das Kirchenjahr

12. Sonntag nach Trinitatis

Die große Verwandlung

Predigtbeispiele

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Zu den Perikopen

Predigtvorschläge zu Reihe I - Apg 3, 1-10

Liebe Gemeinde!
In Indien gab es sie überall, die Bettler. Kam man aus einem Bahnhof, erwarteten sie einen. Nach jedem Gottesdienst reihten sie sich an der Kirchentür auf. Vor den Geschäften saßen sie und bettelten. Und wenn ein Fest stattfand, kamen sie von überall her und setzten sich in einer Reihe vor den Eingang zum Festplatz.
Dann streckten sie ihre Hände aus und baten um Almosen.
Öfter habe ich beobachtet, wie Menschen zu ihnen gingen und entweder jedem eine Münze gaben – meist nur wenige Cent – oder aber sie gaben einem eine etwas wertvollere Münze oder einen Geldschein, und der gab dann aus seinem Topf etwas davon an die anderen weiter.
Manche erkannte man wieder – sie kamen immer wieder, auch an die Haustür. Über einzelne hörte man dann tolle Geschichten: eine hätte z.B. ein Haus in einem nahegelegenen Ort und führe täglich mit dem Bus hierher, um mit Betteln ihren Unterhalt zu verdienen.

Da waren verstümmelte Kinder – ich werde nie vergessen, wie eines dieser Kinder mir gegenüber seinen Mund weit öffnete und mir die glatt abgeschnittene Zunge zeigte. Anderen fehlte eine Hand. Häufig sind es Mädchen, die derart verstümmelt werden, damit sie bettelnd etwas zum Familieneinkommen beitragen können.
Manche Kinder bewegten sich mit den Händen auf einem Stück Pappe oder Holz fort, weil Kinderlähmung ihre Beine unbrauchbar gemacht hatte. Andere trugen ihre kleinen Geschwister mit sich und versuchten so, das Mitleid der Vorübergehenden zu erregen.
Meist weigerte ich mich, etwas zu geben, weil ich das System nicht unterstützen wollte. Denn es gibt da tatsächlich ein System. In einer Gesellschaft, in der das Geben von Almosen nicht nur zum guten Ton gehört, sondern eine religiöse Pflicht ist, ist es für Bettler recht einfach, auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Ich habe versucht, sie zu ignorieren, und irgendwie hat es meist auch geklappt, zumindest äußerlich. Mit dem Herzen ist es mir nie gelungen.
Immer fragte ich mich, wie es diesen Kindern wohl zu Hause gehen würde, ob es wahr ist, was über die Bettler gesagt wird, und es tut mir bis heute in der Seele weh, wenn ich an die Kinder denke, die verstümmelt wurden, damit sie beim Betteln erfolgreicher sind.
Hier in Deutschland sieht es anders aus. Selten sieht man einen Bettler oder eine Bettlerin auf der Straße, meist finden sie sich in den größeren Städten, wo sich viele Touristen aufhalten.
Es ist leichter, an ihnen vorüberzugehen, ohne etwas in die für die Almosen bereit gestellte Schale zu tun, denn es gibt ein soziales Sicherungsnetz, das eigentlich jeden vor solch einem Schicksal bewahren sollte. Darauf kann man sich immer berufen. Und doch gibt es sie, sehr selten zwar im Vergleich zu Indien, aber es gibt sie, die Bettler, die durch das Netz gerutscht sind.
Wenn sie an der Tür stehen, gibt man in der Regel kein Geld, sondern etwas zu essen, weil sie Geld vermutlich ja doch nur vertrinken würden.
Wenn ich an ihnen auf der Straße oder an öffentlichen Plätzen vorübergehe, spüre ich, dass ich möglichst schnell an ihnen vorbei will. Ich wage nicht, sie anzuschauen. Vielleicht fürchte ich, dass ihr Anblick mich dann doch weich machen würde. Vielleicht will ich nicht betrogen werden. Vielleicht habe ich Angst, ihnen in die Augen zu sehen.
Aber es besteht eigentlich gar keine Veranlassung zu solcher Angst, denn die Bettler sitzen ja meist vornüber gebeugt und in sich zusammengesunken, das Gesicht so weit nach unten geneigt, dass man es gar nicht sehen kann.
So leicht es ist, an ihnen vorüber zu gehen: auch hier frage ich mich, ob ich das richtige tue, wenn ich ihnen nichts gebe. Und darum bin ich wohl froh, wenn ich ihnen nicht in die Augen schauen muss, weil sie mir vielleicht etwas anderes sagen würden.
Ganz anders ist das bei Petrus und Johannes, wobei ich dazu sagen muss, dass zu ihrer Zeit Verhältnisse herrschten, die denen in Indien ähnlicher sind als denen bei uns hier in Deutschland.
Es gab keine Sozialversicherung. Wer nicht in der Lage war, zu arbeiten, war auf die Hilfe anderer angewiesen. Und die Almosengeber glaubten, durch die gute Tat auch etwas Gutes für sich selbst zu tun. Denn Gott belohnt ja gute Taten.
Aber auch damals wird es Menschen gegeben haben, die einen solchen Zusammenhang nicht sahen und die fürchteten, dass ihre Almosen missbraucht werden. Denn auch wenn es kein staatliches soziales Sicherungsnetz gab – es gab doch eigentlich immer die Familie, die doch für solche Menschen die Verantwortung trägt. Also wandte man sich auch damals schon lieber ab und ging vorüber, ohne etwas zu geben. Sicher war das so auch bei dem Lahmen aus dem Predigttext. Jeden Tag wurde er vor die Schöne Tür des Tempels gesetzt – von wem, wenn nicht von seinen Verwandten – damit er um Almosen bettelte, die vielleicht dann auch den übrigen Verwandten zugute kommen würden, die nicht krank waren. Ganz klar: er soll, wenn die Menschen sich gerade darauf eingestellt haben, Gott zu begegnen, ihr Mitleid erregen und sie an ihre gottgegebene Pflicht erinnern.
Petrus und Johannes gehen zum Tempel, um dem Brauch des jüdischen Volkes zu folgen. Sie gehen, genauer gesagt, zum Gebet, das zur neunten Stunde, also drei Uhr am Nachmittag, im Tempel gehalten wird.
Da sehen sie diesen Mann. Es klingt so merkwürdig, wenn es da heißt: „Petrus aber blickte ihn an mit Johannes“. So als ob sie beide etwa wie zwei Synchronspringer alles gleich tun. Hat Gott ihren Blick gelenkt? Jedenfalls fällt dieser ausdrückliche Hinweis darauf, dass beide den Mann gleichzeitig anschauen, schon auf.
Mir geht es so, dass ich auf Bettler am Wegrand immer aufmerksam werde. So lange ich weit genug weg bin, schaue ich auch recht genau hin.
Sie sitzen oder hocken da, am Wegesrand oder an einer Tür, und lenken die Aufmerksamkeit auf sich dadurch, dass sie nicht das tun, was all die anderen tun. Sie gehören nicht in den Strom derer, die alles richtig machen; sie befinden sich außerhalb, am Rande, aber doch nah genug, dass man sie bemerken muss.
Petrus sagt auch nicht: „Sieh mich an“, sondern: „Sieh uns an!“ Die beiden gehören zusammen, sie haben beide etwas zu geben, und das macht Petrus mit dieser Aufforderung deutlich.
Was soll der Lahme nun erwarten? Er hat vermutlich schon einiges erlebt: Kinder, die ihn reizten, aber immer in genügendem Abstand, dass er sie nicht fassen konnte; Erwachsene, die ihm ins Gesicht sagten, er solle sich eine Arbeit suchen; Andere, die versuchten, ihn von dort weg zu jagen; und noch andere, die behaupteten, er sei gar nicht lahm.
Was würde nun von diesen beiden kommen? Natürlich hoffte er auf eine Gabe, etwas Geld, etwas zu essen, aber Lukas schreibt sehr zurückhaltend: „er wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.“
Es kann so ziemlich alles sein, dieses „etwas“. Aber mit dem, was da kommt, hat er sicher nicht gerechnet. Petrus sagt: „Silber und Gold habe ich nicht.“ Silber und Gold muss ja auch nicht sein, es genügt doch eine Kupfermünze.
Aber auch die gibt es nicht, sondern: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“
Dazu reicht er ihm die Hand und richtet ihn auf. Der Lahme kann plötzlich gehen und stehen.
Ob er das wollte? War es nicht ganz bequem, so tagaus, tagein die Almosen in Empfang zu nehmen? Jetzt würde er für seinen Lebensunterhalt arbeiten müssen.
Aber wer sein Leben lang nur immer am Rand des Geschehens war und nie dabei sein konnte, es sei denn, andere halfen ihm dazu, der ist dankbar, wenn er plötzlich auf seinen eigenen Füßen stehen kann. Der Lahme läuft nicht weg, nach Hause, um es seinen Angehörigen zu sagen, sondern er geht mit in den Tempel. Und da packt es ihn, er springt umher, ruft laut „Halleluja!“ und „Gelobt sei Gott!“, schaut lachend den ihm staunend Zusehenden in die Augen und tanzt weiter durch die Vorhalle des Tempels.
Viele neigen dazu, solche Wundergeschichten im übertragenen Sinn zu interpretieren. Ein Mensch, der im übertragenen Sinn gelähmt ist – etwa durch eine Depression – kann so durch die Zuwendung Gottes wieder aufgerichtet und zum Leben ermutigt werden.
Dabei hat der Lahme ja vorher nicht weniger gelebt als danach. Sein Leben war zwar nicht sehr ereignisreich, aber er hat gelebt. Er ist kein Sinnbild für geistige oder geistliche Lähmung. Es geht vielmehr darum, dass Gott durch die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu die Schöpfung heilt und so tatsächlich auch Wunder vollbringt.
Natürlich kann man auch unter uns Christen eine Lähmung vermuten. Wann ist so etwas schon mal geschehen? Wer hat gesehen, wie ein Lahmer allein durch das Wort im Nu gehen konnte? Und wenn es einer gesehen hat: war der betreffende wirklich nachweislich lahm gewesen?
Gott will uns, die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Christi, nutzen, damit wir sein Heil in diese zerschundene Welt hinein tragen.
Petrus und Johannes haben gemeinsam im Namen Jesu Christi gehandelt und dabei nicht nur ein Wunder vollbracht. Doch letztlich waren nicht sie es, die das Wunder vollbrachten, sondern Gott. Petrus und Johannes waren eigentlich nur Katalysatoren – ihre Gegenwart machte es möglich, dass das Wunder geschehen konnte, ohne dass sie selbst etwas von sich aufgeben mussten, ohne irgendeine Kraftanstrengung. Allein der Glaube hat es möglich gemacht.
Und das können auch wir: Katalysatoren sein.
Im Namen Jesu Christi bringen wir das Heil in diese Welt. Das ist unser Auftrag. Tröstlich ist, dass wir dies nicht allein tun müssen – Petrus und Johannes gingen ja auch gemeinsam. Und Jesus sandte seine Jünger zu je zweien aus.
Ob wir noch mit Wundern rechnen dürfen? Ganz sicher! Denn wenn wir es nicht tun, machen wir Gott klein. Es ist das Werk Gottes, an dem wir teilhaben dürfen, indem wir davon erzählen und indem wir Menschen das Heil Gottes zusprechen! Ist das nicht wunderbar?
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Jesus Christus, unser Heiland (EG 102)
Komm, o komm, du Geist des Lebens (EG 134)
Nun lob, mein Seel, den Herren (EG 289 - Wochenlied!)
Ich singe dir mit Herz und Mund (EG 324)
Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt (KHW-EG 638; NB-EG 585)

Predigtvorschläge zu Reihe IV - Apg 9, 1-20

"Ich erinnere mich noch genau.", sagte Abidan zu den Jugendlichen, die sich um ihn am Feuer geschart hatten. "Er war ein strenger Herr, unerbittlich, aber gerecht. Er ließ keine Nachlässigkeit durchgehen, aber wer seinen Dienst versah, wie er ihm aufgetragen war, wurde auch nicht vergessen, sondern stieg in seiner Achtung und erhielt eine entsprechende Belohnung.
Aber was wir taten - heute weiß ich, dass es falsch war. Doch damals... Er hatte uns so mitgerissen, er war so überzeugend, wir mussten ihm einfach glauben. Saulus war ein angesehener Mann. Seine Familie hatte das römische Bürgerrecht, das war nur wichtigen Persönlichkeiten vorbehalten. Aber er war kein Kollaborateur, sondern hielt sich streng an das Gesetz des Mose. Er bläute es uns immer wieder ein: Wenn nur einmal alle Juden das Sabbatgebot einhalten würden, dann würde der Messias kommen und Israel von allen Unterdrückern befreien. Er hielt das Sabbatgebot und natürlich auch all die anderen Gebote, von denen ich manche gar nicht kenne. Oft hat er uns in der Schrift unterwiesen und uns erklärt, was es mit den Geboten auf sich hatte. Er selbst war sehr gelehrt, er hatte bei angesehenen Rabbinen Unterricht erhalten, seine Eltern hatten keine Kosten und Mühen gescheut.
Die Menschen, die sich Anhänger des Jesus von Nazareth nannten, waren ihm allerdings ein Greuel. Auch sie waren Juden, aber sie wollten keine Autorität anerkennen. Sie ließen sich von den Schriftgelehrten genauso wenig sagen wie von den Pharisäern oder Hohepriestern. Sie zogen umher und verkündigten, dass Jesus der Messias sei. Wie oft hatte uns Saulus gesagt, dass wir den Messias an seiner Macht erkennen würden. Dieser Jesus aber - er war tot! Was für eine Macht sollte der denn haben?
Saulus hatte sich ganz der Verfolgung dieser Menschen verschrieben. Ihren Tod wollte er nicht, auch wenn er der Steinigung des Diakons Stephanus beigewohnt hatte. Als Abschreckung war die Steinigung ganz sinnvoll, aber sie löste nicht das Problem, das wusste er. Er hatte ein Gespür für diese Nazarener, wie man sie anfangs auch nannte, und spürte sie in ihren Verstecken auf. Er ging zu ihren Versammlungen, unbemerkt, als Zuhörer, prägte sich die Gesichter der Redner ein, von denen er meinte, dass sie besondere Bedeutung hatten für die Gemeinde, und verfolgte sie dann. Uns nahm er erst mit, wenn er wusste, wo er sie dingfest machen konnte. Ich vermute mal, dass er Angst hatte, wir könnten durch die Predigt dieser Redner selbst abtrünnig werden. Dabei konnten wir uns das überhaupt nicht vorstellen. Am liebsten wären wir natürlich mit ihm dorthin gegangen und hätten gleich reinen Tisch gemacht. Wer Widerstand leistete, sollte sterben, wer nicht, in die Sklaverei geschickt werden. Das war unsere Devise. Aber Saulus sah das anders. Er wollte die Anführer. Die sollten dann so bearbeitet werden, dass sie diesem Jesus absagten und sich wieder ganz dem Gesetz des Mose hingaben. Dann wollte er, dass sie den Gemeinden mitteilten, dass alles, was sie bisher gelehrt hatten von Jesus, falsch war. Ein Toter kann kein Messias sein, und wenn er von den Toten auferstanden ist - ja, wo ist er denn dann jetzt???"
Abidan hielt inne. Die Jugendlichen starrten ihn gebannt an. "Wenn ich einmal zu diesen Versammlungen gekommen wäre, ich weiß nicht, was mit mir geschehen wäre. Aber Saulus wusste schon, was er tat, indem er uns nicht erlaubte, dorthin zu gehen.
Eines Tages kam er zu uns von solch einer Versammlung und verkündete, dass wir nach Damaskus ziehen würden, dort sollte ein Treffen der Anführer stattfinden. Damaskus war eine große Stadt, es brauchte seine Zeit, bis man sie durchlaufen hatte. Ich hatte sie bis dahin nur vom Hörensagen gekannt. Jetzt sollte ich dorthin kommen! Das war eine Freude!
Wir packten unsere Bündel und zogen los. Von Jerusalem aus erwartete uns eine etwa 5-tägige Reise, je nachdem, wie zügig wir voran kamen. Saulus war guter Dinge. Auf so eine Gelegenheit hatte er immer gewartet! Jetzt war sie da. Wieder eine Gelegenheit, sein Ansehen in der Bevölkerung und beim Hohepriester zu steigern.
Auch unterwegs hörte Saulus nicht auf, nach Nazarenern Ausschau zu halten. In jedem Ort fand er schnell heraus, ob sich dort die Abtrünnigen aufhielten, und prägte sich die Namen ein, die genannt wurden. Doch nahmen wir keine gefangen - das hob er sich für den Rückweg auf. Es wäre ja auch sicher nicht klug gewesen, wenn er schon mit Gefangenen in Damaskus einmarschieren würde.
Am fünften Tag hofften wir, Damaskus in der Ferne zu erblicken. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es war Zeit für eine Mittagspause, aber die Hoffnung, hinter dem nächsten Hügel vielleicht schon die Stadttore zu sehen, trieb uns weiter. Doch da geschah etwas Merkwürdiges, ja, Erschreckendes. Plötzlich erstrahlte ein grelles, blendendes Licht. Ich hielt sofort die Hand vor meine Augen und blickte auf Saulus, unseren Anführer. Der stand erst wie angewurzelt da, in das grelle Licht blickend. Wir hörten eine Stimme, aber konnten sie nicht verstehen. Sie klang dumpf, wie von ferne, und doch bestimmt und fordernd. Saulus fiel auf seine Knie. Er antwortete auf die Stimme mit einer Frage. Diese Methode hatte er schon immer angewandt, wenn er die Nazarener ausspionierte und jemand auf ihn als Fremdem aufmerksam geworden war. So schaffte er es meist, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken und dazu noch die Informationen zu erhalten, die er brauchte. Aber diesmal war es wohl keine Methode, kein gut durchdachter Trick. Er wollte nur wissen, wer da vor ihm stand. Wir hätten ihm die Antwort geben können. Da war niemand. Nur dieses gleißende, strahlende Licht, das wir von unseren Augen abzuschirmen versuchten.
Plötzlich erlosch das Licht. Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand, kam es uns dämmrig vor, so als ob es Abend geworden wäre. Wir erwarteten von Saulus, dass er uns nun auffordern würde, weiter zu gehen, doch nichts geschah. Er kniete da, in Richtung Damaskus schauend, dann wandte er seinen Kopf um, befühlte sein Augen und begann, zu rufen: "Ich sehe nichts! Ich bin blind!" Eigentlich kein Wunder. Wenn man lange in die Sonne starrt, erblindet man auch. Saulus hatte seine Augen auf, als er in das grelle Licht sah.
Zwei von uns eilten herbei und griffen unter seine Arme, um ihn aufzurichten. Dann blieben sie an seiner Seite. Nun mussten wir ihn führen. Das war merkwürdig, wir waren es nicht gewohnt, ohne Führer zu sein. Wir hofften, Saulus würde uns gut zureden, uns beschwichtigen, uns wieder Mut machen. Meist kommt das Augenlicht ja nach einiger Zeit wieder. Aber er schien nun völlig im Dunkeln zu tappen. Er war so hilflos wie wir.
Am Abend erreichten wir die Stadttore und suchten uns eine Herberge, in der wir alle unterkommen konnten. Wir verbanden Saulus' Augen, kühlten sie, holten auch einen Arzt, aber es gab keine Hilfe. Wir ließen ihn nicht raus, er sollte im Dämmerlicht in der Herberge seine Augen schonen und letztlich das Augenlicht wieder erlangen. Doch nach drei Tagen waren wir drauf und dran, aufzugeben.
Saulus hatte ich so noch nie erlebt. All seine Entschlossenheit war von ihm gefahren. Wenn er nicht auf seinem Lager lag, dann kniete er und betete. Auch auf seinem Lage faltete er die Hände und betete zu unserem Gott. Auch wir hatten begonnen, für ihn zu beten, aber seine Ausdauer hatten wir nicht. Und am dritten Tag, als wir wussten, dass er kaum jemals wieder sehen würde, gaben wir auf.
Da klopfte es an die Tür. Ein fremder Mann stand dort. "Ich heiße Hananias.", sagte er. "Mein Herr Jesus Christus hat mich hierher gesandt, damit ich Saulus von Tarsus die Hände auflege und für ihn bete." Als wir den Namen 'Jesus Christus' hörten, erschraken wir. Was sollten wir tun? Sollten wir ihn gefangen nehmen? Instinktiv schauten wir zu Saulus rüber und erwarteten Anweisung von ihm. Er richtete sich auf und ging zwei Schritte durch die Dunkelheit, die ihn erfüllte. Als er gegen einen Schemel stieß, eilte einer von uns zu ihm und führte ihn. "Lasst ihn herein.", befahl er uns, und wir machten den Weg frei, so dass Hananias eintreten konnte. Nun schien alles nur noch zwischen diesen beiden zu geschehen, wir waren Außenseiter.
Dementsprechend drängten wir uns in der Nähe der Tür, um fliehen zu können, falls es nötig war - oder um Schutz zu bieten, falls mehr von den Nazarenern kamen. Oder um zu verhindern, dass Hananias floh, falls er Saulus ein Leid zufügen wollte. Ich weiß es nicht mehr. Wir waren verwirrt. Ich erinnere mich, dass ich dachte, ich müsste diesen Mann töten, und schon die Hand am Griff meines Dolches hatte. Doch als ich Saulus ansah, erkannte ich, dass alles gut war. Er war voller Hoffnung und Erwartung, er wusste schon, was geschehen würde. Er kniete nieder, und Hananias trat auf ihn zu, legte seine Hände auf ihn und sprach: "Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist. Du sollst nun wieder sehen können und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden."
Saulus erhob seine Augen und blickte uns an. Wir waren alle erschrocken und verängstigt. Wir erkannten, dass er wieder sehen konnte. Einer flüsterte: "Das ist Zauberei!" Ein anderer öffnete die Tür, und nach und nach verließen wir den Raum. Ich blieb und sah, wie Saulus die Briefe des Hohepriesters zerriss, die ihm die Vollmacht gaben, die Nazarener gefangen zu nehmen und nach Jersualem zu führen. Ich blieb bei ihm, als er mit Hananias die Herberge verließ, und ging mit zu den Nazarenern. Allerdings wahrte ich einen gewissen Abstand. Ich wunderte mich, dass er mich nicht fortschickte, denn im Stillen hoffte ich, dass er immer noch der Alte war. Aber ich hatte mich getäuscht. Am nächsten Tag verließ ich Damaskus und kehrte nach Jerusalem zurück. Saulus sah ich nie wieder."
Abidan verstummte.
"Aber warum", fragten die Jugendlichen, "sagst Du, dass du ihn nie wieder gesehen hast? Dort hinten sitzt er doch mit den Ältesten der Gemeinde und diskutiert mit ihnen. Du bist mit ihm hierher gekommen in unsere Gemeinde."
"Was?", antwortete Abidan. "Der? Nein, das ist nicht der, von dem ich Euch erzählt habe. Das ist Paulus, der große Apostel der Heiden. Er könnte keinem Menschen ein Leid zufügen. Das dort ist ein völlig anderer Mensch."
"Das verstehen wir nicht. Er hat uns doch seine Geschichte schon oft erzählt, jedesmal, wenn er in diese Gemeinde kam. Sie stimmt mit dem, was Du erzähltest, vollkommen überein. Vielleicht sind ein paar Details anders, aber das ist ja ganz normal, wenn zwei verschiedene Personen die gleiche Geschichte erzählen. Das macht Deine Erzählung gerade so spannend. Wir sind sicher, dass es derselbe Mensch ist, von dem Du sprichst."
"Und ich", erwiderte Abidan, "ich bin sicher, dass jener dort nicht derselbe ist, von dem ich erzählt habe. Er mag zwar genau so aussehen, aber in seinem Herzen ist er ein völlig anderer Mensch."
Es trat eine Pause ein. Man hörte die Männer im Hintergrund reden, aus einer anderen Richtung erklangen leise Frauenstimmen.
Endlich durchbrach einer der Jugendlichen das Schweigen und sagte: "Ich glaube, Du hast recht. Das dort ist wirklich ein anderer Mensch. Der alte Mensch ist gestorben, und ein neuer Mensch ist auferstanden..."
Amen

oder

Liebe Gemeinde!

Ein Mensch hat ein Ziel vor Augen. Das will er machen. Das ist genau das, wofür er in dieser Welt ist. Sein Leben hat einen Sinn. Alles stimmt, alles passt!
Also macht er sich auf, dieses Ziel zu erreichen. Er setzt alle Energie darein, holt sich Hilfe, damit es alles auch ja klappt. Denn nichts ist schlimmer, als auf halbem Weg aufgeben zu müssen, nur weil man nicht gut genug vorbereitet war oder nicht ausreichende Kompetenzen vorzuweisen hatte.
Das Ziel ist klar vor Augen. Der Bau eines Hauses, eine Weltreise, das Besteigen eines Berges, die Erlangung des Abteilungsleiterpostens, die Erhöhung des Umsatzes der Firma um einen bestimmten Prozentsatz, oder Menschen unschädlich machen, die immer aufdringlicher mein eigenes Weltbild in Frage stellen.
Das letzte war das Ziel des Saulus. Für ihn war klar, dass dies möglich sein müsste: mit Gewalt die Ausbreitung dieser Sekte der Nazarener zu verhindern.
Unbeirrbar machte er sich, so wie jeder, der ein klares Ziel vor Augen hat, auf den Weg nach Damaskus, wo es eine aktive Gruppe dieser Sekte gab. Jede dieser Zellen galt es zu zerschlagen, und er war gut darin.
Sein Ruf eilte ihm voraus, man hatte Angst vor ihm. Er schnaubte mit Drohen und Morden – so wird er beschrieben. Das lässt uns ahnen, was für eine große Angst die Christen vor ihm gehabt haben mussten.
Schon oft hatte er Christen gefangen genommen, und meist bedeutete dies nichts Gutes: Folter und Tod erwarteten die Meisten. Die Steinigung des Erzmärtyrers Stephanus hatte er mit Wohlgefallen begleitet, vielleicht war er sogar der Anstifter gewesen – so berichtet es uns Lukas in seiner Apostelgeschichte.
Für Saulus ist es klar: sein Weg ist richtig. Die Nazarener haben Angst vor ihm, seine Macht ist groß, und so wird es ihm möglich sein, diese Sekte einzudämmen und schließlich völlig zu zerschlagen. Sein Ziel ist in greifbare Nähe gerückt, nachdem er schon in Jerusalem ordentlich für Unruhe und Angst unter ihnen gesorgt hatte. Dort wagte keiner mehr, öffentlich aufzutreten, denn es bedeutete die sofortige Gefangennahme.
Also alles ist klar, das Ziel rückt immer näher.
Doch dann überfällt ihn plötzlich die Blindheit. Er kann nichts mehr sehen! Der zielstrebige Mann kann sein Ziel nicht mehr sehen!
Damals hat man gerne angenommen, dass solche Krankheit als eine Strafe Gottes zu verstehen ist. Wenn dem so ist: wie würde er, der große, gottesfürchtige Saulus, seine Autorität und seine Macht wahren können, angesichts solcher göttlichen Bestrafung?
Und dann war da auch noch die Stimme, die er vernommen hatte: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“
Saulus hatte sein Ziel verfehlt. Sein Weltbild gerät plötzlich ins Wanken. Nachdem er unzählige Zeugnisse der Christen gehört hatte, die ihn alle kalt ließen, ist dies der Anstoß für die große Verwandlung, die sich in ihm vollziehen wird.
Aber noch ist es nicht so weit. Er ist zwar blind, und das ist schon ein wichtiges, bedfeutendes Zeichen, und ebenso hat auch die Stimme für Verwirrung gesorgt. Aber noch ist nicht alles am Ende. Er hat Gefährten bei sich, die ihm helfen können. Vielleicht ist die Blindheit ja nur vorübergehend, und dann würde er umso heftiger vorgehen gegen diese Gruppe von Menschen, die es wagte, seinen Glauben in Frage zu stellen.
Das Wichtigste in dieser Situation muss wohl anfangs für ihn gewesen sein, dafür zu sorgen, dass niemand von diesem Ereignis erfuhr. Denn wenn es erst einmal die Runde machte, dass er blind geworden war, wäre seine Autorität tatsächlich untergraben, man hätte keine Angst mehr vor ihm. Das durfte nicht sein.
Also gibt es keinen protzigen Ritt in die Stadt mit großem Gefolge, um schon mal anzuzeigen: jetzt komme ich! Jetzt wird reiner Tisch gemacht!
Sondern er wird an der Hand genommen, und ohne Aufmerksamkeit zu erregen gehen sie in die Stadt hinein. Seine Gefährten sorgen für die Unterkunft, und nun vergehen drei Tage, an denen er Gelegenheit hat, das Geschehene zu reflektieren.
Was ist aus seinem Ziel geworden? Warum wurde er auf diesem so erfolgreichen Weg so plötzlich gestoppt? War er übermüdet gewesen, so dass er aus Versehen in die Sonne geschaut hatte? Jedermann wusste, dass so ein Blick in die Sonne für vorübergehende Blindheit sorgte, und wenn man es zu lange tat, für andauernde Blindheit.
Hatte ihm sein Gehirn eine Vision vorgegaukelt, weil er sich selbst nicht genug geschont hatte? Hatte er Tagträume?
Oder sollte es doch Gott gewesen sein, der ihm da sein Ziel vor seinen Augen weggewischt hatte?
Drei Tage lang aß Paulus nichts und trank nichts. Drei Tage lang hing er diesen Gedanken nach, betete. Eingeschlossen in seiner Kammer, versuchte er eine Antwort zu finden: ist es Strafe? Ist es ein schlichtes Versehen? Ein Unfall?
Er betet.
Wir kennen Paulus als einen großen Theologen. Seine Schriften und seine Geschichte nehmen einen guten Teil des Neuen Testaments ein. Neben Petrus ist er der bedeutendste der Apostel. Aber warum ist er das?
Die Antwort finden wir in dieser Erzählung von seiner Bekehrung. Gott hätte auch einen anderen Menschen auswählen können, einen mit nicht ganz so spektakulärer Vergangenheit. Aber nicht jeder hat solche Zielstrebigkeit, nicht jeder steckt sein Ziel so hoch, und nicht jeder ist seinem Ziel so treu wie Saulus.
Gott ruft seinen aktivsten Gegner in seine Nachfolge.
Man mag für einen Moment an Judas Iskarioth denken, aber das ist eine gänzlich andere Geschichte. Judas war nötig, damit die Heilsgeschichte ihren Lauf nehmen konnte. Er war im Grunde gar nicht zielstrebig, er war eher das Gegenteil. Er wusste nicht so recht, woran er war, und was das Richtige sei. Judas erkennt zwar, dass er einen Fehler gemacht hat, aber seine Schlussfolgerung aus diesem Fehler ist, dass er damit nicht leben kann.
Ganz anders Saulus. Er erkennt seinen Fehler und fängt neu an.
Doch zuvor gibt es noch etwas anderes, das ebenso wichtig für uns ist.
Da ist Hananias. Ein Christ. Wie selbstverständlich redet dieser Hananias mit Gott. Was für ein merkwürdiges Gespräch. Warum erleben wir so etwas heute nicht mehr? War es vielleicht ein Gespräch von Mann zu Mann? War Hananias einem Engel, einem Boten Gottes, begegnet, der mit ihm redete?
Das ist möglich. Auch uns kann solch ein Engel begegnen, der uns Gottes Willen verkündet, ganz so, als sei es ein alltägliches Gespräch. Was machen wir dann? Wie antworten wir auf solche Anrede? Reden wir ihn nieder? Finden wir Ausflüchte, so wie Hananias es auch versucht?
„Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat, und hier hat er Vollmacht von den Hohepriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen.“
Mit anderen Worten: Du kannst doch nicht im Ernst glauben, dass der plötzlich seine Meinung ändert? Das ist unmöglich!
Aber, und das wurde schon oft gesagt: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Er braucht solche Menschen, die zielstrebig voran gehen, die zu ihrem Ziel stehen, es nicht durch die Meinung anderer verwässern lassen.
Und so ist die schlichte Antwort: Geh nur hin.
Geh nur hin, hab keine Angst, denn ich weiß, was ich tue.
Aber es gibt auch eine Erklärung: „Dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.“
Was soll man da noch sagen? Hananias hat dem nichts entgegen zu setzen. Wie gesagt: bei Gott ist kein Ding unmöglich, warum sollte also die Bekehrung des Saulus unmöglich sein?
Hananias geht hin, dorthin, wo ihm gesagt wurde, dass Saulus sei. Es ist vermutlich kein leichter Gang, aber er geht ihn, denn Gottes Wille steht über aller Vernunft.
Und dann wird es noch einmal merkwürdig. Hananias redet Saulus als Bruder an, und dazu noch: „Lieber Bruder“. Das scheint unnatürlich. Jeder vernünftige Mensch würde doch trotz allem erstmal voller Skepsis sein. Ob das was wird? Und niemand würde vorwegnehmen, was noch nicht geschehen ist.
Doch Hananias tut es, und zeigt uns damit etwas, das für uns Christen eigentlich selbstverständlich sein sollte: das Vertrauen auf die Liebe Gottes. Hananias setzt nichts voraus, was nicht schon da wäre. Für ihn ist es die Umsetzung dessen, was der Herr ihm gesagt hatte.
Saulus ist also das auserwählte Werkzeug, und darum ist er ein Bruder, ein lieber Bruder, ein geliebter Bruder.
Hier sehen wir ein Bild christlicher Gemeinde. Der Sünder wird nicht verurteilt, er wird nicht zurückgewiesen, sondern wird durch die Liebe und den Willen Gottes angenommen, selbst wenn er gegen mich persönlich gesündigt hat.
Es ist ein vollkommener Neuanfang für Saulus, dem es dann wie Schuppen von den Augen fällt. Vielleicht hat dazu auch diese Begrüßung beigetragen: Lieber Bruder Saul. Denn wie kann einer, den er noch vor wenigen Tagen hatte gefangen nehmen wollen, jetzt so freundlich und liebevoll zu ihm sein?
Jetzt sieht Saulus das Ziel, das Gott für ihn ausgewählt hat, und nicht das Ziel, das Menschen bestimmt haben.
Er lässt sich taufen. Das Fragen und Zweifeln hat ein Ende. Der neue Weg, von dem Anfangs die Rede war, der Weg der Nachfolge Christi, liegt vor ihm. Das Ziel ist klar vor Augen. Es ist die Liebe Gottes.
Und wir? Von wem lassen wir unser Ziel bestimmen? Sind es Menschen, die uns sagen, welches Ziel erstrebenswert ist? Oder lassen wir uns von Gott sagen, wohin unser Weg uns führt?
Für Saulus war es eine unglaubliche Kehrtwendung, eine große Verwandlung, die nötig war, um ihm das einzig wahre, erstrebenswerte Ziel vor Augen zu halten.
Brauchen auch wir solch eine tiefgreifende Verwandlung?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur dies: Wir haben ein klares Ziel, das auch in unserer Gemeinde, in unserer Nachbarschaft, in unserem Umfeld zu erkennen ist: die Liebe Gottes. Dieses Ziel erreichen wir, indem wir selbst einander und all unseren Mitmenschen in Liebe begegnen, ganz gleich, was sie getan haben.
Dann wird christliche Gemeinde lebendig, und dann wird christlicher Glaube wahrhaftig, wenn wir dies tun.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude (EG 66)
Lob Gott getrost mit Singen (EG 243)
Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren (EG 245)
Treuer Wächter Israel' (EG 248)
Verzage nicht, du Häuflein klein (EG 249)
Nun lob, mein Seel, den Herren (EG 289)
Ich habe nun den Grund gefunden (EG 354)
Mir ist Erbarmung widerfahren (EG 355)
Erneure mich, o ewigs Licht (EG 390)
Ein Licht geht uns auf (HN-EG 557)
Herr, wir bitten: Komm und segne uns (HN-EG 590; NB-EG 561)

Predigtvorschläge zu Reihe V - Jes 29, 17-24

Liebe Gemeinde!
Jesaja sieht eine wunderbare Zukunft, die wir uns alle herbeisehen. Eine Zukunft, die man häufig und gerne als Utopie abtut. Wo kann es so etwas denn schon geben? Keine Krankheit mehr, Gerechtigkeit an allen Ecken, alle Menschen sind gottesfürchtig, niemand wird mehr dickköpfig seinen eigenen Holzweg gehen, es gibt keine Korruption, keinen Machtmissbrauch. Utopie?
Vor einiger Zeit kaufte ich mir ein Buch, das mich beeindruckt hat. Es war eigentlich ein Fehlkauf, angesichts des Titels hatte ich etwas anderes erwartet, aber ich habe den Kauf dann doch nicht bereut. Es trägt den Titel „Neotopia. Atlas zur gerechten Verteilung der Welt.”
Das Buch versucht, deutlich zu machen, was jeder Erdenbürger und jede Erdenbürgerin besitzen würde, wenn die ganze Welt gerecht verteilt würde. Das ist nun wahre Utopie, denn es ist nicht möglich, z.B. die verschiedenen Arten von Land oder das Meer gerecht zu verteilen. Aber es macht deutlich, wie Gerechtigkeit in letzter Konsequenz aussehen würde, und ich will daraus mal ein paar Zahlen vorlesen:
Es gäbe rd. 6,5 Mrd. Länder - für jeden Erdenbürger eines. Alle Länder sind identisch. Jedes Land hat eine Fläche von 291,5 x 291,5 Meter. Davon sind 71% Wasser und 29% Land. Das Trockenland umfasst ein Gebiet von 200 x 115 Metern. Es gibt auch eine kleine Insel, 41 x 41 m groß, und Eismassen hat dieses Land natürlich auch, die schwimmen allerdings im Wasser. Das Land ist unterteilt in unterschiedliche Vegetationszonen: es gibt Ödland, Wiese, Wald, Ackerland, und Kulturland. Das Kulturland umfasst eine Fläche von 35 x 35 Metern. Von den 55 x 55 Metern Regenwald werden jährlich 16 m² gerodet, so dass uns noch für 187 Jahre Regenwald verbleiben. Die Papierproduktion reicht aus, um in dieser Zeit 7 Buchexemplare erscheinen zu lassen, und es gibt genug Kuverts, um alle 6,5 Jahre einen Brief zu verschicken. Die jährliche Fleischproduktion auf einem Land reicht für 8,5 kg pro Person (ein Deutscher isst im Durchschnitt etwa 80 kg pro Jahr).
Alle 60 Tage trinken wir Kaffee. Das Kakaoangebot reicht immerhin für 9 Tafeln Schokolade im Jahr, die jährliche Ration von Emmentaler Käse beträgt aber nur 8 Gramm. 19 Liter Bier und 20,85 kg Zucker pro Jahr sollten eigentlich genügen. Nicht so schön ist, dass ein Drittel der Küsten dieses Landes irreparable Umweltschäden erleiden muss. Jedes Jahr landen am Strand etwa 1 kg Öl. Einen Arzt können wir im Jahr für 1 Stunde, 19 Minuten und 27 Sekunden in Anspruch nehmen. 154 Tage im Jahr haben wir keinen Zugang zu sanitären Anlagen. Fast 35 Wochen lang leben wir ohne fließendes Wasser, und davon sind 13 Wochen auch ohne sauberes Trinkwasser. 100 Tage im Jahr sind wir Analphabeten. Pro Tag rauchen wir zwei Zigaretten, und am Wochenende dürfen es sogar drei sein. Die Energieproduktion reicht für vier Glühlampen zu je 60 W Dauerbeleuchtung in jedem Land. 6,5 Jahre unseres 64 Jahre langen Lebens haben wir einen Kühlschrank zur Verfügung. 5 Jahre und 6 Wochen lang können wir auch ein Auto besitzen, und alle zehn Jahre geht es in den Urlaub. Dabei geben wir 72 US-Dollar aus. Alle 70 Jahre gibt es ein neues Paar Jeans, und alle 19 Monate ist es möglich, ein Paar neuer Lederschuhe zu kaufen.
Die Liste der so gerecht verteilten Güter geht natürlich weiter. Wenn man diese Zahlen hört, fragt man sich vielleicht, wie es möglich ist, dass wir das Vielfache dessen nutzen, was uns bei gerechter Verteilung zur Verfügung steht. Das liegt daran, dass andere Menschen noch weniger zur Verfügung haben - und diese anderen die Mehrheit der Weltbevölkerung darstellen.
Wenn man Gerechtigkeit einmal auf diese Art und Weise sieht, wird einem vielleicht auch deutlich, wie wenig selbst eine Spende in Höhe von 10% des eigenen Einkommens für Brot für die Welt im Grunde austrägt, denn auch dann, wenn alle Menschen so viel spenden würden, würde es nicht ausreichen, um auch nur annähernd Gerechtigkeit zu schaffen.
Sicher, einzelne der Dinge, die da genannt sind, sind Kulturgüter, die nicht in der ganzen Welt verteilt werden müssen, wie etwa der Emmentaler Käse. Aber auch für die Produktion dieses Käses werden ja Resourcen benötigt und eingesetzt, die an anderer Stelle dann fehlen.
Vielleicht ist solche Gerechtigkeit ja gar nicht gemeint, wenn Jesaja schreibt, dass die Elenden wieder Freude haben werden am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen fröhlich sein werden in dem Heiligen Israels. Aber wie sonst sollen die Elenden wieder Freude haben können am Herrn, und wie sonst sollen die Ärmsten unter den Menschen fröhlich sein, wenn nicht dadurch, dass die Güter dieser Welt gerecht verteilt werden?
Dieser wunderbare prophetische Text wird zum Problem. Wir können nicht, wie es früher oft und gerne getan wurde, das Ganze ins Jenseits verlagern. Diese Prophezeiung spricht nicht vom Jenseits, sondern ist ausgesprochen diesseitig. Sie lässt sich nicht so einfach transzendieren.
Wenn wir das aber doch versuchen wollten, dann müssen wir uns die Frage stellen lassen, wann sich diese Prophezeiung dann erfüllt, wenn sie sich nicht mit Jesus schon erfüllt hat? Was soll denn nach Jesus noch kommen? Es ist doch die christliche Gemeinde, die in die Verantwortung gestellt wurde, das Reich Gottes, dessen Qualitäten hier beschrieben werden, sichtbar werden zu lassen.
Wenn wir in der Apostelgeschichte lesen, was sich alles in der frühen Christenheit ereignet hat, dann kann man wohl bestätigen, dass dies auch der Fall war. Es ereigneten sich Heilungen durch die Apostel, und sie stellten auch die herrschenden Verhältnisse in Frage, indem sie den Gehorsam gegenüber Jesus Christus für wichtiger hielten als den Gehorsam gegenüber der weltlichen Obrigkeit.
Auch heute gibt es Bewegungen in der Christenheit, im Ausland mehr als bei uns, wo Heilungen relativ häufig geschehen. M.W. Sind diese Heilungen noch nicht systematisch untersucht worden, so dass man durchaus zweifeln kann, ob es da wirklich mit rechten Dingen zugeht. Aber worum es mir im Zusammenhang mit unserem Predigttext geht, ist lediglich die Feststellung, dass das, was der Prophet Jesaja dort angekündigt hat, durch Jesus Christus sichtbar geworden und durch die christliche Gemeinde aufgenommen worden ist.
Im Jakobusbrief wird eine Praxis beschrieben, die heute unter uns fast vollständig verloren gegangen ist: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.” Während in der römischen Kirche die Krankensalbung durchaus noch üblich ist, auch wenn sie oftmals zur „letzten Ölung” verkommen ist, so gibt es dergleichen in unserer Kirche praktisch gar nicht. In Indien habe ich es hingegen häufig erlebt: in jedem Gottesdienst kamen stets einige Menschen mit ihren Anliegen nach vorne, und der Pastor, nachdem er ihr Anliegen gehört hatte, betete für sie unter Handauflegung. Manchmal ist es auch so, dass die Menschen ihr Öl mitbringen, damit sie so gesalbt werden. Ist das so undenkbar für uns?
Martin Luther hat sich zwar gegen die Ritualisierung solchen Handelns gewandt, aber damit niemals ausgeschlossen, dass wir für die Kranken unter uns beten. Auch das Krankenabendmahl war in seinen Augen eine wichtige und selbstverständliche Möglichkeit, den Gemeindegliedern das Heil zu vermitteln.
Ich frage mich, woran das liegt, dass heute kaum einer darum bittet, weder um das Gebet für den Kranken, noch um das Krankenabendmahl? Ein Grund fällt mir ein, der mir öfter genannt wurde, wenn ich Gemeindegliedern, die nicht mehr aus dem Haus und somit nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen können, anbot, zu ihnen zu kommen und das Abendmahl zu Hause zu feiern. Die Antwort war dann meist: „so schlimm steht es noch nicht um mich.”
Man glaubt also offensichtlich, dass das Abendmahl zu Hause so etwas wie eine letzte Ölung ist. Dabei dient das Hausabendmahl einem ganz anderen Zweck:
Zum einen soll die Gemeinschaft hergestellt werden mit der Gemeinde, denn im Abendmahl sind wir durch den Geist Gottes verbunden mit der ganzen Christenheit - und Christus.
Zum anderen ist das Abendmahl unsere geistliche Nahrung, die wir brauchen, damit unsere Seele nicht verkümmert. Das Abendmahl ist Wegzehrung, Nahrung, die wir auf unserem Lebensweg brauchen, aber natürlich auch, wenn wir von unserem himmlischen Vater heimgerufen werden. Es wäre aber fatal, wenn das Hausabendmahl deswegen nicht mehr gewünscht würde, weil man Angst hätte, danach sterben zu müssen. Das Abendmahl dient unserem Heil, hier wie dort. Es dient zum Leben und nicht zum Sterben. Und in diesem Sinne sollten wir es begehren, ob wir nun in den Gottesdienst gehen können oder nicht, denn es gehört zur christlichen Existenz, zum Leben dazu.
Und die Gerechtigkeit, von der Jesaja redet? Sie ist ein lebenslanger Auftrag an uns Christen. Wir haben eine Verantwortung für unsere Geschwister, die in der Welt verstreut leben, aber natürlich auch für die, die nicht zur christlichen Gemeinde gehören. Diese Verantwortung besteht darin, dass wir für eine gerechte Verteilung der Güter dieser Welt sorgen und so allen Menschen die Möglichkeit zu einem würdevollen Leben geben. Das ist eine Mammutaufgabe, zumal da ganz gegensätzliche Interessen massiv aufeinander stoßen. Die Wirtschaft will Gewinnmaximierung - dem widerstrebt der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit.
Die Tatsache, dass unsere Spenden nicht ausreichen, um Gerechtigkeit durchzusetzen, wie durch die Vorstellung des Buches Neotopia zu Beginn der Predigt deutlich wurde, heißt aber nicht, dass wir klein beigeben können. Und natürlich ist das Leben hier viel teurer als in den Entwicklungsländern, wir brauchen also auch mehr Geld als sie. Aber dennoch dürfen wir nicht aufhören, an sie zu denken. Sie sind unsere Geschwister, und es kann wohl kaum angehen, dass in einer Welt, in der tausende von Kilometern in wenigen Stunden überbrückt werden können, an dem einen Ort Tag für Tag tausende von Menschen, darunter zahlreiche Kinder, verhungern, während am anderen Ort Lebensmittel verderben und weggeworfen werden.
Doch noch einmal zurück zu unserem Predigttext:
Jesaja redet nicht von Jesus. Er erwähnt ihn mit keinem Wort. Er redet auch nicht von einem Messias. Aber in den Erzählungen von Jesus, in den Evangelien, wird auf diese Prophezeiungen Bezug genommen. Wir haben es vorhin im Evangelium dieses Tages gehört: in dem, was er tut, lässt er diese Prophezeiungen Wirklichkeit werden für die Menschen, die zu ihm finden.
Blinde sehen und Taube hören, die Evangelien sind voll davon. Die Armen werden aufgerichtet und die Reichen vom Thron gestoßen - das Magnifikat erinnert uns daran, dass diese Zeichen mit dem Kommen Christi, d.h. mit seiner Geburt, verbunden sind.
Wir gehören zu der Gemeinde Jesu Christi, die dazu beauftragt ist, diese Zeichen hinaus zu tragen und sichtbar werden zu lassen in eine Welt, die glaubt, dass es Gerechtigkeit nicht geben kann und dass Heil, wenn überhaupt, dann nur durch die Fachkenntnisse unsere Ärzte bewirkt wird.
Gott schenke uns die Kraft, diesen Auftrag zu erfüllen.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
O Jesu Christe, wahres Licht (EG 72)
Singt, singt dem Herren neue Lieder (EG 286)
Nun lob, mein Seel, den Herren (EG 289 - Wochenlied)
O Lebensbrünnlein tief und groß (EG 399)
Lobt und preist die herrlichen Taten (EG 429)
Es kommt die Zeit (KHW-EG 560)

Predigtvorschläge zu Reihe M - 2. Kön 20, 1-11
Mk 8, 22-26
Apg 14, 8-18
Gal 1, 11-24

Zu Mk 8, 22-26:
Liebe Gemeinde!
„Ich bin wohl mit Blindheit geschlagen.“ Das sagt man nicht, um darauf hinzudeuten, dass man tatsächlich nichts sehen kann. Vielmehr bringt man damit zum Ausdruck, dass man eine bestimmte Sache einfach nicht sieht oder wahrnimmt. Irgendwann entdeckt man sie doch – und stellt fest, dass sie direkt vor der eigenen Nase war. Man hat verzweifelt danach gesucht und zehnmal oder mehr die Augen drüber weg schweifen lassen – ja, man war wohl mit Blindheit geschlagen.
Von Jesus werden so manche Blindenheilungen erzählt. Und es gibt Menschen, die sagen: das sind nur Symbolerzählungen. In Wahrheit seien die Menschen nicht wirklich blind gewesen.
Vielleicht ist es so. Ich glaube jedenfalls, dass Jesus die Macht hatte, auch physische Krankheiten zu heilen – also auch einen tatsächlich Blinden sehend zu machen. Nur, wenn es so ist, dann drängt sich einem ja auch gleich die Frage auf, warum er nicht alle heilte, warum nicht jegliche Krankheit von der Menschheit genommen wurde. Und so bleiben die Erzählungen von den Wundern, die Jesus vollbrachte, rätselhaft und unklar. Was soll uns mit ihnen gesagt werden?
Auf jeden Fall haben die Wunder, die Jesus vollbrachte, schon eine symbolische Bedeutung. Sie deuten hin auf das, was Gott an uns Menschen zu tun bereit ist. Sie führen uns vor Augen, was es bedeutet, wenn Jesus sagt: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“
Und nun ist da eine Wundererzählung, die Heilung eines Blinden in Betsaida, der wir uns heute etwas nähern wollen, um sie zu verstehen.
Da sind Merkwürdigkeiten.
Es fängt damit an, dass Jesus mit dem Blinden wieder aus dem Dorf herausgeht, kaum dass er dort angekommen ist. Wozu? Will er nicht, dass das Dorf die bevorstehende Wunderheilung miterlebt? Das Dorf taucht am Ende noch einmal auf, und wieder soll der dann Geheilte es meiden.
Weiter benutzt Jesus Speichel, um die Augen des Blinden zu heilen.
Wenn jemand einem anderen ins Gesicht spuckt, ist das der Ausdruck tiefster Verachtung. Hier ist es natürlich anders. Jesus „tat Speichel auf seine Augen“ - er benutzte wohl seine Hände dazu, in die er vorher hineinspuckte. Aber appetitlich ist das dennoch nicht, und es macht auch keinen Sinn. Wozu braucht Jesus das? Hat der Speichel heilende Wirkung, oder ist es Jesus, der das Wunder vollbringt?
Jedenfalls kennen wir das Phänomen, dass man einer Medizin oder einer Heilmethode nur dann Wirksamkeit zutraut, wenn sie auch in irgendeiner Weise weh tut. Das müssen keine körperlichen Schmerzen sein. Da geht auch Ekel, oder ein bitterer Geschmack, ein hoher Preis usw.
Aber um diesen Effekt geht es hier sicher nicht. Die Spucke selbst hat auch keine heilende Wirkung. Es ist etwas anderes:
Jesus lässt den Blinden teilhaben an sich selbst. Er öffnet seine Augen, indem er ihm etwas ganz Eigenes von sich selbst gibt. Dass das nun Spucke ist – es ist wohl das einzige, was an dieser Stelle möglich ist. Dazu tritt die Handauflegung – eine körperliche Nähe, die aber vorübergeht.
Doch dann kommt die Enttäuschung: der Blinde ist längst nicht geheilt. Er sieht alles verschwommen, die Menschen erscheinen ihm wie wandelnde Bäume.
Jetzt kommt nicht noch einmal die Spucke zum Einsatz. Es ist nur noch das Auflegen der Hände, das die Heilung zur Vollendung führt. „Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, so dass er alles scharf sehen konnte.“
Das war's schon. Es folgt nur die befremdliche Aufforderung, heim zu gehen, aber nicht ins Dorf – man darf daraus wohl schließen, dass der ehemals Blinde außerhalb des Dorfes wohnt.
Aber warum soll er nicht ins Dorf gehen? Warum soll er nicht davon berichten, was geschehen ist?
Diese kurze Erzählung birgt viel in sich. Tatsächlich ist es so, dass das Ereignis über das bloße Wunder hinausgeht und eine symbolische Bedeutung hat, die sich uns nur langsam erschließt, während sie den Lesern und Hörern damals wohl doch etwas leichter zugänglich war.
Der Blinde ist nicht nur körperlich blind. Seine eigentliche, wesentliche Blindheit besteht darin, dass er Jesu wahre Gestalt nicht sehen kann. Ihm ist die Wahrheit verborgen. Er glaubt nicht daran, dass jener der Messias ist, der Sohn Gottes, der der Welt die Liebe Gottes nahe bringt. Er kann diese Wahrheit nicht sehen. Und darum kommt er auch nicht aus eigenen Stücken zu Jesus. Er wird gebracht. Nicht nur von einem, sondern von mehreren Menschen.
Das ist das erste, was wir hieraus erfahren. Da sind andere, die von Jesus wissen, die an ihn glauben, auf seine Kraft vertrauen. Und diese anderen haben eine Verantwortung, die sie dort in Betsaida auch wahrnehmen: sie führen Menschen zu Jesus, Menschen, die ihn nicht wahrnehmen, die keine Ahnung davon haben, was ihnen durch Jesus geschenkt wird – oder entgeht, wenn sie ihm nicht zugeführt werden.
Dann kommt das zweite: der Blinde wird von Jesus an der Hand genommen und herausgeführt aus dem Dorf. Dadurch wird deutlich, dass das, was nun geschieht, eine ganz individuelle Erfahrung ist, nichts, was sich in der Masse oder auch an der Masse ereignet. Es ist die ganz persönliche Begegnung zwischen Gott und dem Menschen, die heilende Berührung, von der die, die den Blinden zu Jesus bringen, schon wissen. „Sie baten ihn, dass er ihn anrühre“. Da geht es nicht um Magie, sondern um die Begegnung mit dem Heil, das uns durch Jesus Christus geschenkt wird.
Zugleich wird dies deutlich: es nützt nichts, dieses Ereignis zu beobachten. Es wäre wie die Vorstellung eines Zauberers, wo man noch lange hinterher darüber nachdenkt, wie er das wohl angestellt hat. Hatte er in seiner Hand vielleicht irgendeine Medizin, die er dann mit der Spucke vermischte und auf die Augen des Blinden tat? Auch darum nimmt Jesus den Blinden heraus aus dem Dorf, führt ihn abseits, damit niemand Vermutungen anstellt, die zu nichts führen. Und vielleicht ist es auch darum, dass er ihm am Ende aufträgt, nicht in das Dorf zu gehen.
Die Vermittlung des Heils ist nun besonders merkwürdig, denn so etwas begegnet uns sonst nicht. Warum muss Jesus zweimal an diesem Blinden handeln, bis er klar sieht? Es kann ja wohl kaum sein, dass seine Kraft das erste Mal nicht ausgereicht hat.
Nun, es fällt auf, dass der Blinde nach der ersten Berührung Menschen wahrnimmt – obwohl ja eigentlich gar keine da sein dürften, denn Jesus hatte ihn ja vor das Dorf hinaus geführt.
Dieses erste, unklare Erkennen soll im Grunde die Selbstwahrnehmung verdeutlichen: Der Blinde sieht sich als Mensch, der Gott gegenüber steht; ein Mensch, der der Sünde verfallen ist und nur durch Gott selbst davon wieder frei werden kann.
„Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung“, sagt man, und das kommt in diesem Augenblick auch zum Ausdruck. Nur geht die Selbsterkenntnis noch etwas weiter. Denn der Mensch erkennt sich selbst erst dann wirklich, wenn er sich als Geschöpf Gottes wahrnimmt, das in seinem sündhaften Verlangen stets bemüht ist, so wie Gott zu sein und selbst an die Stelle Gottes zu treten.
Auch dass der Blinde die Menschen wie umher wandelnde Bäume sieht, könnte man deuten: sie sind nicht mehr Gefangene der Sünde, sondern von Gott Freigesprochene. Darum bewegen sie sich frei.
Und dann folgt der zweite Schritt: er sieht alles ganz klar. Der Blinde ist geheilt. Er ist nicht mehr Gefangener seiner Sünde. Er weiß, dass Gott ihn von den Fesseln der Sünde befreit hat. Er erkennt das Heil, das durch Jesus Christus offenbar geworden ist.
In der Zweistufigkeit der Heilung wird vermittelt, dass der Erlösung die Selbsterkenntnis voraus gehen muss, wobei Selbsterkenntnis nicht nur bedeutet, sich selbst zu sehen, sondern auch und gerade sich selbst im Gegenüber zu Gott, also als Gefangenen in seiner Sünde. Der Mensch kann erst davon befreit werden, wenn er dies überhaupt wahr- und angenommen hat.
Dann aber ist er ganz frei. Und so schickt Jesus ihn selbständig, allein, ohne Begleiter, in sein Heim. Jetzt kann er wieder leben, er kann seine Arbeit wieder aufnehmen, als einer, der geheilt ist an Leib und Seele. Er sieht sein Leben in einem neuen Zusammenhang: er weiß, dass er von Gott geliebt ist.
nachdem wir die Geschichte so gesehen haben, fällt es uns wohl auch leichter, zu erkennen, was wir daraus lernen können. Im Grunde berichtet sie von nichts anderem als der Aufgabe der Kirche, der Gemeinde: sie brachten einen Blinden zu Jesus und baten, dass er ihn anrühre.
Da kommen wir vor, als die, die selbst von ihrer Blindheit geheilt wurden: die christliche Gemeinde nimmt diese Aufgabe an, andere zu Jesus zu führen. Dabei müssen wir uns gar nicht mal über die Maßen anstrengen, denn es kommt nicht auf unsere Überredungskünste an. Wer nicht erkannt hat, dass er blind ist, der kann auch nicht geheilt werden. Aber wer es erkannt hat, den können wir leicht an der Hand nehmen und zu Jesus führen. Das Übrige geschieht dann zwischen Jesus und dem Menschen, es ist etwas, an dem wir nur durch unser Gebet und Fürbitte teilhaben können.
Genau das ist wohl unsere vornehmste Aufgabe. Es ist wichtig, dass wir uns regelmäßig Zeit dafür nehmen, uns selbst vor Gott zu stellen und mit ihm allein zu sein, zu danken, aber auch zu bitten – für uns und für andere. Das Gebet kann Wunder wirken. Es ist eine schöne, große Verantwortung, für andere zu beten - dass Jesus sie anrühre.
Es ist gut, sich dafür eine feste Zeit vorzunehmen, eine Zeit, in der man still werden kann, um in sich selbst hinein zu hören, aber auch zu Gott hin. Dann werden Wunder geschehen, Dinge, die wir uns nicht haben träumen lassen.
Amen


Liedvorschläge zur Predigt:
Zu Mk 8, 22-26:
Strahlen brechen viele (EG 268)
Nun lob, mein Seel, den Herren (EG 289)
Du meine Seele, singe (EG 302)
Jesu, hilf siegen (EG 373)
"Eins ist not!" Ach Herr, dies eine (EG 386)
Gott gab uns Atem, damit wir leben (EG 432)