende ankommen.
In der Mitte unseres Predittextes steht der Satz: „Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Buße leitet?”
Der Satz bekommt je nach Betonung eine etwas andere Bedeutung. Ich bevorzuge es, die Güte Gottes als Wichtigstes dieses Satzes zu betonen, also: „Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Buße leitet?” Denn dem steht der Druck der Strafe gegenüber. Es könnte ja auch heißen: weißt du nicht, dass Gottes Gericht dich zur Buße leitet?
Es ist aber nicht die Angst vor dem Gericht, die uns leiten soll, das Gute zu suchen und zu tun, sondern die Güte Gottes, seine Gnade und Barmherzigkeit.
Und da ist er wieder, der liebende, der fürsorgliche Gott, der sich seiner Schöpfung zuwendet in seinem Sohn Jesus Christus und durch seinen Tod bereit ist, zu vergeben, was immer Böses geschehen ist. Wenn wir nur wissen, dass es seine Güte ist, die uns zur Buße leitet.
Wir brauchen vor Gott keine Angst zu haben. In seiner Allmacht ist er uns doch wohlgesonnen. Er ist unser Vater. Er entwürdigt uns nicht.
Aber er lässt sich auch nicht vereinnahmen für unsere Zwecke, weder für das Urteil über andere noch für irgendwelche anderen Dinge, die wir uns vornehmen. Und das ist es, worauf wir besonders achten sollen.
Es geht nie darum, dass wir unseren Willen durchsetzen und dabei womöglich noch „Gott mit uns” auf unsere Fahnen schreiben, sondern es geht darum, dass wir den Willen Gottes suchen und fortwährend das Gebet „Dein Wille geschehe” auf den Lippen haben.
Gottes Urteil ist ein gerechtes Urteil, auch wenn es uns nicht so erscheinen mag. Wir sehen unsere kleinen Fehler als Lapalien, über die man hinwegsehen kann. Gott wird sie vielleicht ganz anders gewichten im Vergleich zu dem, was ein Einbrecher oder gar ein Mörder getan hat.
Denn es geht um Buße, um Umkehr. Wer bereit ist, den neuen Weg zu gehen, der zu Gott hin führt, wird von ihm auch freigesprochen, ganz so wie der Schächer am Kreuz, dem Jesus in der Stunde seines Todes, gerade als er seine Schuld aufrichtig bekannte, zusagt, dass er mit ihm noch am selben Tag im Paradies sein wird.
Und darum sollen wir nicht urteilen – denn wir können das Herz nicht ansehen. Der Schächer am Kreuz war von Menschen zum Tode verurteilt worden – und Gott spricht ihn in derselben Stunde frei und gewährt ihm das Leben.

Gott allein weiß, was in einem Menschen vorgeht. Er sieht auch das Herz an. Und wenn wir auf seine Gnade und Güte vertrauen, dann gibt es in der Tat nichts, was wir fürchten müssten, auch nicht das Gericht Gottes.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Aus tiefer Not lasst uns zu Gott (EG 144)
Nimm von uns, Herr, du treuer Gott (EG 146)
Allein zu dir, Herr Jesu Christ (EG 232)
Herr, der du vormals hast dein Land (EG 283)
Aus tiefer Not schrei ich zu dir (EG 299)
Gott rufet noch (EG 392)

Predigtvorschläge zu Reihe II - Jes 1, 10-17

Liebe Gemeinde!
Der Prophet Jesaja ist sichtlich erzürnt. „Ihr Herren von Sodom!” und „Du Volk von Gomorra!” - Sodom und Gomorra sind bis heute der Inbegriff abgrundtiefer Sünde, und das waren sie auch damals schon. Die Geschichte vom Untergang der beiden Städte war allen Menschen vertraut. Gott hatte die Städte mit Feuer und Schwefel vernichtet – denn noch nicht einmal mehr zehn Gerechte waren in ihnen aufzufinden.
Die damals von Jesaja Angesprochenen waren sich allerdings keiner Schuld bewusst: sie hatten alles nach Vorschrift gemacht: die Opfertiere hatten keinen Makel, die Opferzeremonien wurden alle dem vorgeschriebenen Ritus gemäß durchgeführt, die von Gott selbst vorgeschriebenen Feste wurden ordnungsgemäß eingehalten und fröhlich gefeiert – es gab wahrlich keinen Grund zur Beanstandung!
Und doch: Gott beanstandete sie. Nicht, weil sie nicht ordnungsgemäß verliefen, sondern weil trotz all der Bemühungen um ein richtiges Verhalten etwas fehlte, was im letzten Satz unseres Predigttextes klar benannt wird:
Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

Was gelernt werden muss, ist zunächst einmal fremd. So wie kleine Kinder in einem mühsamen Prozess lernen, auf ihren Beinen zu stehen und zu gehen, so soll das Volk Israel lernen, Gutes zu tun und nach Recht zu trachten.
Ich kann mir vorstellen, dass Jesaja wegen solcher Vorwürfe sicher keinen guten Stand hatte. Denn mit seinen Worten impliziert er, dass nie jemand im Volk Gutes Gutes getan, den Waisen Recht geschaffen oder der Witwen Sache geführt hat. Das ist hart und eine sicher ungerechtfertigte Pauschalisierung.

Bloß gut, kann man nun sagen, dass wir ein ganz gutes Stück, d.h. etwa 2600 Jahre, von diesen Worten entfernt sind.
Bloß gut, dass Jesaja nicht uns meint, sondern das Volk Israel, das sich damals wie Sodom und Gomorra darstellte und in eklatanter Weise gegen die Ordnungen und Gebote Gottes verstieß.
Wir sind ja auch längst ab von den Opfern, die Gott so gar nicht mag, seit vielen Jahrhunderten werden keine Opfer mehr dargebracht. Und wir sind hilfsbereit, spenden regelmäßig, legen unser Dankopfer in den Klingelbeutel...
Moment! Dankopfer! Da klingelt doch etwas! Die will Gott doch bestimmt auch nicht mehr haben, oder? Dann können wir also auch getrost den Klingelbeutel an uns vorübergehen lassen. Jesaja ist da doch ganz hilfreich und macht uns das Leben ausgesprochen leicht und angenehm, könnte man meinen. Aber so ist es natürlich nicht gemeint.
Gewiss, wir sind nicht das Volk Israel von damals, das ist schon richtig. Aber im Grunde sind wir ihm sehr ähnlich. Denn wir bringen Gott unsere Dankopfer, z.B. in der Kollekte und im Klingelbeutel, und wir gehen ja regelmäßig in die Gottesdienste, und wir feiern die Feste – besonders Weihnachten!
[Der nachfolgende Absatz sollte den Gegebenheiten entsprechend angepasst werden!]
Gestern war ich dienstlich in Drübeck, und auf dem Rückweg kam ich an einem Haus vorbei, das rundum mit Lichterketten behangen und auf einer Fläche so groß wie das Gelände rund um den Kaiserdom seine Lichterketten ausspannte und eigentlich ein richtig schönes Lichterbild darstellte. Natürlich mit Rentier und Schneemann und Weihnachtsmann, alles in Licht dargestellt. Toll, dachte ich. Doch dann kamen mir andere Gedanken:
Es ist noch nicht mal Ewigkeitssonntag gewesen. Und warum eigentlich eine solche Festbeleuchtung? Das Bild erinnerte mich an eine Satire, in der davon erzählt wird, wie Nachbarn darum wetteifern, wer die beste und schönste Weihnachtsbeleuchtung am Haus hat. Am Ende bricht sogar das nahegelegene Atomkraftwerk zusammen, weil durch die Festbeleuchtung Unmengen Strom gesaugt werden. Nun, dort in der Nähe von Drübeck schien es keine Nachbarn zu geben, mit denen der Leuchter wetteifern konnte.
Ist das also unser Weihnachtsfest? Lichter überall, je kunstvoller arrangiert, desto besser und schöner?
Natürlich möchten wir es gerne schön haben, alles soll adrett aussehen, ob es nun Weihnachten ist oder Ostern, um nur die zwei herausragenden Feste zu nennen, die ja aber bei weitem nicht die einzigen sind.
Und so gewinnt das Äußerliche immer mehr an Bedeutung.
Genau das aber kritisiert der Prophet Jesaja. Obwohl alles nach Vorschrift geht, alles richtig und gut und schön ist, ist es doch falsch, denn es sind alles Äußerlichkeiten.
Und diese Äußerlichkeiten dürfen niemals das Entscheidende werden.
So gesehen merken wir schon, dass wir natürlich auch Angesprochene sind. Zwar werden die meisten zum Gottesdienst gehen, weil es ihnen ein inneres Bedürfnis ist, das von Herzen kommt. Aber was wird vom Gottesdienst erwartet? Dass er schön ist? Dass er einen anspricht? Positiv natürlich?
Oder will man auf Gott hören? Und ist man bereit, sich herausfordern zu lassen, oder – ich sage es mal so – sich gegen den Strich bürsten zu lassen?
Was erwarten wir von Gott, wenn wir ihm im Gottesdienst begegnen wollen? Dass er lieb ist? Dass er uns das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist?
Nach Jesaja dürften wir genau dieses Gefühl nicht bekommen. Denn es mag zwar mit uns alles gut sein und schön, aber in der Welt da draußen sieht es ganz anders aus, und es ist erstaunlich, wie schnell wir wieder in das Fahrwasser der Welt geraten und uns davon mitziehen und treiben lassen.
Aber wir sind Kinder Gottes und haben darum mit der Welt nichts zu tun, außer, dass wir sie verändern. Denn wir haben einen Auftrag: Gott und unseren Nächsten zu lieben.
Wenn wir hinausgehen, dann sehen wir nicht uns und unsere Bedürfnisse, sondern unseren Nächsten und seine Bedürfnisse. Wir fragen, was wir tun können, um zu helfen, und schauen nicht weg, wenn jemandem Unrecht geschieht.
Und das gilt nicht nur für die Menschen in unserer unmittelbaren Nähe, sondern natürlich auch für die Menschen in der ganzen Welt. Denn während es uns gut geht und wir Nahrung im Überfluss haben, sterben täglich immer noch hunderte von Menschen an Hunger. Über 800 Millionen Menschen leiden Hunger. 162 Millionen Kinder, die in Entwicklungsländern leben, sind chronisch unterernährt, so die Analyse des World Food Programms.
Unzählige Kinder können nie eine Schule besuchen, weil ihre Familien die Arbeitskraft ihrer Kinder brauchen und sich meist den Schulbesuch auch nicht leisten können.
Rd. 2,5 Millionen Menschen leben in sklavenähnlichen Verhältnissen, sie sind leibeigene, d.h. abhängig von der Gunst anderer.
Die Liste könnte immer weiter geführt werden und zeigt uns nur: die Welt, in der wir leben, braucht uns. Sie braucht unseren Einsatz für die Menschen, die hungern und im Elend leben. Sie braucht unseren Widerstand gegen Unrecht, Ausbeutung und Gewalt. Sie braucht unsere Liebe.
Das ist es, worauf uns der Prophet durch das Wort des Herrn hinweist. Das ist die Aufgabe des Volkes Gottes, zu dem wir durch Jesus Christus hinzugezählt sind.
Dass dazu auch das Gebet und das Opfer (womit ich jetzt den Klingelbeutel und die Kollekte und andere Spenden meine) gehören, ist eigentlich klar. Sie sind eine Form des Ausdrucks der Nächstenliebe. Sie dürfen nur nicht dazu dienen, uns ein ruhiges Gewissen zu machen und zu denken, wir hätten unsere Schuldigkeit schon getan.
Und so hören wir auch nicht auf, darum zu beten, dass sich diese Welt verändert, dass Gottes Liebe sichtbar werde an allen Enden und es niemanden mehr gibt, der sich einsam fühlt, weil da immer Menschen sind, die einem zur Seite stehen.

[Falls möglich, kann man ein ähnliches Bild oder das genannte für die Predigt heranziehen und den nachfolgenden Text entsprechend anpassen oder weglassen.]
Auf der Rückseite des Ablaufzettels sehen Sie einen Holzschnitt von Walter Habdank, der die Überschrift trägt: Kranken sich zuwenden. Man fühlt sich, vor allem durch den Esel im Hintergrund, erinnert an das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter.
Man kann regelrecht sehen, wie in dem Menschen, der sich um den Kranken kümmert, Freude aufsteigt, so als würde er für das, was er tut, belohnt. Zugleich ist aber offensichtlich, dass er keinen Lohn empfängt, denn der Kranke ist nackt, er hat nichts, was er zurück geben könnte, außer der tiefen Ruhe, die aus seinen Zügen zu erkennen ist.
Ich lasse uns ein bisschen Zeit, das Bild zu betrachten und darüber nachzudenken. Hören Sie in die Stille hinein – vielleicht hören Sie des Herren Wort.
Stille...
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Gott hat dir Christus, seinen Sohn (EG 145, 2-4.7)
Ach Gott und Herr (EG 233)
Ein reines Herz, Herr, schaff in mir (EG 389)
Gott rufet noch (EG 392)
Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt (EG 413, 1.2.6-8)

Predigtvorschläge zu Reihe M - Jona 3
Mt 12, 33-35(36-37)
Lk 13, 22-30
1. Joh 1, 5-2, 6

Zu 1. Joh 1, 5-2, 6

Liebe Gemeinde!
Der Gerichtssaal ist voll, Zuschauer stehen in den Gängen, die Türen sind geöffnet, damit auch die, die draußen stehen, miterleben und mithören können, was im Gerichtssaal vor sich geht. Lautsprecher sind außen angebracht, so dass alle das Verfahren mitverfolgen können. Presse und Fernsehen sind vertreten. Der Prozess hatte viel Aufsehen erregt, denn alle wussten: von dem Ausgang dieses Prozesses hing auch ihre eigene Zukunft ab. Mehrere Wochen lang waren tagtäglich Zeugen vernommen und Beweismittel erbracht worden, und nun sollte am letzten Tag das Schlussplädoyer gehalten werden. Nachdem der Richter für Ruhe gesorgt hat, erhebt sich der Ankläger.
»Euer Ehren«, beginnt er, »der Mann, um den es hier geht, hat grausamste Verbrechen begangen. Wir haben dazu Zeugen befragt. Wir haben Beweismittel erbracht, die deutlich gemacht haben, dass diese Person wehrlose Menschen ohne Rücksicht auf geltendes Recht hingerichtet hat. Er hat gefoltert und gemordet, er hat Experimente durchgeführt an Menschen, die seiner Gewalt ausgeliefert waren. Er zog in den Krieg gegen Andersgläubige, weil er sich vor ihnen fürchtete. Er vertrieb Menschen aus ihrer Heimat, nur weil er ihr Hab und Gut wollte. Er ist verantwortlich für die Arbeitslosigkeit in unserem Land, weil er nur an seine eigene Sicherheit und an seinen eigenen Reichtum denkt. Er hat sich bestechen lassen und damit unserer Wirtschaft enormen Schaden zugefügt. Er lässt täglich tausende von Menschen hungers sterben, anstatt sie von seinem eigenen Überfluss zu sättigen. Er produziert Giftstoffe. Er lädt hochgiftigen Müll in der Natur ab und gefährdet damit seine Mitmenschen. Die Natur wird so nachhaltig ausgebeutet und zerstört, dass wir fürchten müssen, dass unsere Nachkommen mangels Rohstoffen nicht mehr lange überleben werden.
Der Angeklagte hat die grausamste Waffe erfunden, die Menschen erfinden können: die Atombombe. Und nicht nur hat er sie erfunden, er hat sie sogar eingesetzt gegen Millionen von Menschen und damit unsägliches Leid über sie und ihre Nachkommen gebracht. Er lässt zu, dass Kinder an Krankheiten sterben, die leicht erfolgreich behandelt werden könnten, indem er ihnen die einfachsten Medikamente verweigert. Er ist schuldig des millionenfachen Mordes! Und darum beantrage ich, dass er selbst erleide, was er anderen so oft und ohne Skrupel zugefügt hat: den Tod!«
Der Ankläger setzt sich. Nun erhebt sich der Verteidiger und beginnt zu sprechen: »Euer Ehren, ich gebe zu, die Reihe der Zeugen und der Beweismittel war sehr beeindruckend. Selbst ich konnte mich ihrem Eindruck nicht widersetzen. All die Verbrechen, die hier in diesem Gerichtssaal bezeugt wurden, sind aufs tiefste verabscheuungswürdig. Wer sie begangen hat, soll die schwerste Strafe erleiden, die man sich denken kann.
Nur: mein Mandant hat dies alles nicht getan. Er ist ein unbescholtener Bürger. Er hat eine Frau und zwei Kinder, er geht seiner geregelten Arbeit nach und ist bei seinen Mitmenschen, den Kollegen und Nachbarn, sehr beliebt. Nie hat er sich etwas zuschulden kommen lassen.
Dazu kommt sein Alter: er ist 40 Jahre alt. Was hier an Zeugenaussagen und Beweismitteln zusammengetragen wurde, bezieht sich auf Personen und Ereignisse, die mit meinem Mandanten in keiner Weise in Verbindung stehen können, denn viele der Ereignisse, die hier erörtert und meinem Mandaten zur Last gelegt wurden, geschahen lange vor seiner Geburt. Mein Mandant kann doch nicht verantwortlich gemacht werden für Verbrechen, die noch vor seiner Geburt geschehen sind!
Er hat ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Diese Verbrechen gehen ihn nichts an. Er hat damit nichts zu tun. Darum darf man ihn damit auch nicht behelligen. Zerrt die vor Gericht, die diese Verbrechen begangen haben, und lasst meinen Mandanten nach Hause gehen und in Frieden leben.
Ich beantrage die Aufhebung des Verfahrens.«
Nun setzte sich der Verteidiger. Der Richter schaute den Angeklagten an, dann sagte er zu ihm: »Wollen Sie noch etwas zu Ihrer Verteidigung hinzufügen?«
Der Angeklagte erhob sich. Er war in der Tat ein unauffälliger Mensch mit einer freundlichen, symphatischen Ausstrahlung. Und dann sagte er: »Euer Ehren, in diesem Verfahren wurde mir bewusst, wie grausam Menschen gegeneinander sein können. Es war mir unvorstellbar, dass Menschen zu solcher Brutalität fähig sind. Auch wenn ich selber diese Greueltaten nicht begangen habe, spüre ich doch, dass ich verantwortlich bin, nicht so sehr durch mein Handeln, sondern dadurch, dass ich nichts getan habe, dass ich geschwiegen habe, dass ich blind an dem Elend vorbeigegangen bin, dass ich nichts gesagt habe, wenn Greueltaten verherrlicht wurden. Ich erkenne, dass ich schuldig bin an diesen Verbrechen. Ich weiß, dass ich das Geschehene nicht wieder gut machen kann. Ich will mich aber einsetzen dafür, dass solches Unrecht nicht mehr geschieht. Ich will nicht mehr blind durch die Welt gehen, und mich denen nicht verweigern, die meine Hilfe brauchen. Aber die Schuld der Verbrechen, die begangen wurden, lastet schwer auf mir. Ich sehe keine andere Möglichkeit: Ich befehle mein Schicksal der Gnade des Gerichtes an.«
Der Richter erhob sich und verließ den Saal. Der Verteidiger verabschiedete sich von dem Angeklagten: »Wenn sie sich selbst schuldig sprechen bei einem so verrückten Prozess, dann kann ich Ihnen auch nicht mehr helfen. Das hat ja noch niemand getan, die Gnade des Gerichts angerufen. Damit werden sie wohl nicht viel Glück haben. Ich will nicht dabei sein, wenn das Urteil verkündigt wird.« Und er ging.
Nach einer Stunde kam der Richter wieder. Alle Menschen erhoben sich zur Verkündigung des Urteils. Der Richter sprach: »Im Namen Gottes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird freigesprochen.« Ein Raunen ging durch die Menge. Das hatte wohl niemand erwartet. »Das Urteil wird wie folgt begründet: Der Angeklagte hat sich in seinen Schlussworten der Gnade dieses Gerichtes anbefohlen. Damit hat er in Anspruch genommen, was ihm zusteht: die Vergebung Gottes. Obgleich es erwiesen war, dass der Angeklagte Verantwortung trägt für die Verbrechen der Menschheit, indem er sie verschwiegen und auch mit seinem Schweigen zugelassen hat, hat das Gericht erkannt, dass die Reue des Angeklagten aufrichtig ist. Er hat sich nicht dem Gesetz unterworfen, sondern der Gnade Gottes, die jedem Menschen zuteil wird, der sich Gott zuwendet.
Mit diesem Urteil wird nicht ungeschehen gemacht, was geschehen ist. Das Gericht geht aber davon aus, dass der Angeklagte nun seine Freiheit dazu nutzen wird, in Zukunft ähnliche Verbrechen zu verhindern bzw. geschehenes Unrecht weiterzusagen, damit solche Dinge nicht wieder vorkommen.«
Der Richter verließ den Saal. Die Zuschauer wandten sich dem Ausgang zu und zerstreuten sich langsam. Der Freigesprochene aber blieb noch eine Weile sitzen. Als es still um ihn geworden war, holte er ein Buch aus seiner Tasche. Es war die Bibel. Zwischen den Seiten lag ein Lesezeichen. Er nahm es heraus und las noch einmal die Stelle aus dem 1. Brief des Johannes, die ihn während der vergangenen Tage immer wieder beschäftigt hatte:
Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.
An diesem Tag war es hell geworden im Leben des Freigesprochenen. Die Worte des Johannes waren Wirklichkeit für ihn geworden. Das Leben hatte ganz neu begonnen.
Amen