das Kirchenjahr

18. Sonntag nach Trinitatis

Das höchste Gebot

Predigtanregungen

Der 18. Sonntag nach Trinitatis ist bestimmt vom Evangelium über das "höchste Gebot", das sowohl von der Gottesliebe als auch der Nächstenliebe redet. Dies gibt uns erneut Gelegenheit, über das Verhältnis der Christen zum jüdischen Volk nachzudenken, denn dieses höchste Gebot stammt in seiner zweifachen Ausrichtung vollständig aus der jüdischen Tradition. Allerdings haben die anderen Texte nicht immer das "höchste Gebot" im Sinn, sondern reden auch von der Nachfolge im Allgemeinen. Der alttestamentliche Text ist die Perikope mit den "10 Geboten".

Zu den Perikopen

  • I: Jak 2, 14-26

    folgt später

  • II: 5. Mose 30, 11-14

    Wie oft wollen wir uns rausreden mit der Aussage, wir hätten etwas nicht gewusst. Ein Verbotsschild, das man (angeblich) übersehen hat, 20 km/h, die man (angeblich) versehentlich zu schnell gefahren ist, usw. Wenn man ehrlich mit sich selbst ist, wird man wohl mehr als eine Gelegenheit erinnern, an der man so tat, als ob man die Warnung oder das Verbot nicht gesehen hätte.
    In dieser Perikope geht es genau darum: eigentlich wissen wir, was richtig und was falsch ist. Es ist uns ins Herz geschrieben, so könnte man sagen. Und dennoch tun wir oft so, als wüssten wir es nicht.

  • III: Mk 10, 17-27

    Dieser Text kann in zwei Teile gegliedert werden: einmal der Interaktion Jesu mit dem reichen Jüngling, und einmal dem Gespräch Jesu mit seinen Jüngern.
    Die Perikope fängt allerdings mit einer heiklen Aussage Jesu an, die Diskussionen über seine Gottessohnschaft wieder neu aufleben lassen könnte, denn Jesus stellt hier offenbar seine eigene Gottessohnschaft in Frage, indem er sagt: "niemand ist gut als Gott allein". Vielleicht kann man dies im Kontext des "Messiasgeheimnisses" sehen - Jesus will und kann sich noch nicht offenbaren. Dennoch bleibt dieser Satz als Anlass zum Zweifel bestehen.
    Jesus freut sich offenbar über den reichen Jüngling, der die Gebote eingehalten hat. Seiner Forderung, Nächstenliebe durch Aufgabe seines Reichtums zu üben, kann der Jüngling dann aber doch nicht nachkommen. Dieser Gedanke wäre für eine Predigt brauchbar: in der Regel sind auch wir nicht bereit, alles zu verkaufen, und deswegen müsste man wohl auch von uns annehmen, dass wir die Nachfolge nicht konsequent genug praktizieren.
    Nun redet Jesus zu seinen Jüngern und entsetzt sie über alle Maßen. Damit greift er den gerade ausgeführten Gedanken auf. Es scheint, als habe Markus mit dieser Perikope tatsächlich schon die "Jünger" im Blick, die sich häuslich niedergelassen und einen gewissen Wohlstand angesammelt haben. Denn solche Gedanken, wie sie hier den Jüngern Jesu "untergeschoben" werden, dürften ihnen kaum gekommen sein: sie hatten ja alles aufgegeben und waren Jesus nachgefolgt. Vielleicht aber sprach Jesus nicht zu seinen vertrauten, d.h. denen, die ihm wirklich nachfolgten, sondern nur zu seinen Zuhörern, die gerade dazugekommen waren? Dann freilich müsste man fragen, warum von "Jüngern" gesprochen wird und nicht von "der Menge", wie es sonst üblich ist, wenn Jesus eine allgemeine Rede hält.
    Die letzten beiden Sätze der Perikope nivellieren dann wieder alles bisher gesagte. Eigentlich schade. Die Jünger stellten entsetzt fest, dass niemand ins Himmelreich kommen könne angesichts des strengen Maßstabes, den Jesus anlegt. Obgleich dieser Maßstab nur für die Reichen angewendet wird, betrifft er offenbar doch alle. Und als ob Jesus gemerkt hätte, dass er hier etwas gesagt hat, was zu rigoros ist, weil es letztlich den Ausschluss aller aus dem Himmelreich zu bedeuten scheint, lenkt er ein: "alle Dinge sind möglich bei Gott." Ein Mensch kann also nicht ins Himmelreich kommen ohne Gottes Hilfe.
    Die Perikope könnte man also als einen Text bezeichnen, der gewaltig das Evangelium treibt: nur wenn wir uns ganz auf Gott einlassen, ist es möglich, dass wir auch ins Himmelreich kommen. Dadurch steht freilich die geforderte Handlung, alles aufzugeben, wieder im Hintergrund. Es wäre eher die Folge des "Sich-Auf-Gott-Einlassens", als die Bedingung. Auf der anderen Seite: wer nicht bereit ist zum Verzicht, wird es schwer haben, sich auf Gott einzulassen.

  • IV: Eph 5, 15-20

    Christlicher Lebenswandel - das ist ein Thema, das heute ungerne angesprochen wird. Denn wie sieht solch ein Lebenswandel aus? Ist nicht das, was in der Bibel steht, längst überholt?
    Gewiss sind die Worte der Bibel auch vom sozialen Gefüge ihrer Zeit geprägt, und doch können wir sie nicht beiseite legen und ganz von vorn anfangen. Und wir müssen uns sicher auch hüten, sie zu selektiv zu lesen, denn durch jedes Wort will Gott zu uns und zur sprechen. So auch durch diese Perikope, die ja vornehmlich ein Aufruf zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch ist. Aber nicht nur das: natürlich kann man auch in den Häusern Lieder singen und musizieren, so wie es die Christen durch alle Jahrhunderte getan haben. Denn Gott zu loben ist zugleich ein Weg, sich der Liebe Gottes zu versichern. Füreinander zu beten, kann stark machen.
    Doch schwieriger wird es mit den Versen "am Rande": Da ist als erstes der Aufruf, auf den eigenen Lebenswandel zu achten und als "Weise" zu leben, also Menschen, die im geistlichen Sinn weise sind und darum die Zeit ausnutzen. Dass es böse Zeit ist, ist nichts Neues - die Liebe Gottes kann sich nicht durchsetzen, ohne dass der Mensch sie annimmt. Dafür können wir nur etwas tun, indem wir zeigen, dass die Liebe Gottes uns selbst verwandelt hat und neue Menschen aus uns gemacht hat.
    Man hat hier sogar Gelegenheit, etwas gegen Säufer zu sagen, aber da sollte man doch behutsam sein. Oft wird man in den Alkoholkonsum hineingetrieben, und Menschen, die nicht mehr anders können, brauchen Hilfe. Man kann ihnen ihr Schicksal nicht unbedingt vorwerfen, sondern vielleicht sogar muss man den anderen vorwerfen, nicht Hilfe geleistet zu haben, als es noch möglich war. Also sollte der Aufruf, sich nicht volllaufen zu lassen, wohl eher so interpretiert werden, dass man die Menschen, die in der Gefahr sind, sich mit Alkohol zu betäuben und über ihre Situation hinwegzutäuschen, aufsucht und ihnen andere Möglichkeiten der Bewältigung ihrer Situation aufzeigt. Denn die Hörer werden schwerlich Säufer sein oder solche, die in der Gefahr sind, sich mal so richtig zu betrinken. Sich hingegen vom Geist leiten zu lassen, kann einen ähnlichen Effekt haben: man tut unvernünftige Dinge (vom Verstand her), die aber von der Liebe her durchaus vernünftig sind.
    Sich einander unterzuordnen, gefällt sicher nicht jedem. Aber das "einander" ist entscheidend. Es funktioniert nur, wenn beide Seite es tun. Nur wer macht den Anfang? Denn wenn beide auf den anderen warten, wird es nie etwas...
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang legt nahe, den Schwerpunkt der Predigt auf Vers 17 zu legen: "versteht, was der Wille des Herrn ist." Der Wille des Herrn ergibt sich aus dem höchsten Gebot (Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst), und wir hier indirekt konkretisiert, indem der übermäßige Alkoholkonsum angesprochen wird. Daraus können und sollten wir den Aufruf zur Hilfe für die Menschen ableiten, die keinen Ausweg mehr wissen und darum den Weg des Vergessens suchen.

  • V: 2. Mose 20, 1-17

    Gebote sind notwendig, um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Darum hat sich jede Gesellschaft ihren Codex geschaffen, dessen Gültigkeit vor allem durch die Autorität, die diesen Codex erlassen hat, unterstrichen bzw. bekräftigt wurde. Im Fall des Volkes Israel gibt es nur eine letztgültige Autorität: Gott selbst. Von ihm stammen diese 10 Gebote, die wir auch "Dekalog" nennen.
    Die Gebote haben in dieser Form keine Parallele in den Religionen der altisraelitischen Zeit, sind also einzigartige Gaben Gottes. Um so wichtiger und bedeutungsvoller sind sie nicht nur für den Zusammenhalt des Volkes Israel, sondern auch für sein Verhältnis zu Gott.
    Es ist uns klar, dass diese Gebote der Interpretation bedürfen. Seit es sie gibt, hat es ergänzende Gesetzeswerke gegeben, um sicher zu stellen, dass diese direkt von Gott gegebenen Gesetze eingehalten werden. Jesus hat erkannt, dass diese zusätzlichen Gesetze manchmal den eigentlichen Geist der 10 Gebote, des Dekalogs, überdecken konnten, und fasste sie darum noch einmal zusammen in dem (auch aus dem AT stammenden) Gebot: 'Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, ...und deinen Nächsten wie dich selbst.' (Mt 22, 37.39; Lk 10, 27 - aus 5. Mose 6,5 und 3. Mose 19,18). Diese Zusammenfassung hat natürlich ebenfalls immer wieder zu Interpretationsversuchen Anlass gegeben, und die Frage danach, wer mein Nächster ist, ist natürlich immer wieder aufs neue aktuell. Jesus hat auch diese Frage beantwortet durch die Erzählung vom barmherzigen Samariter (Lk 10).
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist unklar: hier sind 10 Gebote aufgereiht, es geht in der Thematik dieses Sonntags aber um das höchste Gebot. Es ist klar, dass wir als Christen den Dekalog nur von dem höchsten Gebot her, wie Jesus es in Lk 10, 27 vorstellt, interpretieren können. Für die Predigt wäre es aber sehr wichtig, angesichts dieser Perikope deutlich zu machen, dass Jesus mit "seinem" höchsten Gebot kein Neuland betreten hat, sondern im Gegenteil den Glauben und die Lehre des Volkes Israel bekräftigte und unterstrich.
    Dementsprechend bietet sich hier wieder an, in der Predigt die Wurzeln unseres Glaubens in der jüdischen Religion zu suchen und zu finden. Dabei wird auch uns deutlich, dass wir uns immer wieder vorhalten lassen müssen, wer unser Nächster ist und wie wir uns zu ihm stellen. Ist es richtig, dass unsere Streitkräfte mobil machen gegen den Terrorismus, anstatt zu versuchen, Ursachen zu beseitigen? Ist es richtig, dass persönliche Informationen gespeichert und um vieles leichter den Behörden zugänglich gemacht werden, nur weil man erkannt hat, dass die allen Menschen garantierte Freiheit eben auch missbraucht werden kann? Es gab solch eine Situation schon einmal und ist nicht so lange her, in der viele angesichts solcher Maßnahmen sagten: ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen, meine Daten können sie darum ruhig erfassen und einsehen. Wo bleibt da die Liebe für den Nächsten?

  • VI: 1. Petr 4, 7-11

    Ein beliebtes Thema sektiererischer Gruppen wird hier angesprochen: das nahe Ende aller Dinge. Weil das Ende so nahe ist, darum ruft Petrus zu Besonnenheit und zum Gebet auf. Er beschreibt, wie Christen leben sollen: in beständiger Liebe untereinander. Das Zitat aus Sprüche 10 soll diese Aufforderung unterstützen. Wir wissen, dass zu viel Liebe ebenso schädlich sein kann, dann nämlich, wenn sie dem Gegenüber nicht den nötigen Freiraum gewährt.
    Schön ist die Aufforderung zur Gastfreiheit. Hierin wird auch deutlich, dass es mit dem nahen Ende nicht allzu drängend ist. Denn gastfrei sein setzt ja das Reisen voraus, und Reisen tut man eigentlich nicht, wenn man das Ende erwartet.
    Jede(r) hat von Gott eine Gabe empfangen, und mit dieser Gabe soll jede Person den anderen dienen. Es ist wichtig, diesen Aspekt niemals zu vergessen: auch Leitungsaufgaben bedeuten Dienst, sind zum Wohl derer auszuführen, die "geleitet" werden. Hier wäre ein Blick auf die Politiker und deren Handeln durchaus angebracht (Minister=Diener). Die Gaben werden nicht so umfangreich ausgeführt, wie es sein könnte. Es stehen hier nur die Gabe der Predigt und die Gabe des Dienens, wobei hier wohl alles gemeint ist, was in irgendeiner Weise einem anderen Menschen zugute kommt, also auch der eigene Beruf. Wichtig ist, dass dieser Beruf als Dienst am Nächsten angesehen wird, auch wenn das vordergründig nicht deutlich wird. Letztlich wird durch den Einsatz der Gaben, die Gott den Menschen gegeben hat, Gott selbst gepriesen und ihm die Ehre gegeben, wenn durch den Dienst auch deutlich wird, von wem die Kraft dazu kommt.
    Der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang ist in der Aufforderung, beständige Liebe untereinander zu haben (V 8), zu erkennen. Dementsprechend sollte der Schwerpunkt der Predigt auch in diesem Bereich liegen und nicht so sehr auf das "nahe Ende" eingehen, denn damit hätten wir ohnehin Probleme: seit 2000 Jahren warten wir auf dieses Ende, und es will einfach nicht kommen. Wie wir damit umgehen, sollten wir aber dann doch lieber gegen Ende des Kirchenjahres bearbeiten.

  • Marginaltexte: Sir 1, 11-16a
    Mt 22, 35-40
    Röm 14, 17-19
    Jak 2, 1-13

    Zu Jak 2, 1-13:
    Der Jakobus-Brief, die "stroherne Epistel", wie Luther sie nannte, birgt viele Schätze, die gerade heute wieder Bedeutung gewinnen in einer Zeit, in der die von Gott erwiesene Gnade und Barmherzigkeit immer häufiger zum Freibrief für gedankenloses Handeln herangezogen wird. Denn dagegen wehrt sich der Verfasser, dass man die im Glauben empfangene Gnade zu selbstverständlich nimmt. Es gab damals Konkretionen, die auch heute sichtbar werden: Reiche stehen hoch im Ansehen, Arme aber sind niedere Kreaturen. Ihnen fehlt es am nötigen Einfluss, sie haben keine "Lobby", sind schutzlos. Genau solche Menschen nimmt Jakobus in Schutz.
    Interessant ist sicher der Gedanke, der in Vers 10 laut wird: wer ein Gesetz missachtet, verstößt gegen das ganze Gesetz. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass "das Gesetz" als Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens anerkannt war. Ein "Ausrutscher", ein kleiner "Seitensprung", konnte daher nicht weniger wiegen als ein Kapitalverbrechen. Auch die kleinste Gesetzesübertretung macht den Menschen am ganzen Gesetz schuldig, die Schuld ist mit anderen Worten nicht minder schwer.
    Problematisch ist sicher der Gedanke am Ende: es wird ein unbarmherziges Gericht geben. Das wird sicher vielen nicht recht sein. Vom Gericht reden wir ungern, es liegt uns mehr, die Barmherzigkeit und Gnade Gottes zu betonen. Mit solchen Versen hatte Luther darum auch seine Schwierigkeiten, weil in seiner Zeit das Gesetz und das Gericht zu sehr im Vordergrund standen. Aber heute scheint die Gnade Gottes zu billig geworden zu sein. Ein halbherziges Bekenntnis kann nun mal kein Bekenntnis sein, ein "versehentliches" Vergehen bleibt ein Vergehen und darf nicht zum verzeihlichen Versehen werden. Es kommt auf die Haltung an, mit der man sein eigenes Handeln betrachtet und letztlich beurteilt. Anerkennen wir, dass wir dem Gericht Gottes unterworfen sind?
    Für Jakobus steht die Barmherzigkeit bei seiner Rede vom Gericht im Vordergrund. Nur wer barmherzig ist, kann auch Barmherzigkeit erwarten. Ich würde es anders formulieren: Nur wer Barmherzigkeit kennt, weil er sie selbst übt, ist auch in der Lage, zu erkennen, dass er ohne Erbarmen nicht bestehen kann.
    Es wird die Aufgabe der Predigt sein, dies zu verdeutlichen. Das legt auch der kirchenjahreszeitliche Zusammenhang nahe: Das höchste Gebot umfasst die Gottes- und Nächstenliebe, beides Dinge, die wir heute nur zu gerne übersehen. Wenn man nicht mehr wagt, davon zu reden, dass die Missachtung des höchsten Gebotes Konsequenzen hat, dann wird auch niemand mehr die Notwendigkeit empfinden, danach zu handeln. Dann wird auch der Prediger schuldig.



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