das Kirchenjahr

1. Sonntag nach dem Christfest

Der Heiland der Völker

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe III - Lk 2, (22-24) 25-38 (39-40)

Liebe Gemeinde! Eine Frau, nennen wir sie Frau Huber, hatte eine Busreise gebucht nach Tirol. Sie hatte ihren Koffer gepackt und machte sich auf zur angesagten Bushaltestelle, wo der Reisebus sie abholen sollte. Etwa 30 Minuten vor der Zeit war sie dort. Noch war niemand sonst dort, aber das änderte sich bald. Eine junge Frau, ein älteres Ehepaar, sogar eine Famiele mit zwei Kindern, aber die meisten waren doch eher in ihrem Alter, so zwischen 60 und 70 Jahren.
Frau Huber beobachtete gerne all dcie anderen, die ihre Vorfreude auf ganz unterschiedliche Weise zu Ausdruck brachten.
Doch langsam merkte sie auch, dass die Vorfreude einer Ungeduld wich. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass die vereinbarte Zeit schon überschritten war. Sie sah, wie die anderen immer wieder auf ihre Uhr schauten und tuschelten, bis einer etwas lauter sagte: „Na, nun müsste er ja endlich kommen”.
Aber es war kein Bus zu sehen. „Wer weiß, ob vielleicht eine Baustelle auf dem Weg ist?”, fragte eine andere eher rhethorisch. „Oder er ist in einem Stau stecken geblieben.”, meinte ein anderer.
„Aber damit muss man doch auch rechnen. So eine Verspätung habe ich noch nicht erlebt.”
In der Tat, es war jetzt schon eine gute halbe Stunde nach der Zeit. Frau Huber beobachtete, wie einer der Wartenden seinen Koffer nahm und sich davon machte. „Unerhört, so was!”, hörte sie ihn noch sagen. Und dann machte sich der Nächste auf den Weg. Die Kinder fingen an zu weinen, als ihnen klar wurde, dass der Bus wohl doch nicht kommen würde. Sie hatten sich wohl sehr auf den Familienurlaub gefreut. Aber nun machte sich auch die Familie auf den Heimweg, und ihnen folgten nach und nach alle anderen, bis auf Frau Huber, die, als erste gekommen, als letzte zurück blieb. Auch sie war enttäuscht, aber sie konnte nicht glauben, dass der Bus nicht doch noch kommen würde.
Schließlich, als es schon Abend wird, geht auch sie wieder nach Hause.
Jeden Tag treibt es sie seitdem mit ihrem Köfferchen zur Haltestelle. Sie wartet auf diesen Bus, der nicht gekommen ist. Sie rechnet fest damit, dass er doch noch kommen würde.
Alle, die sie kennen, glauben, dass die Sehnsucht nach Tirol sie so verwirrt habe, dass sie nicht mehr die Realität in ihrer ganzen Tragweite begreifen kann. Aber das stört sie nicht. Sie gibt nicht auf und wartet unbeirrt, Tag für Tag, auf den Bus, der sie zu ihrem so ersehnten Ziel bringen würde.

Das Verhalten von Frau Huber verdeutlicht uns vielleicht ein bisschen das Verhalten des frommen Simeon. Er hatte die heilige Schrift gelesen, und er wusste, dass das Heil des Volkes Israel kommen würde.
Nur wusste er nicht, wann. Das einzige, was er wusste, war: er würde den Heiland sehen, bevor er stirbt. Jeden Tag ging er darum zum Tempel und wartete. Er gab die Hoffnung nicht auf, er vertraute auf diese Verheißung. Er redete darüber auch mit anderen, die ihn leise belächelten und glaubten, dass ihn das Alter etwas verwirrt habe. Denn alt war er geworden.
Aber Gott steht zu seinem Wort. Der Geist sagt Simeon, er solle nun wieder zum Tempel gehen. Dort begegnet er Maria und Josef und dem Kind.
Er nimmt das Kind auf seinen Arm und beginnt, Gott zu preisen und zu loben: »Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.«
Er hält da also ein kleines Baby auf dem Arm, und das ist es. Sicher haben ihn manche für gänzlich verrückt gehalten. Woher soll er wissen, dass dieses kleine Kind der Messias ist? Denn das Kind unterschied sich doch durch nichts von den anderen, die tagtäglich zum Tempel gebracht wurden. Auch die Eltern waren nichts Besonderes.
Simeon wusste es, weil der Geist es ihm offenbart hatte.
Und das soll alles gewesen sein? So ein kleines Kind? Und nun kann er in Ruhe sterben?
Es ist, als hätte Frau Huber den Bus, der sie mit nach Tirol nehmen sollte, auf einer anderen Straße vorbeifahren sehen, ohne anzuhalten, ohne sie mitzunehmen. Das hätte sie doch eher zutiefst traurig gemacht!
Ein Blick war diesem Mann Simeon vergönnt gewesen. Er hatte das Kind auf dem Arm gehalten, aber das Kind hatte die Erlösung noch lange nicht bewirkt. Es war ein einfaches, harmloses Kind.
Simeon genügt es. Er kann nun sterben. Er weiß, dass Gott seine Verheißung erfüllen wird. Er hat den Frieden gefunden, nach dem er sich gesehnt hat.
Ich denke, dass wir uns in einer ganz ähnlichen Situation befinden wie dieser Simeon.
Wir haben das Kind gesehen. Es liegt hier vor uns, in der Krippe. Wir wissen, dass dieses Kind der Heiland ist. Und doch ist noch manches von dem, was dieses Kind bewirken soll, nicht in Erfüllung gegangen. Der wunderbare Friede, von dem die Propheten gesprochen haben, steht noch aus. Noch bedrängen Hunger und Elend die Menschen. Es herrscht in vielen Ländern Krieg, dem unzählige unschuldige Menschen zum Opfer fallen. Krankheiten machen das Leben schwer.
Ja, wir warten. Wir warten auf den Heiland. Und doch haben wir ihn schon gesehen.
Simeon stand in dieser Spannung: Er hatte den Heiland gesehen, aber er würde nie erleben, wie dieser Heiland das Heil in die Welt bringt. Dennoch war es ihm genug.
Kann es uns genug sein?
Es gibt so viel, das besser werden muss. Warum können Menschen nicht mehr Vertrauen zueinander gewinnen? Warum müssen Regierungen immer wieder Kriege anzetteln? Warum sind die Nahrungsmittel in unserer Welt so ungerecht verteilt? Warum häuft sich der Reichtum unserer Welt bei immer weniger Menschen? Das muss doch so nicht sein.
Sicher müssen wir uns dafür einsetzen, dass es in dieser Welt gerechter zugeht, dass keine Menschen mehr verhungern und Kriege endlich ein Ende nehmen. Sicher müssen wir uns für den Frieden einsetzen, aber es ist klar, dass wir das mit unserer begrenzten Kraft nicht schaffen können. Mich bedrückt das. Ich möchte gerne mit einem Fingerschnippen dem Elend ein Ende machen, aber es ist harte Arbeit, die selbst viele Menschen nicht bewältigen können.
Da ist die Erfahrung dieses Simeon ein Trost. »Nun lässt du mich in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.«
Ich werde nicht erreichen, was ich mir von Herzen wünsche. Ich werde die Kriege nicht beenden können, ich werde dem Hunger kein Ende machen können, ich werde den Reichtum nicht gerechter verteilen können. Aber ich weiß: der, der das kann, ist gekommen. Er wird es tun zu seiner Zeit. Und so lange tue ich, was in meinen Kräften steht. Am Ende aber kann auch ich sagen, so wie der alte Simeon:
»Herr, nun lässt du mich in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.«
Amen
oder
Liebe Gemeinde!
Manchmal wünschte ich mir, damals zu leben, zur Zeit Jesu, und seinen Fußstapfen folgen zu können. Wäre das nicht wunderbar? Direkt aus seinem Munde die Worte zu hören, die wir nur nachlesen können, und dazu seine Ausstrahlung zu spüren und zu sehen, wie er Kranke heilt?
Ich wünschte mir manchmal, mit eigenen Augen zu sehen, wie er Sturm und Wellen gebietet, oder wie er den Lazarus von den Toten auferweckt.
Aber es ist wohl vermessen, so etwas zu wünschen. Und wenn ich es mir genau überlege: alles, was damals geschah, möchte ich auch nicht mitmachen müssen.
Ich möchte nicht die Zweifel haben, die sicher die Jünger gequält haben, als sie sahen, wie Jesus seinem Tod entgegen ging. Ich möchte nicht, auch nicht von ferne, zusehen müssen, wie er am Kreuz stirbt, ohne zu wissen, dass damit das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Aber so ist es den Jüngerinnen und Jüngern ja damals ergangen. Sie hatten zwar das Privileg, ihn leibhaftig vor sich zu sehen, aber dafür gab es unzählige Zweifel, Ängste, unerfüllte Hoffnungen.
Nicht nur anfangs, nicht nur die ersten Monate, sondern über Jahre und Jahrzehnte, ja, über Jahrhunderte hinweg war man sich nicht einig, wer oder was Jesus nun eigentlich war. Gottes Sohn? Aber wenn, wie war das möglich? Wie konnte er dann am Kreuz sterben?
Als Lukas sein Evangelium aufschrieb, mussten ihn ähnliche Fragen wohl auch umgetrieben haben. Er hatte sorgfältig recherchiert, so schreibt er am Anfang seines Evangeliums, und nun gab er wieder, was er empfangen hatte von denen, „die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind.“ (Lk 1, 2b)
Dazu gehört dieser schon etwas merkwürdige Abschnitt, der von dem berichtet, was sich 33 Tage nach der Geburt Jesu ereignete.
Jesus wird als erstgeborener Sohn dem Herrn dargestellt, und Maria bringt das vorgeschriebene Opfer für ihre Reinigung dar.
Dort wartet Simeon, ein alter Mann, Symbol für die Sehnsucht des Volkes Israel nach dem Messias, der schon so viele Jahrhunderte vorher angekündigt worden war.
Simeon ist fromm, und er wusste eins, denn es war ihm vom Heiligen Geist gesagt worden: du wirst den Tod nicht sehen, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.
Darauf vertraute er. Woher er nun die Gewissheit hatte, dass das, was ihm da gesagt war, oder von dem er meinte, dass es ihm gesagt war, auch wirklich vom Heiligen Geist, also von Gott, stammte, wird nirgends gesagt. Es ist eben so.
Niemand wagte damals, ihn einen Spinner zu nennen. Vielleicht schüttelte der eine oder die andere den Kopf über ihn, aber sie respektierten seine Erwartung, seine Hoffnung.
Er kam an diesem Tag auf Anregen des Geistes in den Tempel.
Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich mich aus irgendeinem Grund plötzlich aufmachte und dann etwas geschah, wovon ich hinterher nur sagen kann: Da hat Gott seinen Segen ausgebreitet?
Aber ich hätte vorher nie sagen können: da treibt mich der Heilige Geist. Es sind banale Dinge, weswegen ich mich in Bewegung setze oder auch, weswegen ich es etwas später tue, als ich mir eigentlich vorgenommen hatte – woraus dann eben dies kleine Wunder entsteht, das den Segen Gottes sichtbar werden lässt.
Auch hier ist es ja so: Lukas weiß es nur im Nachhinein: da trieb ihn der Geist in den Tempel.
Er begegnet dem Kindlein und seinen Eltern.
Es gibt für ihn kein Vertun: dieser ist der Messias. Eine Gewissheit, die kaum nachzuvollziehen ist. Woher kann er sich so sicher sein? Nichts zeichnet dieses Kindlein aus. Es hat sicher keinen Heiligenschein um den Kopf, wie es später auf Gemälden oft dargestellt wird.
Wer weiß, ob nicht gleichzeitig ein anderes Paar auch zum Tempel kam? Ist es so unwahrscheinlich, dass noch andere Kinder am Tag der Geburt Jesu geboren wurden? Sie alle, soweit es erstgeborene Jungen sind, würden an diesem Tag zum Tempel gebracht.
Aber Nichts verunsichert den alten Simeon. Er geht direkt auf das Paar zu, nimmt den kleinen Jesus auf seine Arme – etwas, was ich wahrscheinlich an Stelle der Mutter gar nicht erlauben würde – und beginnt seinen Lobgesang:
Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
den du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht, zu erleuchten die Heiden
und zum Preise deines Volkes Israel.

Seit vielen Jahrhunderten haben diese Worte ihren Platz in den Tagzeitengebeten gefunden. Jeden Abend werden sie auch heute noch vielfach nachgebetet.
Warum eigentlich? Wer kann das denn heute von sich sagen, den Heiland Gottes gesehen zu haben?
Nun, sicher ist es nicht so geschehen, wie es Simeon selbst erlebt hat. Wir konnten kein Kind auf den Arm nehmen und zugleich wissen, dass dieses Kind ein Licht sein würde, das die Heiden erleuchtet und das Volk Israel preisen wird.
Aber wir haben dennoch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel sehen wir Christus in der Feier des Heiligen Abendmahles: Brot und Wein – Leib und Blut Christi.
Wir sehen ihn auch in vielen Abbildungen, was aber, zugegeben, nicht wirklich zählen muss.
Am wichtigsten aber ist wohl: wir sehen ihn in unserem Nächsten, indem wir uns an die Worte erinnern, die er in einem Gleichnis zu uns sagte: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Die Geschichte vom Schuster Martin von Leo Tolstoi veranschaulicht dies in schöner Weise:
Martin ist ein Schuster, dessen Dienste gern in Anspruch genommen werden, weil er sorgfältig arbeitet und nicht zu viel Geld nimmt. Er liest täglich in der Bibel. Eines Tages, als er wieder die Bibel zur Hand nimmt, hört er eine Stimme: „Martin, ich will zu dir kommen.“ Ob das Jesus war, der zu ihm gesprochen hatte?
Am nächsten Tag kamen, wie eigentlich immer, viele Menschen in seinen kleinen Kellerraum, um Schuhe zum Flicken abzugeben oder fertig gewordene Schuhe abzuholen. Doch sah er an diesem Tag auch einen Mann mit alten Soldatenstiefeln, der den Schnee beiseite schippte und dabei an die Grenze seiner Kraft kam. Da lud ihn Martin in seine Stube ein: „Komm und wärme dich.“, gab ihm etwas Warmes zu trinken.
Wenig später sah er durch sein kleines Kellerfenster eine Frau im dünnen Kleid, die versuchte, ihr Kind zu wärmen. Er rief sie herein, gab ihr von der Suppe, die er für sich selbst gekocht hatte, und kümmerte sich um das Kind.
Als sie gegangen war, sah er, wie ein Junge einer Marktfrau einen Apfel aus dem Korb gestohlen hatte. Die Marktfrau hatte den Jungen aber erwischt und hielt ihn an den Haaren fest: „Ich bringe dich zur Polizei“, rief sie wütend. Martin, dem der dünne und spärlich bekleidete Junge leid tat, ging hinaus und sprach beruhigend zu der Frau: „Lass ihn doch laufen. Ich will dir den Apfel bezahlen.“ Da entschuldigte sich der Junge und half der Marktfrau, den schweren Apfelkorb zu tragen.
Als der Schuster Martin wieder in der Bibel las, hörte er wieder eine Stimme: „Martin, ich bin bei dir gewesen. Hast du mich gesehen?“ Verwundert fragte Martin: „Nein, wann bist du bei mir gewesen?“. „Schau dich um“, erwiderte die Stimme.
Martin erhob seine Augen und erkannte im Schein der Kerze den alten Mann, die Frau mit dem Kind und den Jungen mit der Marktfrau. Dann waren sie verschwunden. Als er wieder in die Bibel schaute, las er die Worte Jesu: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Den Heiland können wir auch heute sehen, jeden Tag. Es bedarf keiner allzu großen Anstrengung. Es genügt, offen zu sein für diese Begegnung, die Gott uns ermöglichen will, jeden Tag auf's Neue. Denn auch uns spricht er zu:
„Heute will ich zu dir kommen.“
Ob wir dafür bereit sind? Oder lieber doch wegschauen, wenn das Elend und die Not der Menschen uns vor Augen gestellt werden?
Denn die Begegnung mit Jesus kann zu einer Herausforderung werden. Jesus scheidet die Geister – das wird in den folgenden Worten des Simeons, die er an Maria richtet, deutlich. Auch wenn hier von Israel geredet wird, wäre es fatal, wollten wir mit dem Finger auf das Volk Israel zeigen und nicht zugleich auch uns selbst prüfen.
Jesus wird zu einem Zeichen, dem widersprochen wird: auch heute, auch hier geschieht es immer wieder, oft ganz unmerklich.
Jesus will auch uns begegnen. Öffnen wir unsere Augen, damit wir ihn nicht übersehen, wenn er vor uns steht und Einlass begehrt.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Es kommt ein Schiff, geladen (EG 8)
Gott sei Dank durch alle Welt (EG 12)
Nun singet und seid froh (EG 35)
Wunderbarer Gnadenthron (EG 38)
Jesus ist kommen (EG 66)
Im Frieden dein, o Herre mein (EG 222, 1.3)
Ja, ich will euch tragen (EG 380)
Mit Fried und Freud fahr ich dahin (EG 519)
Wenn mein Stündlein vorhanden ist (EG 522)
Herr, wir stehen Hand in Hand (NB-EG 602)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - 1. Joh 1, 1-4

Den Predigttext aus dem 1. Brief des Johannes möchte ich Ihnen noch einmal in eigenen Worten vortragen, denn Luthers Übersetzung ist zwar genial, aber es fällt schwer, den Sinn zu erfassen, wenn man sie nur einmal hört und nicht auch vor Augen hat.
Was von Anfang an war, das verkündigen wir euch. Denn das haben wir gehört. Wir haben es auch mit unseren eigenen Augen gesehen, wir haben es betrachtet und mit unseren Händen betastet: Es ist das Wort des Lebens. Und dieses Leben ist uns erschienen. Darum bezeugen wir es und verkündigen es euch: das ewige Leben! Denn wir möchten, dass ihr so wie wir dieses Wort des Lebens annehmt, damit wir untereinander und mit Gott, dem Vater, und seinem Sohn Jesus Christus Gemeinschaft haben.
Das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen wird.


Das ist schon ein merkwürdiger Text. Wenn der Verfasser des Briefes noch leben würde, würde ich ihm wohl einen Brief schreiben, etwa so:
Lieber Bruder in Christus, Johannes!
Was willst du uns eigentlich mit deinem Brief mitteilen? Es kommt mir alles etwas merkwürdig vor, ich möchte fast sagen: konstruiert. Du hast sicher lange nach Worten gerungen, bis du die richtige Formulierung gefunden hattest und niederschreiben konntest. Ich möchte nicht wissen, wie oft du neu angefangen hast. Vermutlich hast Du lange vor dem leeren Blatt Pergament gesessen, denn geschrieben hast du sicher erst, als du wusstest, dass du es so stehen lassen kannst. Schließlich ist Pergament sehr teuer.
Der Anfang deines Briefes erinnert mich an den Anfang des Johannes-Evangeliums: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. So heißt es da. Und du schreibst: Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben...
Das klingt schon sehr ähnlich, aber es ist doch ganz anders. Du legst Wert darauf, dass das Wort sichtbar geworden ist. Es ist nicht Wort geblieben. Aber so steht es ja auch im Johannes-Evangelium: Das Wort wurde Fleisch und wohnte mitten unter uns. Auch hier scheint also eine Verwandtschaft zu bestehen.
Und doch klingt alles etwas anders. Denn Deine Worte laufen auf etwas anderes hinaus. Im Johannes-Evangelium erscheint es mir, dass das Wort immer isoliert, für sich, steht - gewissermaßen als Einzelkämpfer, über alle anderen erhaben. Es ist niemand da, der mit ihm geht und ihn auf seinem Weg begleitet. Natürlich gibt es da die Jüngerinnen und Jünger, aber sie sind nur Schüler, die zum Meister aufblicken. Dieser Meister, Jesus Christus, stellt im Johannes-Evangelium die Mitte, oder besser sogar, den Gipfel dar, zu dem sich alle empor begeben wollen. Es dreht sich alles um ihn, um diesen Mittelpunkt.
Aber der Anfang Deines Brief, lieber Johannes, läuft auf etwas anderes hinaus: es ist die Erfahrung des Wortes. Du betonst, dass du das Wort gesehen und gehört, ja, auch berührt hast. Worte kann man zwar nicht berühren, aber wir wissen ja, dass Du Jesus damit meinst, unseren Heiland. Er ist dir ganz nah gekommen, du hast Gemeinschaft mit ihm - so verstehe ich deine Worte. Und du willst, dass auch wir, die wir deinen Brief lesen, diese Gemeinschaft erleben.
Da frage ich mich dann doch, wie soll das gehen? Du bist einer seiner Jünger gewesen, du hast ihn wirklich gesehen und berührt, die Erfahrung ist für dich ganz leibhaftig gewesen. Aber ich?
Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich mir diese Erfahrung wünsche? Ich würde unheimlich gerne auch einmal, ein einziges Mal nur, und sei es nur für Sekunden, ihm gegenüber stehen. Ich sehne mich nach solch einer leibhaftigen Begegnung mit dem Wort. Ich hätte so viele Fragen und wüsste doch, dass ich sie dann nicht mehr stellen bräuchte.
Aber weil mir das nicht möglich ist, darum kann ich deine Begeisterung nicht ganz nachvollziehen. Ja, ich bin schon etwas neidisch, und wenn ich versuche, es nicht zu sein, habe ich dennoch das Gefühl, ein zweitrangiger Nachfolger von Jesus zu sein. Ich denke, du verstehst, was ich meine?
Der Friede Gottes möge dich bewahren!
Dein Bruder im Herrn, Martinus

Johannes würde vielleicht so auf meinen Brief antworten:

Lieber Bruder im Herrn, Martinus,
Ich danke dir sehr für deinen Brief. Du hast Recht, ich habe lange vor dem frischen Pergament gesessen und überlegt, wie ich anfangen soll. Ich habe immer wieder meine Gedanken verworfen und neu angesetzt, bis schließlich, so glaube ich, mich Gottes Geist erfasst hat und mir die rechten Worte zeigte. Dann konnte ich schreiben.
Ich habe meinen Brief nicht mehr vor Augen, ich habe ihn ja an die Gemeinde abgeschickt, aber ich glaube, dass er mir gut gelungen ist.
Doch das nur am Rande. Ich sehe nämlich, dass Du mein Anliegen durchaus verstanden hast: ich will, dass wir alle gemeinsam die Gemeinschaft mit unserem Herrn Jesus Christus erfahren und uns in dieser Gemeinschaft einander stärken und stützen.
Du sagst, du bist neidisch auf mich? Warum denn? Weil du meinst, ich hätte unseren Herrn Jesus leibhaftig gesehen, wäre einer seiner Jünger gewesen? Lieber Martinus, Du müsstest doch wissen, dass das nicht wahr ist. Ich war noch gar nicht geboren, als unser Herr auf Erden gewandelt ist, als er gekreuzigt und ins Grab gelegt wurde und schließlich am dritten Tage von den Toten auferstand.
Mein Vater wurde in jener Zeit geboren. Seine Mutter, meine Großmutter, hatte ihm erzählt, dass sie mit ihm zu Jesus gegangen war, damit er ihn segnete. Seitdem hat er unserer Familie keine Ruhe mehr gelassen, bis alle getauft waren. Diese eine Begegnung mit ihm hatte gereicht, um das Leben meiner Großeltern derart zu verändern. Ich wurde dann geboren, als Paulus in Ephesus war und dort den großen Aufruhr verursachte.
Du siehst, ich bin mitnichten einer von denen, die Jesus leibhaftig gesehen haben. Aber, das kann ich dir versichern: ich habe dennoch das Wort berührt. Denn es hat mich zuerst berührt. Ich habe es auch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie es unter den Menschen gewirkt hat. Es hat auch mich ergriffen, mit aller Macht hat es mein Herz umfasst, und ich habe gespürt: ihm gehöre ich, und niemandem sonst.
Das ist meine Begegnung mit dem Wort. Sie hat sich oft wiederholt, z.B. jedesmal, wenn ich anderen Christen begegnet bin, die mir von ihren eigenen Erfahrungen erzählt haben. Glaube mir, es tut gut, so etwas zu hören, auch wenn die Umstände, in denen Gott wirkt, manchmal sehr traurig sind. Jedesmal wurde mir klar: er ist da, er wirkt unter uns, er ist lebendig und leibhaftig gegenwärtig, er, der Ewige, der Auferstandene, der Erhabene.
Darum betone ich die Gemeinschaft untereinander. Es ist so wichtig, dass wir Christen miteinander reden über unsere Erfahrungen des Wortes - wie es uns geholfen hat in schweren Situationen, wie es uns fröhlich gemacht hat, wie es uns geführt hat.
Nur wenn wir diese Gemeinschaft erhalten, können wir auch am Leben teilhaben, das uns durch das Wort geschenkt ist. Aber Du hast es ja selbst erfahren.
Glaube mir, du bist nicht zweitrangig. Wir, die wir von der Botschaft der Liebe ergriffen sind, sind alle ebenbürtig.
Noch ein Rat: Feiere das Mahl des Herrn, so oft du kannst. Denn nirgendwo sonst kannst Du die Gemeinschaft mit dem Herrn so deutlich erfahren wie im Brotbrechen und in der Gemeinschaft des Gebets.
Und wenn Du genau hinschaust: vielleicht erkennst du auch mich unter denen, die mitfeiern.
Die Liebe Gottes sei mit dir!
Dein Bruder im Herrn, Johannes

Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Gelobet seist du, Jesu Christ (EG 23)
Lobt Gott, ihr Christen allegleich (EG 27)
Es ist ein Ros entsprungen (EG 30)
Dies ist die Nacht, da mir erschienen (EG 40)
Jesu, meine Freude (EG 396)
Stern über Bethlehem (HN-EG 542; NB-EG 544)

Predigtvorschläge zu Reihe VI - Joh 12, 44-50

Liebe Gemeinde!
Erinnern Sie sich noch an das, was ich vor zwei Tagen predigte? Oder an das, was in der Christnacht gepredigt wurde? Oder an das, was ich zu meiner Einführung predigte?
Vielleicht erinnern Sie sich noch an meine Predigt zum Vorstellungsgottesdienst, als am Abend des gleichen Tages die deutsche Fußballweltmeisterschaft den Weltmeistertitel errang?
Und wenn Sie da nicht hier im Kaiserdom waren – vielleicht haben Sie woanders eine Predigt gehört; erinnern Sie sich an das, was da gesagt wurde?
Vielleicht ist ja tatsächlich das eine oder andere hängen geblieben, aber ich vermute, dass es doch eher nur Gedankenfetzen sind. Mir geht es jedenfalls so.
Meist erinnere ich mich sehr deutlich an die Dinge, über die ich mich ärgerte, aber nicht an die, die mich angesprochen haben und mir auch Kraft gegeben haben. Davon bleibt eher nur ein gutes Gefühl zurück, das mich durchträgt für die nächsten Tage.
Deswegen – aber nicht nur deswegen – feiern wir ja auch jeden Sonntag Gottesdienst, um den Zuspruch immer auf's Neue zu hören, gewissermaßen zu erneuern, damit wir immer neu spüren, was uns hebt und trägt.

Und wie war das mit den Menschen, die damals Jesus nachfolgten und seine Predigten hörten? Hatten die nicht auch das gleiche Problem? Täglich hat er gepredigt, oder Fragen beantwortet, und immer kam etwas Wissenswertes aus seinem Mund. Das ist natürlich Nahrung für die Seele und hat man sicher gerne angenommen.
Aber wie kann man das im Gedächtnis behalten, diese Fülle von Gedanken?
Sicher, damals waren die Menschen viel geübter im Auswendiglernen, denn es gab kaum Bücher, und vieles wurde sowieso nur mündlich überliefert. Da brauchte man ein gutes Gedächtnis, um alles zu bewahren.
Ich versuche, mir vorzustellen, wie das wohl mit der Bergpredigt gewesen ist. Wie konnte man sich die Seligpreisungen alle merken? Das ging doch eigentlich nur, indem mehrere gemeinsam versuchten, ihre Erinnerungen zusammenzufügen und zu einem Ganzen zu machen. Und dann waren da ja noch all die anderen Reden, die zur Bergpredigt gehören und die sich in unseren recht eng bedruckten großen Bibeln auf immerhin vier Seiten erstrecken.
Das kann man doch nicht alles auf einen Schlag auswendig lernen. Immer wird etwas verloren gegangen sein, oder es änderte sich, unmerklich vielleicht, aber doch hier und da ein bisschen, wenn es weitergegeben wurde.
Darum hatte man dann ja auch, als die Gefahr drohte, dass sich das mündlich Überlieferte immer mehr verselbständigte, zu Papier und Feder gegriffen und begonnen, alles aufzuschreiben; zuerst nur einzelne Geschichten und Reden von Jesus, und später dann in der Form von Evangelien, die seinen Lebensweg und vor allem seine Lehre nachzeichneten.
Das können wir jetzt nachlesen und uns vertraut machen, so dass wir schon behaupten können, Jesu Lehre ganz gut zu kennen. Ja, man kann sie sogar auswendig lernen, denn wir haben sie ja gedruckt vor uns, da ändert sich nichts mehr.
Aber ist das, was wir in der Bibel nachlesen können, wirklich alles?
Wir waren nicht Jesu Weggenossen. Wir haben nicht erlebt, wie er war, wie er wirkte. Und wir können uns leicht vorstellen, wie das ist, wenn uns etwas Unglaubliches von einer Person berichtet wird, die wir nicht kennengelernt haben. Möchten wir sie nicht erst kennenlernen, bevor wir diesem Bericht Glauben schenken?
Nun, das ist nicht möglich. Wir müssen uns mit den Berichten aus den Evangelien zufrieden geben – und mit dem Heiligen Geist. Und da spielt das Evangelium des Johannes am heutigen Tag eine besondere Rolle, denn aus dessen 12. Kapitel stammt unser Predigttext:
Jesus rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll. Und ich weiß: sein Gebot ist das ewige Leben. Darum: was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat.
(Joh 12, 44-50)
Das Wort, das ich geredet habe“, sagt Jesus und stellt uns damit vor ein Rätsel. Welches Wort meint er?
Das Johannes-Evangelium ist natürlich voll von solchen Worten Jesu, die uns eigentlich alle nachdenklich werden lassen, denn sie sind auf Anhieb ungefähr genauso schwer nachzuvollziehen wie unser Predigttext. Man möchte immer wieder „Moment, noch einmal bitte!“ dazwischen rufen, damit man es besser verstehen kann. Aber wir können ja noch einmal nachlesen. Doch das verkneife ich mir jetzt einmal.
Das Wort spielt im Johannes-Evangelium eine große Rolle. Es steht schon ganz zu Beginn, wo es heißt: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1, 1)
Da müsste man jetzt über die Bedeutung des Wortes „Wort“ philosophieren, denn in der griechischen Philosophie war das hier verwendete Wort alles andere als nur ein Wort. Es hatte eine vielfältige Bedeutung, ihm wurden tatsächlich auch göttliche Qualitäten zugesprochen, eine gewisse Selbständigkeit oder Unabhängigkeit wohnte ihm inne.
Goethes Faust hatte dementsprechend seine liebe Not damit, als er sich hinsetzte und das Johannes-Evangelium aus dem Griechischen zu übersetzen versuchte. Da redet der Dr. Faust mit sich selbst:
Geschrieben steht: „im Anfang war das Wort!“
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabey nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! auf einmal seh ich Rath
Und schreibe getrost: im Anfang war die That!

(J.W. v. Goethe, Faust 1. Teil)
So ringt der Dr. Faust um die Bedeutung des Wortes. Und so fragen auch wir: was ist hier eigentlich gemeint? Meint Jesus nicht in Wahrheit sich selbst, wenn er vom Wort spricht? Schließlich fängt seine Rede ja auch genau so an:
Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat.“ (Joh 12, 44)
Auch wenn er die Richtung gleich ändert und auf den, der ihn gesandt hat – also Gott selbst – hinweist, so geht es doch um seine Person und nicht nur um das, was er geredet hat. Denn immerhin hat er ja nur 2 Kapitel vorher gesagt: „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10, 30)
Es geht um den Glauben an ihn. Dabei wird in dem, was er sagt, deutlich, dass jedem Menschen die Freiheit gegeben ist, selbst zu entscheiden, welche Weg er gehen möchte. Aber es wird auch erkennbar, dass alle Menschen wissen können, dass es bei Jesus um mehr geht als nur ein paar Worte; dass es vielmehr um das Leben schlechthin geht, um Leben.
Es geht also um unsere Existenz. Jesus ist als Licht in die Welt gekommen, und wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Licht die Finsternis vertreibt. Das bedeutet, dass für alle Menschen die Möglichkeit besteht, in diesem Licht zu sein. Niemand muss im Dunkel bleiben. Das Licht bietet sich gewissermaßen an, es scheint – und um in diesem Licht zu sein, muss man nichts tun.
Aber man muss sich verbergen, man muss sich abwenden, wenn man nicht mehr in dem Schein dieses Lichtes sein will.
Manche mögen sich auf diese Weise vergewaltigt fühlen. Ich hatte einmal einen Briefwechsel mit einem Menschen, der aus der Kirche ausgetreten war. Er erzählte mir, dass ihn seine Eltern gegen seinen Willen als Säugling hätten taufen lassen und damit gezwungen, als Christ groß zu werden.
Er sah den Akt der Taufe als einen Zwang an.
Dabei, und das habe ich ihm auch geantwortet, ist die Taufe nicht mehr als ein Angebot Gottes, in seinem Licht zu sein. Es ist immer möglich, sich davon abzuwenden. Nur vermute ich, dass, wer die Qualität dieses Lichtes erst richtig wahrgenommen hat, das eigentlich nicht mehr will.
Denn wer im Licht Gottes wandelt, geht auf guten Wegen. Wer im Licht wandelt, ist schon gerettet. Seine Schuld ist von ihm genommen, sie ist keine Last mehr.
Wer im Licht Gottes wandelt, ist frei. Da ist kein Zwang, keine Macht, die mich in irgendeiner Weise einschränken könnte. Als ein Kind des Lichts bin ich ein Kind Gottes!
Das macht das Licht, das in die Finsternis hinein strahlt und die Finsternis vertreibt – Jesus Christus. An dieses Licht zu glauben, das ist alles, was es bedarf, um ein Kind des Lichtes zu sein.
Wer dieses Licht sieht, der kann eigentlich nur anbetend stehen bleiben und sich darein versenken, wie Paul Gerhardt es in dem schönen Lied „Ich steh an deiner Krippe hier“ zum Ausdruck bringt.
Aber beim Verharren kann es nicht bleiben. Von der Krippe führt der Weg wieder hinaus in die Welt, in das Leben. Und dieses Leben sieht im Licht Gottes ganz anders aus, als viele es gewohnt sind. Denn im Licht Gottes kann es keinen Egoismus, keine Selbstsucht, keine Machtgier, keine Gleichgültigkeit, keinen Hass geben.
Wer im Licht Gottes wandelt, sieht auch seine Mitmenschen in diesem Licht: Geliebte des Herrn, Gottes Hausgenossen, Mitbewohner – und zwar keine, die einem unangenehme Zeitgenossen sind, sondern solche, denen Gott sich zuwendet mit offenen Armen, denen Gott ihre Schuld zu vergeben bereit ist.
Wer sich allerdings von diesem Licht abwendet, der wird sich weiterhin steuern lassen von dem Gefühl, nicht genug zu haben und immer mehr haben zu wollen, von dem Gefühl, die Kontrolle nicht verlieren zu dürfen, von dem Gefühl, in stetem Konkurrenzkampf und Wettbewerb mit seinen Mitmenschen zu leben. Wer lieber im Schatten lebt, der wird spüren, wie der Schatten nach ihm greift und sein Leben langsam in die Bedeutungslosigkeit hinabzieht. Denn wir können uns noch so viele Denkmäler setzen – am Ende werden uns diese Denkmäler doch nichts nützen. Und wer so lebt, wird immer neu Schuld auf sich laden und kann sie doch nicht los werden.
Gott kam in die Welt, damit die Finsternis keinen Raum mehr hat. Er will all dies von uns nehmen, er will nicht, dass wir immer neu schuldig werden gegen ihn und unsere Mitmenschen. Er ruft uns zu sich durch Jesus Christus.
So lasst uns das Licht annehmen, das sich auf so unscheinbare Weise in dem Kind in der Krippe offenbart. Lasst uns den Ruf Jesu hören, den rettenden Ruf, der uns herausreißt aus der Bedeutungslosigkeit und zu Kindern Gottes macht. Lasst uns Kinder des Lichts sein und auf den Wegen des Lichts wandeln.
Amen

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Liedvorschläge zur Predigt:
Gelobet seist du, Jesu Christ (EG 23)
Zu Bethlehem geboren (EG 32)
Wunderbarer Gnadenthron(EG 38)
Dies ist die Nacht, da mir erschienen(EG 40)
Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel(EG 41)
Das alte Jahr vergangen ist(EG 59)
Das Jahr geht still zu Ende(EG 63)
Der du die Zeit in Händen hältst(EG 64)
Der Morgenstern ist aufgedrungen (EG 69)
Wie schön leuchtet der Morgenstern (EG 70)
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)